Wie Tamara Andreotti die Arbeitslosigkeit ihres Vaters Thierry (57) erlebt «Und plötzlich gilt man als asozial»

Thierry Andreotti (57) hat keine Vorstrafen, ist fit, weist gute Qualifikationen auf und kann nicht ohne Arbeit sein. Und dennoch ist er seit beinahe drei Jahren arbeitslos. Weil er «zu alt» ist?

Aktuell auf Blick.ch

Top 3

1 Streit um muslimische Brüder in Therwil BL Amer (15) verweigert...
2 Homer Simpson in Gösgen? AKW-Mitarbeiter drücken falsche Taste
3 Es wird nochmal richtig Sommer Wird jetzt der Hitzerekord geknackt?

Schweiz

Immer informiert - Abonnieren Sie den Blick-Newsletter!
Bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Schön, dass wir Ihnen unsere BLICK News des Tages senden dürfen. Möchten Sie zusätzlich den BLICK Sport Newsletter erhalten?
teilen
teilen
181 shares
162 Kommentare
Fehler
Melden

Tamara Andreotti (22) aus Pfungen ZH hat die unerwartete Arbeitslosigkeit ihres Vater nachdenklich gemacht – und wütend. Sie ist geschockt, dass es für ihren 57-jährigen Papa so schwierig ist, einen neuen Job zu finden. Er hat keine Vorstrafen, ist fit und hat gute Qualifikationen. Sein einziges Problem: Thierry Andreotti ist über 50 Jahre alt.

In einem eindrücklichen Brief wandte sich Tochter Tamara an BLICK. Sie beschreibt den Alltag der Familie: «Jeder Rappen wird umgedreht, der Einkauf gut überdacht. Das Auftreten in der Öffentlichkeit wird, wenn möglich, vermieden.» In den Zeilen wird klar: Ihr Vater leidet unter der Arbeitslosigkeit. Und Tamara leidet mit.

Bis im Mai 2013 war sie die Tochter eines erfolgreichen Marketingverantwortlichen des Club Med. Nun ist sie Tochter ­eines Mannes, der völlig unerwartet den Job verlor – und bis heute nichts Neues mehr findet. «Man wird als asozial bezeichnet, obwohl man ein Leben lang Steuern und Abgaben bezahlt hat, das Vorstrafenregister leer ist und er sich bemüht, einen Job zu finden – auch als Sandwichverkäufer», schreibt Tamara.

Die KV-Angestellte bei einer Maschinenfabrik in Winterthur ZH appelliert in ihrem Brief auch an die Politik: «Wie stellt Ihr Euch vor, dass Frau und Mann bis über 65 arbeiten müssen? Mein Vater hat Jahrgang 1958, ist mitten im Leben und wird von 80 Prozent der angeschriebenen Firmen bereits als zu alt bezeichnet. Bitte erklärt mir, was Ihr Euch überlegt habt.»

Zwei Jahre schon versucht der gelernte Polygraf, einen festen Job zu finden. «Ich hatte eine gut bezahlte Stelle mit Verantwortung. Ich machte die Broschüren und legte die Preise für die Schweiz fest. Trotzdem bewerbe ich mich auf ­jeden Job. Ich kann nicht sein ohne Arbeit», sagt der ehemalige Schwimmer der Schweizerischen Nationalmannschaft.

Die Tochter regt es auf, dass ihr Papa nichts findet: «Als gelernter Polygraf hast du null Chancen auf einen Job, scheint mir. Egal, ob als Kassierer in einem Discount-Shop, als Brötchenverkäufer oder als Türsteher. Ich bin erst 22 Jahre alt, aber mache mir bereits Sorgen um meine Zukunft. Wie sieht es aus, wenn ich mal Kinder habe? Habe ich dann noch einen Job mit 50?»

