Alt Bundesrat Adolf Ogi: «Zu Hause brennt stets eine Kerze für Mathias»

  • Publiziert: 04.10.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Reza Rafi und Karin el Mais
play Naturverbunden: Adolf Ogi im Garten des Hotels Baur au Lac in Zürich. (Sabine Wunderlin)

Es ist das erste ausführliche Interview mit Adolf Ogi (67) seit dem Tod seines geliebten Sohnes Mathias. Mit SonntagsBlick sprach der frühere Bundesrat der SVP über die Konkordanz, die Aussenpolitik – und über sein Leben, das nie mehr so sein wird wie zuvor.

Im Februar musste Adolf Ogi von seinem Sohn Mathias Abschied nehmen, der mit 35 Jahren einem Krebsleiden erlegen war. Monatelang zog sich der beliebte alt Bundesrat aus dem öffentlichen Leben zurück. Zu gross war der Schmerz, zu tief die Trauer. Ende April wagte sich Ogi erstmals wieder unters Volk, schüttelte Hände, lächelte tapfer. Über seinen Verlust sprechen wollte er nicht. Nur sein leidvoller Gesichtsausdruck verriet, wie es in seinem Innern aussah. Im Gespräch mit SonntagsBlick erzählt der Ex-Magistrat nun zum ersten Mal, wie er allmählich den Weg zurück ins Leben findet.

Herr Ogi, Sie sind international fleissig unterwegs, gelten als «Ein-Mann-NGO». Verfolgen Sie auch noch das politische Leben in der Schweiz?
Ja, ich bin voll ausgelastet! Neben meinem humanitären Engagement und dem in Sachen Sport bin ich vor allem damit beschäftigt, Bürgerbriefe zu beantworten.

Ist das denn so viel Arbeit?
Ich kriege täglich bis zu 20 Briefe und Mails.

Was schreiben Ihnen die Menschen?
Viele wollen einen Rat von mir, andere laden mich zu Anlässen ein. Ausserdem kümmere ich mich um meine Frau und meine Tochter. Unser Sohn ist ja nicht mehr da – das habe ich nicht überwunden.

Was gibt einem Vater in so einer Lage Kraft?
(Lange Pause) Das eigene Kind zu Grabe zu tragen, ist das Schlimmste, was Ihnen passieren kann. Das «ohne dich» ist fürchterlich. Es ist sehr, sehr schwierig für mich, wieder zu Kraft zu kommen. Ich lese viel Ratgeberliteratur, die mir hilft, die Trauer zu verarbeiten.

Hilft Ihnen auch Ihr persönliches Umfeld?
Die Anteilnahme bei Mathias’ Abdankung war enorm. Viele Freunde helfen und stützen uns. Doch schliesslich verarbeitet jeder seine Trauer auf eigene Weise. Ein Rezept gibt es da nicht.

Können Sie weinen, Ihren Gefühlen freien Lauf lassen?
Ja. Aber ich kann nicht jeden Tag weinen. Doch ich will auch nicht verdrängen. Bei uns zu Hause brennt stets eine Kerze für Mathias. Er lebt bei uns weiter. Aber ich kann nicht mehr mit ihm reden. Das ist fürchterlich.

Hat die Trauer Sie, Ihre Frau und Ihre Tochter enger zusammengeschweisst?
Es ist eine harte Prüfung für uns alle. Mathias wohnte bis zu seinem Lizenziat daheim. Meine Frau hat grosse Mühe, das schwere Schicksal zu verkraften. Sie hat vor allem die Kinder umsorgt. Mathias und sein Mami sind sehr ähnlich: aufmerksam, bescheiden, sehr zurückhaltend. Meine Tochter und ich dagegen sind eher der extrovertierte Teil unserer Familie.

Als Bundesrat hatten Sie, wie viele Topleute in unserer Leistungsgesellschaft, wenig Zeit für die Familie. Schmerzt Sie das im Nachhinein?
Ich habe kein schlechtes Gewissen. Die Kinder wussten: François Mitterrand konnte bei mir im Büro stehen, trotzdem war ich jederzeit für sie da. Ich hatte immer ein ausserordentlich gutes Verhältnis zu unseren Kindern. Mathias und ich haben einander sehr viel gegeben.

Das Zitat «Freude herrscht» ist für immer untrennbar mit Ihrem Namen verbunden. Können Sie heute noch die Sonnenseite des Lebens geniessen?
An einer schönen Skiabfahrt oder einem gelungenen Schlag auf dem Golfplatz kann ich Freude haben. Aber der Gedanke daran, dass ich meinen einzigen Sohn verloren habe, ist immer da. Es wird nie mehr so sein wie vorher.

Spendet Ihnen die Religion Trost?
Ich glaube an Gott. Wir haben bei der Erkrankung von Mathias immer auf eine göttliche Fügung gehofft. Sie traf leider nicht ein. Ich verhehle nicht, dass nun Zweifel und Fragen auftauchen, auf die wir keine Antwort finden. Warum, warum und warum er und nicht ich?

Haben Sie eine Antwort darauf gefunden?
Nein. Aber jemand aus der asiatischen Kultur sagte mir: Gehen müssen wir alle mal. Aber Gott nimmt zuerst jene zu sich, die er gerne hat.

