Das grosse BLICK-Weihnachtsgespräch mit Pfarrer Sieber (89) «Menschen ohne Obdach – bei uns. Das darf nicht sein!»

ZÜRICH - Bald ist er 90, der Zürcher Pfarrer Ernst Sieber. Seit Jahrzehnten setzt er sich für die Ärmsten ein. Ein Gespräch über Nächstenliebe, den wahren Wert von Weihnachten und das perfekte Geschenk.

Aktuell auf Blick.ch

Top 3

1 #SID24 - Zürcher Retter live im Netz Polizei-Taucher twittern aus dem...
2 Filippo Leuteneggers Pläne Fahren bald fahrerlose Laster durch Zürich?
3 Ärzte des Zürcher Kinderspitals schlagen Homöopathie-Alarm ...

Schweiz

Immer informiert - Abonnieren Sie den Blick-Newsletter!
Bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Schön, dass wir Ihnen unsere BLICK News des Tages senden dürfen. Möchten Sie zusätzlich den BLICK Sport Newsletter erhalten?
teilen
teilen
56 shares
17 Kommentare
Fehler
Melden

Der Vollmond schiebt sich eilig über die Bergkuppe in den dunkelblauen Himmel. In seinem Licht zeichnet sich die Krempe des berühmtesten Filzhuts der Schweiz ab: Der Zürcher Pfarrer Ernst Sieber (89) wartet vor seinem Atelier in Unteriberg SZ. Zum Malen zieht er sich hierher zurück, in ein umgebautes Bienenhaus, das sich neben ein 200 Jahre altes Bauernhaus duckt. «Es ist eine Traumwelt hier, gälled», grüsst er und duzt.

Bilder verstellen das warme Atelier, unter dem Fenster stehen Tische voller Acryl-Tuben, von der Decke hängt eine zerbeulte Baustellenlaterne. Der Pfarrer setzt sich auf einen Holzstuhl, über ihm der gekreuzigte Jesus, gemalt auf Jute.

«Ich will geliebt werden», sagt Pfarrer Sieber. play
«Ich will geliebt werden», sagt Pfarrer Sieber. Joseph Khakshouri

Und dann beginnt, was schon oft als Sieber-Monolog beschrieben wurde. Er erzählt Anekdote um Anekdote, von seinem einstigen Leben als Knecht im Zweiten Weltkrieg, vom langen Wirken als Kämpfer für die Ärmsten. Mehrmals empört er sich lautstark über die Ungerechtigkeit der Welt. Sieber poltert, zetert und zitiert schon im nächsten Atemzug auswendig lange Passagen aus der Bibel.

Pfarrer Sieber, letztes Jahr sagten Sie, das sei vielleicht Ihre letzte Weihnacht. Nun sind Sie immer noch da.
In den letzten Monaten dachte ich oft, so, jetzt wäre es dann mal Zeit. Ich würde nicht ungern gehen. Aber der Chef will mich offenbar noch nicht zu sich holen.

Was hält Sie am Leben?
Das Leben selbst. Ich habe Gaben und noch Aufgaben, es braucht mich hier noch. Ich habe mir in den Kopf gesetzt, mein Dorf zu bauen. Ein selbstverwaltetes Dorf mit einer Kirche und zwei, drei Häusern rundherum für arme und benachteiligte Menschen. Wir könnten dafür zum Beispiel eine leerstehende Kirche in der Stadt Zürich nutzen. Wer will, dass ich gehe, muss mir diesen Traum erfüllen.

Sie stellen dem Tod eine Bedingung?
Das Dorf ist mein grösster und letzter Wunsch. Und heimgehen möchte ich auf jeden Fall vor Sonja, meiner Frau.

«Es ist eine Traumwelt hier, gälled?», sagt Pfarrer Sieber in seinem Atelier. play
«Es ist eine Traumwelt hier, gälled?», sagt Pfarrer Sieber in seinem Atelier. Joseph Khakshouri

Welche Bedeutung hat Weihnachten für Sie?
Das Christuskind bringt die Liebe, die stärker ist als der Tod. Die Menschwerdung Gottes als armes Kind in Lumpen gewickelt bedeutet, dass jeder Mensch damit rechnen darf, dass man ihn liebt. Jeder Mensch ist würdig und hat Achtung verdient. Dieses Recht ist angeboren. Auf dieser Weihnachtsbotschaft gründen liberale Werte wie Menschenwürde, Freiheit und die Menschenrechte.

