Wir führten schon 868 Leute in den Tod

  • Publiziert: 28.05.2008, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Von Gabriela Battaglia

In der Schweiz schweigt Dignitas-Chef Ludwig A. Minelli wie ein Grab. In Frankreich spricht er erstmals über sein Geschäft mit dem Tod.

In einem Interview mit der Zeitung «Le Monde» lüftet Ludwig A. Minelli (75) ein Geschäftsgeheimnis von Dignitas. Seit der Gründung vor zehn Jahren hat der umstrittene Sterbehilfe-Verein 868 Menschen in den Tod begleitet.

«85 Prozent waren Ausländer», präzisiert Minelli. Über die Hälfte von ihnen stammten aus Deutschland. Auch Engländer und Franzosen reisten als Sterbewillige an.
Im letzten Jahr wählten 141 Menschen den Dignitas-Freitod. Sechs von ihnen Schweizer.

Längst nicht alle, die sich zum Sterben melden, gehen bei Dignitas auch tatsächlich in den Tod. Von 100 sind es 12. Sagt Minelli. 70 melden sich nicht wieder und 18 wollen zuwarten. «Wenn die Menschen wissen, dass es einen Notausgang gibt, fühlen sie sich ruhiger.»

Der Dignitas-Gründer rechtfertigt auch den Helium-Tod. «Durch die Einnahme des Gases leidet die im Koma liegende Person nicht. Auch wenn sie noch körperliche Reflexe zeigt.» Immerhin gibt Minelli zu: «Dies ist für die Angehörigen nicht angenehm.»

Dignitas liess bisher vier Menschen mit dem Luftballon-Gas sterben. Im Gewerbezentrum «Ifang» in Schwerzenbach ZH.

Wegen dem «langen Todeskampf» kündigte Ifang-Verwaltungsratspräsident Manfred Milz auf Ende März den Mietvertrag. Dignitas ist aber noch immer dort – Minelli reichte Rekurs ein.

Ludwig A. Minelli nennt Provokation ein Mittel zum Vorwärtskommen.

Im Interview gibt der Dignitas-Gründer zu, dass er die Helium-Methode als Druckmittel gegen die Behörden einsetzte. «In einigen Fällen ist Provokation das einzige Mittel, um vorwärtszukommen.» Der Zürcher Kantonsrat hatte gefordert, dass Dignitas-Kunden keinen «Express-Tod» mehr sterben. Und mehrmals mit den Dignitas-Ärzten zusammentreffen. Wenn todkranke Menschen noch ins Spital müssten, könne dies teuer werden, sagt Minelli.

10 000 Franken kostet ein Dignitas-Freitod normalerweise. «Für Menschen mit bescheidenem Vermögen sind Ermässigungen möglich», sagt Minelli. «Es ist sogar möglich, nichts zu bezahlen.»

play Dignitas-Chef Ludwig A. Minelli. (RDB)

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