Herr Ogi, vom privaten zum öffentlichen Leben: Was halten Sie von der Wahl Didier Burkhalters in den Bundesrat?
Es ist sehr wichtig, dass ein Romand gewählt worden ist. Die Berücksichtigung der Minderheiten war schon immer das Erfolgsrezept der Schweiz. Es wäre aber gut, wenn bei der nächsten Gelegenheit auch das Tessin wieder in der Landesregierung vertreten wäre.

Und wie finden Sie es, dass mit Eveline Widmer-Schlumpf die Vertreterin einer Partei im Bundesrat sitzt, die nach den Regeln der Konkordanz dort nichts zu suchen hätte?
Ich hoffe, dass die Spaltung der SVP nach den Berner Wahlen im März 2010 überwunden werden kann.

Sie hoffen auf einen Erfolg von Widmer-Schlumpfs Partei BDP?
Ich glaube: Die BDP wird in Bern eine markante Anzahl Grossrat-Sitze machen, eventuell auch einen Sitz im Regierungs-rat gewinnen. Dann müssen sich gewisse Leute Gedanken machen, ob die Spaltung richtig war.

Sie meinen «gewisse Leute» in der SVP? Das klingt utopisch.
Meinetwegen. Aber es wäre im Interesse der bürgerlichen Politik. Und: Politik darf nie Selbstzweck sein!

Viele Bürger nehmen die Landesregierung als zerstrittenen Haufen von Selbstdarstellern wahr. Wie sehen Sie das?
In Zeiten wirtschaftlicher Prosperität und während des Kalten Krieges hatte unser Land eine geachtete Vermittlerrolle. Da war das Regieren einfacher als in der jetzigen Finanz- und Wirtschaftskrise.

Und heute?
In allen unseren Nachbarländern ist die Feuerwehr am Löschen von Krisen – da ist es schwierig, Freundschaften zu schliessen. Dass ein Herr Sarkozy oder ein Herr Berlu-sconi in ihrer Amtszeit noch nie in Bern waren, gibt mir zu denken. Auch Frau Merkel war nur mal ganz kurz da. Dabei nehme ich an, dass der Bundesrat Herrn Sarkozy durchaus eingeladen hat. Aber er ist nicht gekommen. Was heisst das? Wir haben keine Fürsprecher mehr. Obwohl wir doch gute, zuverlässige Nachbarn sind. In dem Libyen-Konflikt und beim Angriff auf das Bankgeheimnis mussten wir das schmerzlich merken.

Was lief da schief?
Man muss sich fragen, ob unser Regierungssystem in Krisenlagen noch zeitgerecht handeln kann, um die heutigen Probleme rasch zu lösen.

Haben Sie ein besseres Modell?
Ich fände es wichtig, dass der Bundespräsident drei bis vier Jahre im Amt bleibt. Dazu eine kleine Anekdote: Als Bundespräsident Kurt Furgler einst Michail Gorbatschow und Ronald Reagan in Genf empfing, sagte Gorbatschow zu Furgler, er würde ihn nächstes Jahr gern zu einem Staatsbesuch nach Moskau einladen. Da entgegnete Furgler: «Das freut mich sehr, aber ich bin nächstes Jahr nicht mehr Bundespräsident.» So kann man keine Freundschaften aufbauen.

Bewerten Sie das Zwischenmenschliche da nicht zu hoch?
Ich bin überzeugt: Früher wäre die Schweiz nie auf eine graue Liste gesetzt worden, ohne dass ein Mitarbeiter von Herrn Kohl oder Herrn Mitterrand uns zuvor kontaktiert hätte. Und für so etwas braucht es gute persönliche Beziehungen.

Dafür haben wir doch eine Aussenministerin. Die ist länger als ein Jahr im Amt.
Sehen Sie, es gibt ganz starke Kräfte in unserem Land, die gar nicht wollen, dass die Schweiz viel Kontakt mit dem Ausland hat.

Sie spielen auf die SVP an?
Ich nenne niemanden beim Namen. Dass der Bundespräsident nicht im Ausland verhandeln soll, ist auch meine Meinung. Aber man muss unser Land im Ausland verantwortungsvoll vertreten.

Was hätte Hans-Rudolf Merz im Fall Libyen denn tun sollen – einen Drittstaat einschalten?
Sie werden mir keine Kritik an Herrn Merz entlocken. Ich stelle nur fest: Niemand hat uns geholfen. Stattdessen feierte Berlusconi mit Gaddafi an dessen Party in Tripolis. Hat er dort unsere Probleme mit den Geiseln angesprochen?

Persönlich

Staatsmann und Freund des Volkes: SVP-Politiker Adolf Ogi (67) war Bundesrat von 1988 bis 2000 und prägte die Politik der 90er-Jahre – als Neat-Initiant, als Armeeminister, Vermittler für europäische Probleme und parteiinterner Gegenspieler von Christoph Blocher (68).

Der Berner Oberländer engagiert sich bei verschiedenen Hilfswerken: Right to Play, Swisscor und Scort. Ogi ist Präsident des Stiftungsrats des Stockalperturm Gondo, Beiratspräsident des Swiss Economic Forum, leidenschaftlicher Berg- und Skisportler sowie Golfspieler – sein Handicap beträgt 16.7.

Er ist verheiratet und hat eine Tochter. Sein Sohn Mathias starb am 18. Februar 2009 an einer seltenen Form von Krebs.

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