Haben wir diese Werte vergessen?
Absolut. Wir müssen den Westen aufrütteln und ihn an genau diese Werte erinnern. Jesus sagte: «Was ihr einem meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, habt ihr mir getan.» Deshalb müssen wir uns in den Weihnachtstagen aufmachen zu den Menschen, die in stinkenden Toiletten und dunklen Winkeln und Löchern ausharren.

Es starben viele Menschen durch Krieg und Terror in den letzten Wochen. Können wir angesichts dessen überhaupt besinnliche Weihnachten feiern?
Es ist im Moment schon dunkelste Nacht. Jetzt erst recht sollen wir Weihnachten feiern und auf das Licht blicken. Christus ist das Licht für alle Leidenden und Trauernden in dieser Welt. Versöhnung ist das, was im Moment zählt.

Glauben Sie, dass sich die Weihnachtsgeschichte wirklich so zugetragen hat?
Ja, sicher. Entscheidend ist, dass die Armen angesprochen werden. Hirten, Zöllner, Dirnen, das waren doch die Letzten.

Wie behandelt die Gesellschaft diese «Letzten»?
Kürzlich las ich in einer Zeitung, wie Obdachlose in Zürich – bei uns – immer noch im eigenen Dreck draussen übernachten müssen. Das darf nicht sein! Öffnet doch die Kirchen für diese Menschen! (Schlägt mit der Faust auf den Tisch.

Pfarrer Sieber: «Wir müssen den Westen aufrütteln.» play
Pfarrer Sieber: «Wir müssen den Westen aufrütteln.» Joseph Khakshouri

Warum setzen Sie sich für die Armen ein?
Weil ich geliebt werden will. Und weil die ersten Adressaten vom Reich Gottes die Armen sind. Auch die Reichen können dazugehören, allerdings müssen sie mit den Armen teilen. Einfach teilen!

Ihre Arbeit fordert gerade in der Weihnachtszeit ihren Tribut. Sie sind bald 90 und stets unterwegs.
Ich freue mich auf die Begegnungen im Pfuusbus, im Spital Sune-Egge, in der Arbeitsgemeinschaft Sune-Boge, im Sune-Dörfli oder in der Dorfgemeinschaft Spiesshof. Unser Sohn begleitet mich schon seit 35 Jahren mit seinem Saxophon an die Weihnachtsgottesdienste.

Wie feiert die Familie Sieber?
Immer anders, stets übermütig und fröhlich. Wir freuen uns, dass es weihnachtet und nicht ein-nachtet. Einmal stellten wir den Baum erst am 1. Januar auf, da fielen gleich alle Nadeln runter.

Welches war Ihr traurigster Weihnachtsabend?
Einst war ich an Heiligabend am Sterbebett von Hans Engeler, einem meiner liebsten Brüder. Plötzlich sagte er, Ernst, siehst du dieses Licht? Es wurde still. Dann sagte er, ich solle heimgehen, er gehe jetzt auch heim. Aber ich solle aufpassen, es habe Eis auf der Strasse. Dass er sich im Moment des Sterbens noch um mein Wohl sorgte, hat mich tief berührt. Diese Begegnungen sind nicht zufällig.

Soll man an Weihnachten in die Kirche?
Man soll in die Kirche, um Gemeinschaft zu erleben und nicht unbedingt, um die Predigt zu hören. In guter Gemeinschaft schüttet der menschliche Körper Glückshormone aus. Je grösser dein soziales Netz ist, desto besser geht es dir.

«Der Chef will mich offenbar noch nicht zu sich holen.» Pfarrer Sieber vor dem «Fluebrig» im Ybrig (SZ). play
«Der Chef will mich offenbar noch nicht zu sich holen.» Pfarrer Sieber vor dem «Fluebrig» im Ybrig (SZ). Joseph Khakhsouri

2016 war ein schreckliches Jahr. Wäre die Welt friedlicher, wenn alle Christen wären?
Nein. Die Einkommensunterschiede treiben grössere Keile in die Gesellschaft als die Religionen. Die 60 reichsten Menschen besitzen so viel wie die ärmere Hälfte der Welt. Das sagt doch alles. Ich will übrigens keinen christlichen Staat. Dass die Schweiz die Religionsfreiheit hat, ist ein Geschenk.

