ZÜRICH - Kräftige Gewitter, Hagel und Überschwemmungen musste die Schweiz diese Woche ertragen. Müssen wir uns auch in Zukunft mit solchen Ereignissen abfinden? Ein Klimaforscher weiss Bescheid.
play
Reto Knutti, Klimaforscher ETH Zürich.
(ZVG)Die Prognosen sind düster. Bis Mitte Juli soll es jeden Tag Gewitter geben, schreibt Meteomedia. Ein stabiles Hoch ist nicht in Sicht. Ist das wirklich normal?
«Grundsätzlich sind starke Gewitter und Hagel normal für die Sommerzeit», sagt Reto Knutti, Klimawissenschaftler an der ETH Zürich.
An gewissen Orten waren die Unwetter dieser Woche aber auch für den Klimaforscher speziell — etwa in der Region Thun.
«Ich konnte es fast nicht glauben, als ich die Bilder und Videos der Zulg sah», sagt Knutti zu Blick.ch. «Ein Bach, der sonst kaum Wasser hat, führt richtige Holzwände mit!»
Müssen wir uns in Zukunft an solche Wassermassen gewöhnen? «Aufgrund der Physik und der vergangenen Ereignisse erwarten wir, dass wärmere Temperaturen zu einer Verstärkung des Wasserkreislaufes und mehr extremen Ereignissen führen — es ist ein leichter Trend in diese Richtung hin auszumachen», erklärt Knutti.
In der Vergangenheit hätten weltweit Starkniederschläge tatsächlich zugenommen. Knutti: «Diese sind mit relativ hoher Sicherheit auf menschliches Handeln zurückzuführen.»
Auch in der Schweiz gebe es eine Tendenz zu mehr extremen Ereignissen, aber die sei weniger klar, sagt Knutti.
«Auf so kleinem Raum passiert weniger und wir haben schlicht zu wenig Ereignisse, um einen deutlichen Trend zu erkennen und lokale Voraussagen zu machen.»
Zwei Dinge gibt der Klimaforscher zu bedenken. «Unsere Wahrnehmung spielt uns manchmal einen Streich: Alles was speziell scheint, behalten wir besser im Gedächtnis», sagt Knutti. So wirken Wochen wie diese, in denen es viel gewittert und hagelt, besonders heftig.
Zweitens: Extreme Ereignisse verursachen grosse Schäden und hohe Kosten. «Wir müssen aber bedenken, dass wir heute mehr Leute sind, wir viel mehr und verwundbarere Infrastruktur haben», sagt Knutti.
Die gleiche Überschwemmung hätte vor 50 Jahren keine so grossen Schäden verursacht, wie sie es heute tut — weil nichts und niemand da gewesen sei.
«Hat es in einer normalen Wolke genügend Feuchtigkeit, dann bilden sich kleine Tröpfen, diese schliessen sich zu grosse Tropfen zusammen, und es regnet», erklärt Klimaforscher Reto Knutti.
In Gewitterwolken hingegen gebe es oft starke Aufwinde, weil sich der Boden und die bodennahe Luft durch die Sonne erwärmt und dann aufsteigt.
«Ist dieser Aufwind stark genug, dann werden die Wassertröpfen nach oben transportiert, wo es sehr kalt ist. Sie gefrieren dort, fallen nach unten, nehmen mehr Wasser auf und werden wieder nach oben transportiert», sagt Knutti.
Mit jedem Aufsteigen werde das Hagelkorn grösser, bis es zu schwer sei, und vom Aufwind nicht mehr getragen wird. Dann fällt es auf den Boden.
Beliebteste Kommentare
Alle Kommentare (16)