Familien-Drama in Flaach ZH – Grosseltern klagen Behörden an «Warum habt ihr die Kinder nicht uns gegeben?»

FLAACH - ZH - Nach dem Tod ihrer Enkel am Neujahrsabend stellt sich die ganze Schweiz dieselbe Frage: Warum übergab die Kesb Alessia (†2) und Nicolas (†5) nicht den Grosseltern?

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Warum nur? Warum? – diese Frage quält die Grosseltern von Alessia und Nicolas am allermeisten. Ihre Enkel wurden am ersten Tag des neuen Jahres umgebracht – von ihrer eigenen Mutter Natalie K.* (27)!

Natalie ist die Tochter von Björn (49) und Christine (50) K. Jetzt sitzen sie in der Stube ihrer Wohnung in einer Zürcher Vorortsgemeinde und fragen immer wieder: Warum? Für ihre Enkelkinder haben die Grosseltern liebevoll ein Kinderzimmer eingerichtet. Ein Kajütenbettchen und ein Schaukelschaf stehen dort, Spielsachen liegen bereit. An den Wänden hängen Kinderzeichnungen. Katze Simba streift im Zimmer herum – allein.

«Alles wäre für die Kinder bereit gewesen», sagt Christine K.

Ihren Anfang nimmt die unfassbare Tragödie am 4. November 2014. Frühmorgens klingelt die Polizei an der Türe von Natalie und Mike K. (28) in Flaach. Gegen den Familienvater liegt ein Haftbefehl vor. Die Polizei ermittelt wegen diverser Betrugsdelikte gegen ihn. Er soll auf Internet-Auktionsplattformen Waren angeboten, das Geld kassiert, dann aber nicht geliefert haben.

Die Polizei nimmt zur Abklärung auch Natalie mit, die Mutter von Alessia und Nicolas. Zur Unterbringung der Kinder hat die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) Winterthur-Andelfingen bereits zwei Plätze in einem Stadtzürcher Kinderheim organisiert.

Sofort informieren die jungen Eltern Björn und Christine K., die Grosseltern. Könnten nicht sie die Kinder aufnehmen? «Schon am Tag der Verhaftung boten wir der Kesb an, unsere Enkel verübergehend aufzunehmen», sagt Björn K. Später, so auch in einem Mail vom 24. November, doppeln sie nach: «Wir bitten Sie, Alessia diese Chance zu geben und sie in unsere Obhut zu übergeben.» Doch die Behörde geht nicht darauf ein. Nicht einmal eine Antwort bekommen die Grosseltern. Die Kinder bleiben im Heim. Dabei hätten Björn und Christine K. ihren Enkeln ein gutes Zuhause bieten können. Der Grossvater hat einen Kaderjob bei den Zürcher Verkehrsbetrieben (VBZ), Christine K. ist Hausfrau. Beide engagieren sich in ihrem Wohnort bei der freiwilligen Feuerwehr – er sogar als Präsident – und im Samariterverein.

Seine Fähigkeit, Krisensituationen zu bewältigen, hat Björn K. bewiesen: Beim Swissair-Unglück vor Halifax 1998 leitete er ein Care-Team vor Ort. «Hätte uns die Kesb nur einmal gegoogelt, hätte die Behörde gewusst, dass wir verantwortungsbewusste Menschen sind», sagt Björn K.

Wenige Tage nach ihrer Verhaftung am 4. November kommt Natalie wieder frei. «Ich habe mit den Betrügereien von Mike nichts zu tun», beteuert sie mehrfach.

Und dann kämpft sie um ihre Kinder. In einer gemeinsamen Standortbestimmung Mitte Dezember wird mit dem Beistand der Kinder und den Heimverantwortlichen festgehalten, dass es das Beste sei, wenn die Kleinen am 19. Dezember zu ihrem Mami können. «Nicolas und Alessia werden wieder mit ihrer Mutter in Flaach leben und Nicolas kann dort den Kindergarten besuchen», heisst es in dem Schreiben, das SonntagsBlick vorliegt.

Natalie K. setzt all ihre Hoffnungen in dieses Papier – vergebens: Am 23. Dezember informiert die Kesb die Mutter, dass ihre Kinder nur in den Weihnachtsferien nach Hause dürfen – aber am 4. Januar zurück ins Heim müssen. Und dass die Massnahmen der Kesb bis Oktober 2016 in Kraft bleiben.

