Kommentar von SonntagsBlick-Chefredaktor Hannes Britschgi Zückerli-Politik für Reiche

  • Aktualisiert am 16.01.2012

Sonderzonen, Luxusklasse, Steuerprivilegien: kein Lebensbereich, wo dieser Tage nicht ein Wohlfühlprogramm für die ganz Reichen entwickelt wird. Nun haben sich sogar die SBB-Planer von diesem Virus anstecken lassen. Sie basteln an Luxuswaggons herum, in denen die Wohlbetuchten künftig auch auf Schienen statusgerecht durch die Gegend geschaukelt werden können.

Mit Steuerprivileg und Sonderzonen locken wir wohlhabende Ausländer und Reiche mit Schweizer Pass in kantonale und lokale Steueroasen. Früher waren es Hergiswil und Zug, heute heissen sie Freienbach und Obwalden.

Wenn sich die Reichen sündhaft teure Nobelabsteigen und Edelkarossen leisten wollen, dann ist das in Ordnung. Wenn aber neuerdings das Gemeinwesen, wenn staatliche und halbstaatliche Betriebe bestimmten Bürgern Privilegien zuschanzen wollen, und dies auf Kosten der Allgemeinheit, dann stellen sich grundsätzliche Fragen.

Die Moderne Schweiz ist ein so überzeugendes Gesellschaftsmodell, weil hier neben der kulturellen und der regionalen Balance die gesellschaftliche stimmt: In Volksschule und Militär begegnen sich alle Schichten, machen gemeinsame Erfahrungen, teilen Freud und Ärger. So entsteht der soziale Kitt, der die Gesellschaft über alle Standesdünkel und Minderwertigkeitskomplexe hinweg zusammenhält.

Die «Gated Community» aber, die abgeriegelte Reichenzone, ist kein Modell für unser Land. Das hat nichts mit Neid oder Sozialismus zu tun, sondern mit der Notwendigkeit einer gut durchmischten Gesellschaft. Und einer Nation, die nicht durch die Gegensätze von oben und unten, reich und arm, von Privilegien und Diskriminierung bestimmt ist.

Der Verlust der MItte ist ein schleichender Prozess – und Gift für ein gesundes Land. Deshalb sollten wir Trennwände bekämpfen, wo immer sie entstehen. Ob sie Luxusklasse heissen, Steuerprivileg oder Sonderzone. Wir Schweizer sind zu Recht stolz darauf, dass keiner von uns gleicher sein darf als der andere.

Top 3

1 Betrugs-Opfer Conni Kuhn erzählt «Wie konnte ich nur so dumm sein?»bullet
2 Lawinendrama am Pilatus Sportschule trauert um ihren «Studi»bullet
3 Kälte-Ticker Bise bläst den Feinstaub weg – aber es bleibt kaltbullet

Schweiz