Weil Vitus Huonder sie mit dem Kirchenbann belegt Guggen-Aufstand gegen den Bischof

  • Aktualisiert am 03.01.2012
  • Von Silvana Guanziroli
Narrenmesse: Die Guggen­musik Rampassä letztes Jahr in der ­Kirche St. Martin: Das will Bischof Huonder nicht mehr erlauben.- Franz Steinegger

Guggenmusik in der Kirche: Welch ein Frevel für Bischof Vitus Huonder (67)! Jetzt hat der Kirchenführer die Schwyzer Fasnachtsmesse verboten. Dort ist seither der Teufel los.

Der Kanton Schwyz ist eine der Fasnachts-Hochburgen der Innerschweiz. Die Narrenzeit gilt als einer der Höhepunkte im Jahr, die ganze Bevölkerung fiebert ihr entgegen. Das interessiert Vitus Huonder, den Bischof von Chur, herzlich wenig. Kurzerhand liess er die diesjährige Narrenmesse in der Kirche St. Martin in Schwyz verbieten.

Der Entscheid fiel am Donnerstag im Bischofsrat in Chur. Fasnächtliche Kostüme und schränzende Guggen hätten im Kirchenraum nichts zu suchen, lässt der Bischof ausrichten. Sein Sprecher Christoph Casetti (66) ergänzt: «Die Kirche ist ein geweihter Raum. Eine Eucharistiefeier ist das Heiligste, was die katholische Kirche hat. Davor sollten wir Ehrfurcht haben.»

Die Feier hätte am Fasnachtssonntag, dem 14. Februar stattfinden sollen – bereits zum zweiten Mal. Vor einem Jahr nahmen etwa tausend Besucher an der Messe teil, fast die Hälfte in farbenfrohen Kostümen und fantasievollen Gewändern. Pfarrer Reto Müller (58): «Es war ein voller Erfolg, wir hatten nur positive Reaktionen.»

Über das Verbot seines Chefs kann Müller nur den Kopf schütteln. «Ich bedaure diesen Entscheid sehr und empfinde ihn als völlig unverhältnismässig.»

Doch der Schaden ist bereits angerichtet. In Schwyz kocht die Volksseele. Die Fasnächtler können das Verbot nicht verstehen. «Das gibt es doch nicht», ärgert sich der ehemalige TV-Moderator und Ländlerkönig Sepp Trütsch (60). Der gebürtige Schwyzer betreibt das Hotel und Restaurant Wysses Rössli direkt neben der Kirche. «Ich war letztes Jahr an der Fasnachtsmesse und wäre auch in diesem Jahr gegangen. Das Verbot macht die Leute hier wütend.»

Beata Willi (22), Präsidentin der Guggenmusik Rampassä, spricht aus, was in Schwyz die meisten denken: «Die Kirche sollte sich in Zeiten, in denen sie immer mehr Mitglieder verliert, nicht mehr so verschlossen zeigen.»

In Schwyz ist man traditionell nicht sehr obrigkeitshörig. Und man lasse sich deshalb auch nicht alles gefallen, sagt Philipp Tschümperlin (47), Initiant der Fassnachtsmesse und Ehrenmitglied der Narrengesellschaft Schwyzer Nüssler.
Im SonntagsBlick kündigt Tschümperlin Widerstand an: «Ich gehe davon aus, dass in der Kirche trotzdem irgendetwas stattfinden wird.» Eine Idee, die in Schwyz bereits die Runde macht: Wenn die Guggen nicht reindürfen, kommt der Pfarrer halt raus und hält die Messe auf dem Hauptplatz. Oder stürmen die Fasnächtler am Fasnachtssonntag gar die Kirche?

Die Gegenwehr der Schwyzer hat einen tieferen Grund. Bischof Huonders Entscheid könnte auf andere Bistümer ausstrahlen. Fasnachtsmesssen gibt es in der Schweiz seit zehn Jahren. Rund 30 Kirchen führen in der Deutschschweiz eine Narrenmesse durch. Die Pfarrer sind darüber sehr erfreut, denn ihre Kirchen sind dann prall gefüllt. «Das ist absolut im Sinn unserer Kirche. Es ist wichtig, dass wir die Menschen erreichen», sagt Pfarrer Reto Müller.

Trotzdem werden die Messen seit Jahren kontrovers diskutiert. Es erstaunt nicht, dass gerade Vitus Huonder, der für seine konservative Haltung bekannt ist, den ersten Schritt macht. Aus Kirchenkreisen verlautet, man habe noch versucht, den Bischof umzustimmen. Doch selbst drohende Negativwerbung konnte den obersten Hirten des Bistums nicht von seinem Narrenbann abhalten.

Dabei geht es auch ganz anders. In Deutschland zeigt sich der erzkonservative Kardinal Joachim Meisner (76) sehr liberal, wenn es um die Fasnacht geht. Der Kölner Kirchenmann, der Schwangerschaftsabbrüche mit dem Holocaust vergleicht und sich immer wieder kritisch zu Schwulenehen äussert, setzt bei der Narrenmesse sogar die Narrenkappe auf.

Feiern vor dem Fasten

Die Fasnacht hat eine jahrhundertelange Tradition. Als Ursprung gelten heidnische Bräuche zur Vertreibung des Winters. Im 6. Jahrhundert kam es zur Christianisierung dieses Kultes. Papst Gregor der Grosse legte eine 40-tägige Fastenzeit vor Ostern fest. Sie sollte an die Zeit erinnern, die Jesus Christus in der Wüste verbrachte. Als Fas(t)nacht galt zunächst die Nacht vor Beginn der Fastenzeit am Aschermittwoch. Heute gelten sämtliche Feierlichkeiten in der Woche vor dem Aschermittwoch als Fasnacht. In den katholischen Kantonen findet das Fest dieses Jahr vom 11. bis 16. Februar statt, in den reformierten Gegenden Anfang März (wie die Basler Fasnacht vom 2. bis 5. März).
Bischof Konservativ: Vitus Huonder hat kein Gehör für Guggen in der Kirche.- Keystone

Top 3

1 Flammen in Horw LU Stadtoriginal verbrennt in seiner Wohnungbullet
2 Tifige Arbeiter Zentralbahn wird früher fertigbullet
3 «Peinlich» FDP-Kandidat kritisiert bürgerliches Komiteebullet

Schweiz

Hat Bischof Vitus Huonder mit seinem Verbot recht?»

  • 28% Ja.
  • 72% Nein.