Ausbruch: Darum ist der Schaffhauser Knast nicht ganz dicht

SCHAFFHAUSEN – Ein 36-cm-Loch in eine butterweiche Wand zu kratzen – dieses «Kunststück» schaffte ein Häftling in Schaffhausen. Was ist denn da los? Und welche Rolle spielt der Denkmalschutz in der Knast-Posse?

  • Publiziert: 18.06.2009, Aktualisiert: 13.01.2012
  • Von Roman Neumann
play Hier kletterte Afrim Nikoci «wohl rückwärts heraus, hangelte sich herunter und landete weich im Busch», spekuliert Gefängnisleiter Lorenz Ammann. (Keystone)

Grosse Aufregung im beschaulichen Schaffhausen: Der Albaner Afrim Nikoci (21) bricht nach klassischer Manier aus dem altehrwürdigen Gefängnis aus. Er gräbt mit einem Stuhlbein ein Loch in die Zellenwand, als wäre es das Leichteste der Welt.

Man wundert sich: Ist der Knast in Schaffhausen so löchrig wie ein Emmentaler Käse? Reicht eine Kalksteinwand aus, um Verbrecher hinter Schloss und Riegel zu halten? Offenbar nicht. Gefängnisleiter Lorenz Ammann sucht eine Entschuldigung: «Das Gebäude ist 100-jährig. Wir können ja nicht einfach in jeder Zelle eine Betonwand hochziehen!»

Schliesslich habe die kantonale Denkmalpflege ein Auge darauf geworfen, sagt Ammann. Haben die Denkmalschützer den Ausbruch etwa erst ermöglicht? Von wegen. «Wenn das Gefängnis sicher gemacht werden muss, werden wir uns nicht dagegen wehren», sagt Flurina Pescatore von der Denkmalpflege.

Ein 100-jähriges Gebäude als Gefängnis, mit weichen Wänden aus Kalksandstein. Sicher soll es sein! Lorenz Ammann stimmt zu: «Wir werden Massnahmen ergreifen müssen», sagt er. Als erste Sofortmassnahme werden alle Zellen im Gefängnis sofort durchsucht – Nachahmer sollen keine Chance haben.

In der Nacht sind die Knastis alleine

Ein Knast mit 36 Zellen und acht Aufsehern. Hier sitzen Kriminelle doch gut bewacht hinter Gitter. Gut bewacht? Um 19 Uhr geht der letzte Aufseher in den Feierabend. Die Häftlinge sitzen in ihren Zellen – die ganze Nacht ohne Aufsicht. Fühlen sich die Häftlinge unwohl, können sie über einen Gegensprechanlage einen Polizisten aus dem benachbarten Posten rufen.

Am Morgen um 6 Uhr trudelt der erste Aufseher im Gefängnis wieder ein. Übrigens auch die Zeit, als der Ausbruch bemerkt wird. Doch warum kriegt niemand in der Umgebung etwas mit? «Die Geräuschkulisse muss eher klein gewesen sein, da er wohl mehr gekratzt als gehämmert hat», sagt Lorenz Ammann.

Schon über alle Berge?

Ausserdem ist der Polizeiposten zwar nur 50 Meter entfernt, doch auf der abgewandten Seite des Gefängnisses – niemand hört etwas. Das Material, das Häftling Afrim Nikoci aus der Wand kratzt, holt er nach innen herein und versteckt es in seiner Zelle.

Jetzt wird nach Afrim Nikoci national gefahndet. Doch er könnte sich schon ins Ausland abgesetzt haben. Patrick Caprez von der Schaffhauser Polizei glaubt nicht daran, dass sich der Häftling noch im Kanton Schaffhausen befindet. «Wir nehmen an, dass er sich schon in den süddeutschen Raum oder Richtung Zürich abgesetzt hat.»