Wieso schenken wir?
Wegen der Reaktion des Gegenübers. Indem wir anderen eine Freude machen, erleben wir selber Freude. Ich habe in all den Jahres so viele Male erlebt, wie Menschen reagieren, wenn sie eine saubere Decke und ein Bett haben. Wenn ich schenke, wird es mir warm ums Herz.

Wann ist ein Geschenk perfekt?
Wenn ein Mensch von Herzen schenkt und man sich dafür etwas überlegt hat. Wenn mir einer eine Kiste Farben schenkt, ist das für mich aufstellender als eine Kiste Champagner. Aber es gehören auch Pinsel dazu.

Über welches Geschenk haben Sie sich kürzlich gefreut?
Mein grösstes Geschenk ist Sonja. Das Leben ohne sie wäre daneben. Und ich bin sehr dankbar für meine Kinder, diese Schätze.

Herr Pfarrer, sind Sie kommende Weihnachten noch da?
Mehrmals habe ich schon gedacht, dass es mich gleich umhaut. Ich gehe mit dem Grind durch die Wand. Mich reizt die Auseinandersetzung immer noch. Deshalb denke ich, ja, schon. Aber Gott weiss es besser.

In den Tagen nach dem Gespräch ruft Ernst Sieber mehrere Male auf der BLICK-Redaktion an, um ja sicher zu gehen, dass das Interview «kein liebes, harmonisches Weihnachtsgespräch» werde. Er sei sehr empört darüber, dass in der Schweiz zur Weihnachtszeit noch immer Menschen im Freien schlafen müssen. Das wolle er bloss nochmals klarstellen.

Ernst Sieber erzählt BLICK-Autoren Gabi Schwegler und Adrian Meyer eine seiner vielen Anekdoten. play
Ernst Sieber erzählt BLICK-Autoren Gabi Schwegler und Adrian Meyer eine seiner vielen Anekdoten. Joseph Khakshouri
Publiziert am 24.12.2016 | Aktualisiert am 24.12.2016
teilen
teilen
56 shares
17 Kommentare
Fehler
Melden

TOP-VIDEOS

17 Kommentare
  • Marcel  Stierli aus Mérida, México
    25.12.2016
    Ich halt relativ wenig von Glauben, Christentum und von Gott. Aber jedesmal wenn ich den Mann sehe, höre oder lese denke ich mir: Vielleicht gibt es ihn ja doch irgendwo da draussen.
  • jürg  frey aus teufen
    24.12.2016
    An alle Kritiker. Man sollte nicht kritisieren an Jemanden der das tut, was man selbst nicht tut. Wenn er geht, geht Vieles, für ein besseres Zürich und nicht nur das.
  • jürg  frey aus teufen
    24.12.2016
    Er ist das Beste was uns passieren kann. Er ist nicht nur der Prediger in der Wüste, er handelt auch und dafür sind wir ihm dankbar, oder! Danke für den Bericht.
  • Ben  Rüttimann aus Kriens
    24.12.2016
    Schön wäre wenn jeder Mensch auf dieser Erde an sein Gott oder auch Götter glauben dürfte ohne von anderen Menschen mit oder ohne Gewalt zu Ihrem einzig richtigem angenommen Gott zu bewegen.Frohe Weihnachten
  • reto  schweizer 24.12.2016
    Pfarrer Sieber ist sensationell und er verdient viel Lob für sein Wirken.
    Die 60 reichsten Leute der Welt könnten wenn sie nur 10 Prozent ihres Vermögens hergeben würden dafür sorgen dass niemand mehr Hunger leiden muss.
    • jürg  frey aus teufen
      24.12.2016
      Wahr, aber dass wird Wunschdenken bleiben und war es immer. Da kommt dann die Geschichte mit dem Nadelöhr und dem Kamel. Und dennoch vergessen Sie bitte nicht, es gibt viele Reiche, die spenden jedes Jahr und auch übers Jahr ganz schöne Beträge für die Spendenaktionen.