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Michael R.* (heute 17) hat im Frühling 2008 in Muotathal seine Stiefmutter und den Stiefbruder erstochen. Der Fall sorgte für grosse Aufregung, die Hintergründe blieben rätselhaft.
Bis gestern.
Vor dem Jugendgericht in Schwyz begann der Mordprozess gegen Michael und seinen Freund Martin K.* (heute 18).
Das schonungslose Geständnis von Michael schockiert. Es beginnt mit den Sätzen: «Ich musste es tun. Ich sah keine andere Möglichkeit.»
Kurze Haare, dunkler Anzug, Krawatte. Michael sieht aus wie ein Banklehrling, und er spricht wie ein Buchhalter: Sachlich, ohne Emotionen erzählt er dem Richter von einem obskuren Club, den sich sein ehemals «bester und ältester Freund» Martin K. ausgedacht hat. «Die Organisation» nennt er den Geheimbund.
Chef der «Organisation» ist Martin, der Gründer. Der Richter will wissen, wie man sich «Organisation» vorstellen müsse. «Das war wie bei Harry Potter. Martin war Dumbledore. Das war seine Rolle.» Dumbledore ist in den Harry-Potter-Büchern der weise Leiter der Zauberschule, der mächtigste Zauberer überhaupt (siehe Box).
Nächste Frage: «Sehen Sie sich selbst als Harry Potter?» «Nein. Ich war der Glatzkopf. Der Böse. Mir fällt sein Name nicht ein. Der Hauptbösewicht.» Er meint «Voldemort». Sein Name, glauben die Potter-Fans, darf nicht genannt werden – Voldemort ist der «Unaussprechliche».
An die Tat selbst kann sich Michael nicht erinnern: «Ich weiss noch, wie ich auf dem Bett sass. Mit dem Kopf an der Wand. Ich wehrte mich dagegen, es zu tun. Aber ich dachte immer wieder daran, was Martin mir gesagt hatte: ‹Du weisst, was passiert, wenn du das nicht tust› ».
Michael tut es. Und sagt im Gericht: «Aber ich habe keine Bilder davon, alles ist eine schwarze Wolke.»
Die Beweise sind erdrückend. Die Ermittler haben genau rekonstruiert, was Michael (damals 15) in der Nacht zum 12. April 2008 getan hat.
Staatsanwalt Benno Annen trägt vor: «Die Familie war daheim. Es gab keinen Streit.» Nach dem Essen geht Michael aufs Zimmer. Er hat noch Arbeit vor sich, ein Schulprojekt zum Thema Manga, japanische Comics. Eine gemeinsame Leidenschaft von Michael und Martin (bei ihm findet die Polizei später auch pornografische Manga-Zeichnungen).
Um 21 Uhr legt sich Michael ins Bett. 15 Minuten später geht Stiefschwester Sybille (damals 14) schlafen. Ebenso Stiefbruder Pascal (13). Er teilt mit Michael das Zimmer. Um 22.30 Uhr ist alles ruhig. Auch die Eltern gehen ins Bett.
Um 23.20 Uhr steht Michael auf. Er geht ins Bad, streift sich Latexhandschuhe über. Keine Fingerabdrücke, es soll wie ein Raubmord aussehen.
Dann geht Michael in die Werkstatt im Haus, holt einen Geissfuss. So ist es geplant: Tatwaffe soll ein Gegenstand aus dem Haus sein, wie ihn Einbrecher verwenden würden.
Und Michael öffnet eine Tür. Abgemacht ist, dass draussen Kay I. (damals 15) mit einer Schubkarre wartet. Sie wollen nach dem Mord Wertgegenstände wegschaffen, damit es nach einem Raubmord aussieht. Für Kay I. ist es eine Mutprobe. Besteht er sie, wird er Mitglied der «Organisation».
Aber Kay I. ist nicht da. Der mit Michael vereinbarte Funkkontakt ist nicht zustande gekommen.
Michael ändert seinen Plan. Er holt sich in der Küche ein Tranchiermesser. Kehrt zurück in sein Zimmer, entfernt den Plastikgriff. Und geht, wie er später im Polizei-Verhör sagt, in Gedanken den Tatablauf nochmal durch.
Gegen Mitternacht sticht er zum ersten Mal zu. Rammt das Messer 23-mal in den Körper seines Bruders Pascal. Durchsticht den Oberschenkel und den Torso des 13-Jährigen.
Schreiend stürmt Michael die Treppe hoch zum Eltern-Schlafzimmer. Und erschrickt: Sein Vater, Stefan R.*, ist wach. Er steht im Zimmer, will wissen, was los ist. Michael sticht zu, verletzt den Vater schwer im Gesicht. Dann rammt Michael seiner Stiefmutter Irene W.* (39) das Messer ins Herz. Sieben Stiche zählen die Gerichtsmediziner.
Michael fällt das Messer runter, er flüchtet. Vor der Küche zieht er die Handschuhe aus, holt sich ein neues Messer. Rennt ins Freie, kehrt zurück ins Haus, versteckt sich, wird gefasst.
Der Staatsanwalt hält fest: «Ohne die Organisation hätte die Tat nicht stattgefunden.» Die Organisation, das ist vor allem Martin, der Dumbledore.
«Du weisst, was passiert, wenn du das nicht machst», soll Martin oft gesagt haben. Michael wiederholt den Satz vor Gericht. «Ich musste meine Familie ermorden – sonst war mein Leben in Gefahr.»
Am 22. März 2008 hat Michael dem Martin erstmals vom Vorhaben erzählt, die Eltern zu töten. «Machs doch!» habe Martin gesagt.
Michael fühlt sich in der Familie zurückgesetzt, von der Stiefmutter (3. Frau seines Vaters) schikaniert. «Sybille, meine Stiefschwester, bekam alles. Sie hatte einen eigenen Laptop.» Zuletzt hat Michael monatelang Hausarrest. An den Computer darf er nur, wenn er sich mit dem Vater bei Kriegsspielen duelliert. Zeugen sagen später: «Wenn Michael seinen Vater abgeknallt hatte, triumphierte er.»
Die «Organisation» verlangt von Michael, dass er die ganze Familie ausrottet – sechs Menschen! «Martin wollte, dass ich alle umbringe. Stefan, Irene, Sybille, Pascal – und meine Schwestern, die Zwillinge. Aber die hab ich gern.»
Der Mitangeklagte Martin ist sich keiner Schuld bewusst. Ein Gedankenspiel sei alles gewesen. «Ich hätte nie gedacht, dass er dazu fähig ist.» Und dann sagt Martin: «Auch ich denke manchmal daran, meinen Stiefvater zu töten.»
Der Staatsanwalt fordert neun Monate Freiheitsentzug für Michael, 30 für Martin, beide Strafen bedingt, verbunden mit Massnahmen (Urteil heute). Michael lebt seit über einem Jahr im Heim der Stiftung Viktoria in Richigen BE.
Martin ist auf freiem Fuss, macht eine Lehre, sein Lehrmeister schreibt, er sei zufrieden.
Am Morgen nach dem Doppel-Mord schrieb Martin an die Mitglieder der «Organisation» ein SMS: Michael «hat versagt.»
*Namen der Redaktion bekannt
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