Mordversuch wegen Sorgerecht Wie erklärt eine Mutter, warum sie ihr Kind vergiftete?

Zerstrittene Eltern, dazwischen ihr Kind. Drei starke Tabletten bringen das Bübchen fast um.

  • Publiziert: 14.08.2012
  • Von Biljana Jovic, Patrik Berger

Sie wirkt ruhig, fast starr. Ihre Hände hat sie unter dem Tisch gefaltet. ­Miriam S.* (34) muss sich vor dem Strafgericht in Liestal verantworten. Der Vorwurf des Staatsanwalts gegen die vier­fache Mutter ist: versuchter Mord.

Miriam S. hat eine Frage zu beantworten, auf die eine Mutter eigentlich keine Antwort kennen darf. Warum hat sie ihr Söhnchen vergiftet? Alles begann mit einem erbitterten Streit ums Sorgerecht.

Am Abend des 21. August 2008 geraten sich die getrennt lebenden Eltern Miriam S. aus Oberdorf BL und Rolf S.* (40) aus Bubendorf BL zünftig in die Haare. Es geht um Matteo (damals 3). Beide wollen das Kind zu sich nehmen.

«Ich hatte Schulden, Eheprobleme, ich funktionierte nur noch», sagt die Mutter vor Gericht. «Nur bei der Arbeit im Büro konnte ich den Alltag vergessen.»

«Ich wollte alles alleine schaffen»

Warum sie sich keine Hilfe geholt habe, will das Gericht wissen. «Ich wollte alles ­alleine schaffen», sagt Miriam S.

Einen Tag nach dem Ehestreit kauft die kaufmännische An­gestellte in einer Apotheke 50 Lioresal-­Tabletten. Ein starkes Medikament für Querschnittgelähmte. Im Auto gibt sie ihrem Sohn drei Pillen davon. Das Bübchen übergibt sich dreimal.

Statt einen Arzt zu rufen, sucht ­Miriam S. auf der Telefon-Hotline von Wahrsager Mike Shiva Hilfe. Sie wählt mehrfach die teure 0901er-Nummer.

Wertvolle Zeit verstreicht. Der Zustand von Matteo verschlechtert sich. Erst zwölf Minuten nach dem letzten Anruf bei der Hotline ruft sie endlich im Spital an. Eine Viertelstunde später bringt sie ihr Kind hin.

Dass sie Matteo Tabletten verabreicht hat, verschweigt sie den Notfallärzten. «Mein Sohn hat beim Frühstück dreimal Blut ­erbrochen. Aber nichts Schlechtes gegessen und auch keine Medikamente genommen», sagt sie.

Dem Büblein gehts immer schlechter. Matteo fällt ins Koma, muss künstlich beatmet werden. Die Ärzte kämpfen um sein Leben.

Die Mutter schwärzt den querschnittgelähmten Vater an, der seit einem Autounfall im Mai 2003 im Rollstuhl sitzt. Matteo sei am Vortag bei ihm gewesen.

Da habe der Kleine wohl einige der in der Wohnung herumliegenden Pillen verschluckt. Damit wollte sie laut Anklageschrift erreichen, dass der gelernte Automechaniker Rolf S. das Sorgerecht verliert.

Dem Kind gab sie starke Tabletten

Doch das Lügengebilde bricht zusammen. Miriam S. wird verhaftet. Sie gibt zu, dem Drei­jährigen die starken Tabletten verabreicht zu haben. Laut ihrem Anwalt hat sie den Sohn aber nie verletzen oder gar töten wollen.

«Unsere Ehe war kaputt. Wir hatten häufig Krach. Sie wollte immer noch mehr Geld. Und sie hat krankhaft gelogen», sagt Rolf S. nach dem Prozess. «Matteo ist ein toller Bub. Aber sie wollte ihn zur Adoption freigeben! Für mich war klar, dass ich ihn zu mir nehme. Er hat immer geweint, wenn er wieder zur Mama musste. Er wollte nach den Besuchswochenenden bei mir bleiben.»

Das habe die Mutter wohl nicht ertragen. «Sie wollte mir wehtun, indem sie mir schadet.»

Im Gerichtssaal blickt ­Miriam S. einmal kurz zu ihrem Ex-Mann. Dann ignoriert sie ihn.

Der Prozess geht weiter.

*Namen der Redaktion bekannt

Beliebteste Kommentare

  • Zane  Snozzi , Rothrist
    Das Resultat wird sein: Egal wie gut der Papa ist, das Kind kommt zur Mama oder zu Pflegeeltern, unser ungerechtes System gegenüber Vätern will es meist so. Ich wünsche mir für für den Papa und den Kleinen ein glückliches HappyEnd, dass sie zusammenbleiben können - der Vater eines Kindes ist auch was wert auf dieser Welt!
  • Daniel  Fuchs , Zürich
    Das ewige Theater mit dem Sorgerecht und die Pfeiffen die sich Richter nennen entscheiden auch heute noch so, wie vor 50 Jahren.
    Papa kann zahlen und sonst darf er gar nichts! Es interessiert auch heute noch niemanden, bei wem es die Kinder bei einer Scheidung besser hätten. Meine 3 Jungs heute alle Volljährig hätten es bei mir genau so gut gehabt, wie bei meiner Ex... hundert pro.

    Eine Mammi, die ihr Kind töten will, gehört ins Gefängnis. Wie kann man etwas töten, dass man 9 bzw. 10 Monate in sich trägt und dann zur Welt bringt? Für mich unvorstellbar... und wenn man noch so verzweifelt ist.

Alle Kommentare (24)

  • Karl  Liniger , Cham
    Das Kind gehört in diesem Fall zum Vater. Ist dieser auch untauglich, dann wäre es schön, wenn es eine Nettes Ehepaar adoptieren könnten. Aber viele Paare importieren lieber Babys aus Afrika. Dies sollte untersagt werden.
  • Pascal  Baumann
    Schon krank, wie tief Personen sinken können. Das eigene Kind bewusst vergifften um es dem Partner heimzuzahlen? Das ist einfach nur Krank, egal was die Gründe sein mögen.
    • 14.08.2012
    • 47
    • 4
  • Hans  Häberli , via Facebook
    Hier steht nicht das Wohl des Kindes im Vordergrund, sondern die grenzenlose Selbstverliebtheit der Mutter, die im wahrsten Sinne des Wortes dafür über Leichen geht.
    • 14.08.2012
    • 51
    • 4
  • Patrick  Baumann
    Gleiche Spiesse! - Wann endlich kommt die gemeinsame elterliche Sorge als Regelfall. Wann endlich begreifen Richter und Behörden, dass Elternschaft in der heutigen Zeit nur gemeinsam funkionieren kann. Uneinsichtige Behörden/Richter und untätige Politiker werden in ein, zwei Generationen als Verbrecher bezeichnet werden...
    • 14.08.2012
    • 29
    • 3
  • Tom  Schweizer , Windisch links
    Diese Frau ist gefährlich und krankhaft agresiv und total überfordert. Kinder bekommt sie nur, damit Sie den Partner binden kann und finanzielle Hilfe bekommt. Von Liebe keine Spur!!! Bitte schliesst die weg so weit und so lange wie möglich. Und vor allem: lasst keine Kinder bei ihr! Auch der aktuelle Partner ist hoffentlich helle genug, das baldmöglichst zu merken und das Kind in Sicherheit zu bringen. Bin gespannt, wie hier die Justiz entscheidet! Hoffentllich zu Gunsten von Rolf, alles andere wäre ein Hohn!
    • 14.08.2012
    • 38
    • 5
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