Ein Heimleiter packt aus: «Die Hälfte der neuen Pfleger ist ungeeignet»

Nach dem Skandal im Stadtzürcher Pflegeheim Entlisberg schlagen Experten Alarm: Vielen Pflegern fehlt es an Menschlichkeit.

  • Publiziert: 01.03.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Silvana Guanziroli
play Manko Laut Heimleiter Michael Schmieder versagen viele Pfleger menschlich total. (Sabine Wunderlin)

Michael Schmieder (54) ist Leiter des Pflegeheims Sonnweid in Wetzikon ZH, ein Mann mit jahrelanger Berufserfahrung. Jetzt spricht er Klartext: «Bei der Betreuung von demenzkranken Patienten ist eine liebevolle Zuwendung das Wichtigste. Ist ein Pfleger dazu nicht in der Lage, ist er fehl am Platz.» Und das sind nicht wenige. «Von den neuen Pflegenden sind 50 Prozent ungeeignet», so Schmieder. Er prüft Neueinsteiger auf ihre menschlichen Qualitäten. Und er reagiert sofort: «Einen Teil müssen wir wieder entlassen. Die anderen merken es selber.»

Kontrollen wie in Wetzikon gibt es längst nicht überall. «Heute zählt nur das Fachwissen», so Schmieder. Er fordert deshalb von den Behörden: «Es muss ein Umdenken stattfinden. Es braucht diesen ‹Menschlichkeitstest›.» Mit dieser Forderung ist er nicht allein. Auch der Zürcher Stadtarzt Albert Wettstein (62), ebenfalls ein Experte, wenn es um die integrierte Versorgung von Demenzkranken geht, teilt seine Meinung. «In der Pflege braucht es nicht nur Akademiker, sondern liebevolle Menschen, egal mit welcher Ausbildung.»

Alles andere als liebevoll zeigten sich die Quälschwestern Gordana (33), Marianna (24) und Ada* (22) . Sie verhöhnten, quälten und filmten demente Patientinnen. Die Taten geschahen im Mai 2008. Doch erst am Dienstag reagierten die Behörden auf Recherchen von BLICK. Die Frauen wurden verhaftet und fristlos entlassen. Von Schuldgefühlen ist bei den Täterinnen nichts zu spüren. Schwester Gordana, die für die Ausbildung der Lehrlinge im Entlisberg zuständig ist, sagte diese Woche lediglich: «Ich bin doch keine böse Frau.»

Der Skandal zieht weitere Kreise. Zürichs Stadtrat Robert Neukomm (60, SP) hat eine administrative Untersuchung eingeleitet. «Ich habe Hinweise, dass das Kader von den Zuständen gewusst haben soll. Wie es genau war, muss diese Untersuchung klären.» Sicher ist: Die Quälschwestern haben einen ganzen Berufsstand in Verruf gebracht. Ein 20-köpfiges Careteam kümmert sich jetzt um besorgte Angehörige und verunsicherte Angestellte.

* Name geändert