Noch am selben Tag schaltet Natalie K. die Anwältin Daniela Fischer (31) ein.

Die sagt: «Ich habe Natalie als gute Hausfrau und fürsorgliche Mutter erlebt, die sich sehr gut um ihre Kinder kümmert.» Sie sei zwar sehr verzweifelt gewesen. «Aber nichts deutete darauf hin, dass sie so eine Tat verüben könnte», sagt die auf Familien- und Strafrecht spezialisierte Zürcher Anwältin.

Nichts habe dagegen gesprochen, dass die Kinder nach der Verhaftung der Eltern vorübergehend bei den Grosseltern hätten wohnen können. Absolut nicht verstehen kann Fischer den Entscheid der Kesb, die Kleinen nach den Weihnachtsferien wieder ins Heim zu schicken: «Wenn die Kinder zwei Wochen lang bei ihrer Mutter gut aufgehoben sind – warum mussten sie danach wieder ins Heim?», fragt sie.

Sie habe den Eindruck, dass die Behörden vor den Ferien unbedingt einen Entscheid wollten, damit über die Feiertage Ruhe ist. Als sie am 24. Dezember beim Bezirksrat Winterthur Beschwerde einreicht und erreichen will, dass die Kinder nach Weihnachten nicht ins Heim zurück müssen, ist man dort wenig begeistert. «Die Mitarbeiterin war sauer, weil sie ihre Weihnachtsferien ruiniert sah», erzählt Fischer.

An Silvester entscheidet der Bezirksrat, dass über Fischers Beschwerde erst im neuen Jahr befunden wird. Im Klartext bedeutete das: Die Kinder müssen zurück ins Heim.

In dieser Situation brennen bei Natalie K. alle Sicherungen durch. Am Abend des folgenden Tages tötet sie ihre beiden Kinder – wie, muss die Autopsie noch zeigen. Sie selbst versucht sich im nahen Wald die Kehle aufzuschlitzen; die Polizei findet sie schwer verletzt und blutüberströmt.

Zurzeit liegt Natalie K. noch im Spital. Die Polizei und ihre Anwältin konnten noch nicht mir ihr sprechen. Fischer will schon bei der ersten Einvernahme dabei sein. Laut Staatsanwaltschaft wird dies frühestens am Montag oder Dienstag möglich sein.

Auch die Grosseltern hatten noch keinen Kontakt: «Wir wollten Natalie im Spital besuchen. Doch dort liess man uns nicht vor», sagt Björn K.

Publiziert am 04.01.2015 | Aktualisiert am 05.01.2015
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Natalie und Mike K. mit ihren Kindern und Merlin, dem Familienhund. play

Natalie und Mike K. mit ihren Kindern und Merlin, dem Familienhund.

Eine der letzten Zeichnungen des fünfjährigen Nicolas – er malte gerne Züge. play
Eine der letzten Zeichnungen des fünfjährigen Nicolas – er malte gerne Züge.

Das sagt die Kesb zu den Vorwürfen

Es habe vor der Tat keinerlei Hinweise auf eine akute Gefährdung der Kinder durch ihre Mutter gegeben, wehrt sich die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) gegen den Vorwurf, Risiken unterschätzt zu haben. Gestern bedauerte sie in einer Stellungnahme die tragische Entwicklung: «Wir sind erschüttert über die Nachricht des Todes der beiden Kinder in Flaach, den Angehörigen drücken wir unser tiefstes Beileid aus.»

Nach der Inhaftierung der beiden Eltern habe die zuständige Kesb Winterthur-Andelfingen eine vorübergehende Unterbringung der Kinder in einem Heim angeordnet. «Es handelte sich um eine Ausnahme- und Konfliktsituation, in denen die Kesb Lösungen zum Wohl und Schutz der Kinder finden muss», heisst es weiter in der Mitteilung.

Später erklärte Ruedi Winet, Präsident der Vereinigung der Kesb im Kanton Zürich, in einem Radio-Interview: «Im Nachhinein kann man immer sagen, dass die Gefährdung unterschätzt worden ist.»

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