Die Familie lebt in einem Mehrfamilienhaus. Die Mietwohnung ist ordentlich und sauber. Thierry Andreotti rechnet vor: «Ich bekam zum Beispiel im Dezember von der Arbeitslosenkasse nur knapp über 2000 Franken. Meine Frau arbeitet Teilzeit, die Tochter 100 Prozent. Wir kommen gerade so durch», sagt der Familienvater. «Wir sparen, wo wir nur können», ergänzt Ehefrau Liliane (54). Ihr Mann sagt: «Uns geht es nur gut, weil wir als Familie funktionieren.»

Während 25 Jahren stand er beim Club Med in Lohn und Brot. Als 2006 der Standort Glattbrugg ZH schloss, zog er um an den Hauptsitz in Genf: «Ich wollte ja den Job behalten.» Doch bei der nächsten Spar­runde traf es auch ihn – Entlassung! Als einer der ältesten ­Angestellten. Andreotti nahm Temporär-Jobs an: ­Sicherheitsdienst am Airport Zürich, eine Anstellung bei einem Verlag. Doch auch hier: Rationaliserungsmassnahmen.

Die Arbeitslosenkasse bezahlt noch ein Jahr, weil Andreotti so viele Zwischenverdienste vorweisen kann. Dann aber muss er eine feste Anstellung haben. Sonst droht der Gang zum ­Sozialamt. «Das wäre schrecklich, ich mag gar nicht dran denken», sagt Andreotti.

Publiziert am 15.01.2016 | Aktualisiert am 14.01.2016
teilen
teilen
181 shares
162 Kommentare
Fehler
Melden
Alstom streicht 1300 Arbeitsplätze Das sagt die Gewerkschaft

TOP-VIDEOS

162 Kommentare
  • Reto  Schaufelberger aus Matzingen
    15.01.2016
    Nun nach den Politikern ist das Einzelfall jeweils. Wie ich 60-jährig und seit knapp 2 Jahren stellenlos. 200 Stellenbewerbungen und immer jeweils bei der Vorsortierung ausgeschieden, trotz bestätigter guten Qualifikationen!?
  • Thomas  Degen 15.01.2016
    Die Ü50 werden "entsorgt" und durch jüngere, meist aus dem Ausland oder sog. "Temporäre" ersetzt. "Alte" sind teuer, weil sie mehr Ferien bekommen und hohe PK-Beiträge verursachen. Als temporäre sind Ü50 willkommen. PK ist nicht dervolle Lohn versichert, sondern nur das ges. Minimum, Ferien gesetzliches Minimum, Lohn altersunabhängig. Der Begriff "Temporär" ist irreführend, es handelt sich um Leiharbeiter. Sie machen über Jahre den gleichen Job wie Angestellte, nur viel billiger.
  • Uelijan  Müllerjan , via Facebook 15.01.2016
    Die Tochter reist regelmässig rum, in die USA und sonstige nette Destinationen - wie aus Instagram und Facebook hervorgeht - und spricht davon, jeden Rappen umdrehen zu müssen.. sehr unglaubwürdig.. und die Tochter verdient gemäss sicheren Quellen auch ganz ordentlich. Der Vater arbeitet seit x Jahren in der Schweiz, die Mutter wohl auch. Nix gespart? Wieso suchen sie keine günstigere Wohnung etc. ? So ergeht es zahlreichen anderen Bürgern auch!!!
  • Willy   Brauen aus Flamatt
    15.01.2016
    Wenn die Masseneinwanderungsinitiative mit Inländervorrang, was die Linken und die linke Mitte vehement ablehnen, richtig umgesetzt würde, wird das den Arbeitsmarkt, den Druck etwas verbessern. Die meisten Unternehmen stellen lieber junge EU-Bürger an als ältere Schweizer und Ausländer, die schon lang bei uns arbeiten? Ein weiteres Problem ist die viel zu grosse Abstufung des BVG was ich schon mehrmals an kompetenter Stelle kritisiert habe – und: Es geschieht einfach nichts!!
  • john  meier 15.01.2016
    was mich immer wieder erstaunt ist,das einer der einen gutbezahlten job als marketingmensch gehabt hat anscheinend keine rücklagen hat.wie die tochter sagt jeden rappen umdrehen muss.meine oma hat immer gesagt: spare in der zeit hast du in der not.