Der Islam in der Schweiz Woher kommt das Unbehagen?

  • Aktualisiert am 03.01.2012
  • Von Thomas Ley
Die richtigen Prioritäten? Rund 1000 muslimische Männer protestierten 2006 auf dem Bundesplatz gegen die dänischen Mohammed-Karikaturen.- Peter Gerber

Es war die erste Schweizer Abstimmung über den Islam. Und sie zeigt: Jetzt muss Schluss sein damit, aneinander vorbei zu reden!

Im Sommer lautete die Losung bei muslimischen Vereinen: abwarten, stillhalten. Was für ein kapitaler Fehler. Denn nun ist die Diskussion erst recht eröffnet: Woher kommt das Unbehagen von 57,7 Prozent Schweizern über die zweitgrösste Religion im Land?

Zuerst: Wer sind eigentlich die Muslime in der Schweiz?
Im Jahr 2000 bekannten sich hierzulande 310000 Personen zum Islam. Heute sind es 380000 bis 400000, also 5,3 Prozent der Bevölkerung. Sie kommen aus Bosnien und dem Kosovo (56%), der Türkei (20%), Afrika und Asien (15%), dem Maghreb (4%), dem Libanon (3%) und immerhin 40000 Muslime sind Schweizer.

Nehmen die Muslime schneller zu als andere Gruppen?
Als Volksgruppe wuchsen die Ex-Jugoslawen am schnellsten: von 1970 noch 0,4% auf heute 4,5%. Als Religion wächst der Islam am schnellsten: 1970 waren es 16300 Muslime, 1980 bereits 56600 (plus 247%), 1990 waren es 152200 (plus 168%), 2000 waren es 311000 (plus 104%), und 2010 sind es gut über 400000 (plus 33%). Interessant aber: die Steigerungsrate sinkt.

Wer vertritt die Muslime?
Drastisch ausgedrückt: alle und keiner. Der Schweizer Islam ist aufgesplittert in über 300 Vereine, Stiftungen und Verbände. Die zwei grössten Verbände, die KIOS und die FIDS, konkurrenzieren sich, statt sich zu vereinen.
Das rächt sich. Vor allem seit dem 11. September 2001.

Welche Wirkung hat der internationale Terror?
Der Bund stellt fest, dass bei uns bisher weder ein islamistischer Anschlag ausgeführt, noch geplant war. Doch wird über Sympathisanten in der Schweiz Geld an Militante in ganz Europa verschoben. Und von Schweizer Computern wird der Hass von Bin Laden und Co. verbreitet – auch an junge isolierte Männer bei uns.

Welche Wirkung hat Frauenfeindlichkeit und Bigotterie?
Beispiel 1: Der Bundesrat schätzt, dass jährlich bis zu 17000 junge Frauen gegen ihren Willen an Männer in der Schweiz oder in der Heimat ihrer Eltern «versprochen» und verheiratet werden. Beispiel 2: Die Unicef schätzt, dass es jährlich in der Schweiz zu Hunderten Fällen von Beschneidung junger Mädchen kommt.

Was kann der Islam dafür?
Im Koran stehen – wie in der Bibel, grausame Verse und Gebote – aber nichts von Al-Qaida-Terror, Zwangsehen oder Mädchen-Beschneidung. Und doch werden diese Dinge im Namen des Korans oder in muslimischem Milieu verbrochen. Die Schweizer Muslime müssen darum darauf reagieren: selbständig, geeint – und laut!

Wozu, die Schweiz ist eh islamfeindlich, oder?
2004 stellte eine SonntagsBlick-Umfrage fest: Für 76 Prozent der Schweizer ist der Islam keine Bedrohung. Eifernde Religiosität ist aber äusserst unbeliebt. Zum Beispiel jenes muslimische Elternpaar, das bis vor Bundesgericht darum kämpfte, seine Söhne nicht mit Mädchen in den Schwimmunterricht schicken zu müssen. Die zwei Frömmler scheiterten – und schadeten dem Image ihrer Religion enorm.

Hat die Schweiz ein Problem mit Religiosität?
Kein Problem, aber Religion ist auf dem Rückmarsch, auch bei Christen. Kaum jeder zweite geht noch in die Kirche. Christlich-konservative Gruppen haben kaum politisches Gewicht: Vorlagen, die sie bekämpfen (Gleichstellungsartikel, neues Eherecht, Fristenlösung) werden vom Volk klar gutgeheissen. Vorlagen, die sie lancieren (gegen Drogen oder gegen Abtreibungen) werden abgeschmettert. Jetzt will die EVP das Christentum als «Leitkultur» in die Verfassung schreiben. Prognose: Keine Chance.

Was nun für die Muslime?
Islamforscher Tariq Ramadan (Genf) fordert jetzt von ihnen, sich aktiver einzubringen. Gut so! Aber das muss auch heissen, dass muslimische Brüder und Schwestern ihn kritisieren, wenn er wieder mal, wie auch schon, die Steinigung von Frauen relativiert.

Das Unbehagen gegenüber dem Islam ist schwer in Worte zu fassen. Ganz von ungefähr kommt es nicht.

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