Sündenbock Ein Dorf hetzt gegen diesen Hund

  • Aktualisiert am 03.01.2012
  • Von Antonia Sell

KRIENS – Ein Elternzusammenschluss will den allgemeinen Leinenzwang durchsetzen. Und einen Sündenbock haben sie auch schon. Den 9 ½-jährigen Rottweiler Barco.

Marion und Peter R.* leben in Kriens und sind Eltern von drei Kindern. Und sie sind auf einer Mission: «Wir wollen den allgemeinen Leinenzwang für alle Hunde – überall», erklärt Marion R. gegenüber Blick.ch.

Der Grund für dieses ehrgeizige Ziel: Der Schulweg ihrer drei Kinder führt über die grosse Wengerwiese – eine beliebte Grünfläche bei Vierbeinern und ihren Haltern. «Die Kinder wurden hier einmal von einem Schäferhund angebellt», sagt Marion R. «Jetzt haben sie Angst.»

Deswegen sammelt die Familie nun Unterschriften. «Wir wollen Druck nach oben machen.» Für dieses ehrgeizige Ziel geht Peter R. sogar an die Presse. In der «Luzerner Zeitung» erzählt er von den bösen freilaufenden Hunden.

Vor allem ein Rottweiler würde seinen Kindern Angst machen. Wieso?, will Blick.ch wissen: «Na, er sieht eben böse aus und gehört zu den Kampfhunden», sagt Marion R. Etwas getan habe der Hund allerdings noch nicht. Aber das könne ja noch kommen.

Barco ist mit Kindern aufgewachsen

Der Besitzer von Barco» so heisst der neuneinhalb Jahre alte Rottweiler, ist geschockt. «Ich kenne Familie R. Die hetzen hier im Dorf gegen mich und meinen Hund», sagt Andreas Moos (34) zu Blick.ch. «Ich habe mit meinem Hund die Vielseitigkeistprüfung 3 – die schwerste aller Gehorsamkeitsprüfungen – und die Begleithundprüfung gemacht. Barco gehorcht aufs Wort.» Und nicht nur das: Andreas Moos hat selbst zwei Kinder. «Barco spielt mit ihnen, ich hole sie immer mit ihm vom Kindergarten ab. Dort wird er von allen Kindern gestreichelt.»

Auch keiner der Nachbarn hat je etwas Auffälliges auf der Wengerwiese erlebt. «Auf der Wiese gehen viele Menschen mit ihren Hunden spazieren. Ich hatte aber noch nie Probleme, mit keinem der Hunde», sagt Johanna Merz. Sie wohnt direkt an der Wengerwiese. Ob ihr jemals ein Rottweiler negativ aufgefallen sei? «Nein, nie.»

Auch der Schulwart der Amlehn-Schule, auf die die Kinder der Familie R. gehen, hat noch nie etwas von derartigen Problemen gehört. «Bei mir hat sich noch kein einziges Kind beschwert, dass es Angst vor Hunden auf der Wiese hätte. Wenn es so wäre, wüsste ich davon», sagt Antonio Mazzeo. Er arbeitet seit 11 Jahren als Hauswart an der Schule.

Beschweren, aber nicht prüfen

Was also haben die Eheleute gegen Barco? Auch beim kantonalen Veterinäramt kennt man Marion und Peter R. bereits: «Ich habe schon öfter mit der Familie gesprochen», so der Kantonstierarzt Thomas Kalbermatter. Öfter?, was wollten sie? «Sie haben sich in mehreren Telefonaten über den Rottweiler von Herrn Moos beschwert.»

Obwohl sich Barco nicht im Geringsten auffällig verhalten hat, bietet Kalbermatter an, einen Tierarzt bei Herrn Moos vorbeizuschicken.«Ich habe mehrmals angeboten, eine Wesensbeurteilung bei Barco durchführen zu lassen», sagt Kalbermatter. Doch jedes Mal bekommt der Veterinär von der Familie R. die gleiche Antwort: Es ist keine offizielle Abklärung erwünscht.

Barco als Sündenbock


Paradox. Doch der Veterinär hat eine Vermutung, wieso das so ist: «Ich nehme an, dass die Familie R. davon ausgeht, dass der Hund optimal gehorcht. Aber sie wollen generell, dass man solche Hunde mit einem Leinenzwang belegt.» Sie benutzen Barco als Sündenbock, um ihre Zwecke zu erreichen.

«Ich werde trotzdem einen unabhängigen Gutachter zu Herrn Moos schicken. Jetzt bin ich neugierig geworden», sagt Kalbermatter. Über die Ziele des Ehepaars R. lächelt er nur müde: «Einen allgemeinen Leinenzwang in ganz Kriens zu erreichen, ist unmöglich.»

* Namen der Redaktion bekannt

Der kleine Sohn von Andreas Moos mit seinem Freund Barco.- zvg

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