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Wollte das Schlafwandeln nur vortäuschen: Bianca B.- Keystone
Seit heute ist bekannt, wie es um die Psyche der mutmasslichen Kindsmörderin Bianca B. beschaffen ist: Sie kann Wirklichkeit und Lüge nicht auseinenderhalten, sie ist ein Kontroll-Freak und hat das Gefühl, die Welt habe sich gegen sie verschworen.
Oder wie es Psychiater Frank Urbaniok ausdrückt: Bianca B. hat eine «Persönlichkeitsstörung, nicht näher bezeichnet, mit zwanghaften persönlichen Anteilen. Eine negative Perzeption der Aussenwelt und einen inkonsistenten Realitätsbezug.»
Zudem ging es im Prozess ausserdem um die Frage, ob Bianca B. ihre Kinder als Schlafwandlerin getötet hat. Sie behauptete, schliesslich hätte sie immer nach der Einnahme des Schlafmittels «Stilnox» schlafgewandelt.
Um dies festzustellen, wurden mit Bianca zwei Tests im Schlaflabor durchgeführt. Einmal erhielt sie kein Schlafmittel – und schlief die Nacht durch. Beim zweiten Mal verabreichten sie ihr «Stilnox» – und siehe da: Bianca stand in der Nacht von ihrem Bett auf, bewegte sich in Zeitlupe an Ort und Stelle und drehte sich schliesslich um die eigene Achse, bevor sie sich wieder hinlegte.
Aber: Da während dem Experiment ihre Hirnströme gemessen wurden, wurde ersichtlich, dass sie sich im Wachzustand befand. Offensichtlich wollte sie das Schlafwandeln vortäuschen. Frank Urbaniok sagte dazu, dass dies «wahrscheinlich» sei. Was wiederum gut zu ihren erfunden Geschichten passt. «Eine solche Simulation lässt sich gut in ihr Persönlichkeitsprofil einordnen», so der Psychiater.
Die Möglichkeit, Bianca B. hätte ihre Kinder als Schlafwandlerin umgebracht, wurde heute vor Gericht faktisch ausgeräumt. Dr. Claudio Basetti, Leiter des Schlaflabors, sagte: «Es scheint unwahrscheinlich, dass Frau B. ihre Kinder im Schlaf getötet hat.»
Die Lebenssituation der Angeklagten war in den ein, zwei Jahren vor der Tat zunehmend kompliziert und unüberschaubar geworden. Gesundheitliche Probleme nach Operationen machten es ihr immer schwieriger, die perfektionistischen Ansprüche an sich selbst zu erfüllen. Dazu kamen zwei verheimlichte Liebhaber und konkrete Trennungsgedanken. Urbaniok: «Der Druck im Kessel nahm zu.»
Bei der Suche nach einer Lösung aus der verfahrenen Situation kam der instabile Realitätsbezug zum Tragen. Die Frau konnte Ideen entwickeln, «die anderen Menschen nicht einfallen», so der Psychiater. Zudem funktioniere bei ihr der Filter von Kontrolle und Hemmung viel weniger als bei normalen Menschen – der Schritt von der Idee zur Tat erfolge leichter.
Bei der Realisierung der Idee, die Kinder und damit eine Schwierigkeit aus dem Weg zu räumen, spielte schliesslich die Zwanghaftigkeit eine Rolle – immer unter der Annahme der Täterschaft der Frau, von der die Gutachter auszugehen hatten. Nun ging es nur noch um die effiziente Umsetzung, technische Details rückten ins Zentrum der Aufmerksamkeit.
In seinen Ausführungen empfahl Urbaniok eine Therapie im Strafvollzug – falls denn das Gericht zu einem Schuldspruch komme.
Das Risiko für künftige schwere Delikte sei bei der Angeklagten aufgrund von deren Persönlichkeitsstörungen «deutlichst» höher als bei der Normalbevölkerung. Dabei wären durchaus nicht nur Kinder potenzielle Opfer, sagte Urbaniok. (SDA)