Zerstrittene Eltern, dazwischen ihr Kind. Drei starke Tabletten bringen das Bübchen fast um.
Sie wirkt ruhig, fast starr. Ihre Hände hat sie unter dem Tisch gefaltet. Miriam S.* (34) muss sich vor dem Strafgericht in Liestal verantworten. Der Vorwurf des Staatsanwalts gegen die vierfache Mutter ist: versuchter Mord.
Miriam S. hat eine Frage zu beantworten, auf die eine Mutter eigentlich keine Antwort kennen darf. Warum hat sie ihr Söhnchen vergiftet? Alles begann mit einem erbitterten Streit ums Sorgerecht.
Am Abend des 21. August 2008 geraten sich die getrennt lebenden Eltern Miriam S. aus Oberdorf BL und Rolf S.* (40) aus Bubendorf BL zünftig in die Haare. Es geht um Matteo (damals 3). Beide wollen das Kind zu sich nehmen.
«Ich hatte Schulden, Eheprobleme, ich funktionierte nur noch», sagt die Mutter vor Gericht. «Nur bei der Arbeit im Büro konnte ich den Alltag vergessen.»
Warum sie sich keine Hilfe geholt habe, will das Gericht wissen. «Ich wollte alles alleine schaffen», sagt Miriam S.
Einen Tag nach dem Ehestreit kauft die kaufmännische Angestellte in einer Apotheke 50 Lioresal-Tabletten. Ein starkes Medikament für Querschnittgelähmte. Im Auto gibt sie ihrem Sohn drei Pillen davon. Das Bübchen übergibt sich dreimal.
Statt einen Arzt zu rufen, sucht Miriam S. auf der Telefon-Hotline von Wahrsager Mike Shiva Hilfe. Sie wählt mehrfach die teure 0901er-Nummer.
Wertvolle Zeit verstreicht. Der Zustand von Matteo verschlechtert sich. Erst zwölf Minuten nach dem letzten Anruf bei der Hotline ruft sie endlich im Spital an. Eine Viertelstunde später bringt sie ihr Kind hin.
Dass sie Matteo Tabletten verabreicht hat, verschweigt sie den Notfallärzten. «Mein Sohn hat beim Frühstück dreimal Blut erbrochen. Aber nichts Schlechtes gegessen und auch keine Medikamente genommen», sagt sie.
Dem Büblein gehts immer schlechter. Matteo fällt ins Koma, muss künstlich beatmet werden. Die Ärzte kämpfen um sein Leben.
Die Mutter schwärzt den querschnittgelähmten Vater an, der seit einem Autounfall im Mai 2003 im Rollstuhl sitzt. Matteo sei am Vortag bei ihm gewesen.
Da habe der Kleine wohl einige der in der Wohnung herumliegenden Pillen verschluckt. Damit wollte sie laut Anklageschrift erreichen, dass der gelernte Automechaniker Rolf S. das Sorgerecht verliert.
Doch das Lügengebilde bricht zusammen. Miriam S. wird verhaftet. Sie gibt zu, dem Dreijährigen die starken Tabletten verabreicht zu haben. Laut ihrem Anwalt hat sie den Sohn aber nie verletzen oder gar töten wollen.
«Unsere Ehe war kaputt. Wir hatten häufig Krach. Sie wollte immer noch mehr Geld. Und sie hat krankhaft gelogen», sagt Rolf S. nach dem Prozess. «Matteo ist ein toller Bub. Aber sie wollte ihn zur Adoption freigeben! Für mich war klar, dass ich ihn zu mir nehme. Er hat immer geweint, wenn er wieder zur Mama musste. Er wollte nach den Besuchswochenenden bei mir bleiben.»
Das habe die Mutter wohl nicht ertragen. «Sie wollte mir wehtun, indem sie mir schadet.»
Im Gerichtssaal blickt Miriam S. einmal kurz zu ihrem Ex-Mann. Dann ignoriert sie ihn.
Der Prozess geht weiter.
*Namen der Redaktion bekannt
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