Samstag, 7 Uhr «Muezzin-Ruf» weckt Genfer Quartier

  • Publiziert: 12.11.2009, Aktualisiert: 02.01.2012

GENF – «Allah Akhbar!» erschallt es von der Moschee «Petit-Saconnex». Der Lärm reisst Anwohner aus dem Schlaf. Doch auch der Imam ist ratlos, wer hier Allah huldigt.

Der Ruf nach Gott war so laut, dass fast das ganze Quartier aus den Federn gerissen wurde. «Ich wunderte mich, ob ich geträumt hatte. Als ich merkte, dass der Muezzin-Ruf von der Moschee kam, fragte ich mich, ob das nun jeden Morgen so gehen würde», erzählt eine Anwohnerin gegenüber «Le Matin».

Ein anderer Anwohner sagt, dass er überrascht und geschockt gewesen sei – und dass er befürchtet habe, dass «jetzt die ganze Welt die Gläubigen der Moschee hassen wird, wenn es mit den Rufen weitergeht». Einige Anwohner hingegen dachten, dass der Muezzin auf den «Tag der Offenen Türe» aufmerksam machen wolle, der an diesem Samstag stattfand. Doch lange war unklar, was es mit dem Lärm am frühen Samstagmorgen auf sich hatte, woher er kam und wer ihn verursachte.

Einige Tage später dann die Auflösung: Eine rechtsradikale Splittergruppe, «les jeunes identitaires genevois» (JIG), steht hinter der Lärmaktion. Diese kupferte die Aktion der Jungen SVP im Kanton Thurgau ab, schnappte sich ebenfalls ein Auto mit installierten Aussenlautsprechern und fuhr zu Muezzin-Rufen um die Moschee «Petit-Saconnex» herum. Auf ihrer Internetseite bekannte sich das Grüppchen mit seinen rund hundert Mitgliedern zu der Lärmaktion.

«Wir wollten zeigen, dass wir im Falle einer Ablehnung der Anti-Minarett-Initiative akzeptieren, dass in einigen Jahren solche Rufe im ganzen Land ertönen werden», sagt JIG-Mitglied Benjamin Perret. «Wir sagen mit dieser Aktion «Stopp» zum Anspruch der Muslime auf die Schweiz.»

Der Imam der «Petit-Saconnex»-Moschee kann nur den Kopf schütteln: «Der Lautsprecher war anscheinend sehr laut eingestellt und nur darauf aus, die Leute aus dem Schlaf zu reissen und zu nerven. Das sollte wohl auch darauf abzielen, dass die Menschen unseren ‹Tag der offenen Türe› boykottieren. Wir haben deswegen unseren Anwalt eingeschaltet und überlegen uns, Klage einzureichen.»

Die Moschee «Petit-Saconnex» gibt es bereits seit dreissig Jahren – und nie war die Rede davon, dass ein Muezzin eingesetzt werden sollte. «Wir brauchen keinen Muezzin. Denn wir haben seit Jahren ein Programm, das wir unseren Gläubigen verteilen. Darin stehen die jeweiligen Gebetsstunden», erklärt der Imam. Er rät den Muslimen, die sich wegen der JIG-Aktion ärgern, zu Gelassenheit. «Auf solche Fangfallen dürfen wir nicht hereinfallen – wir müssen unsere Ausgeglichenheit bewahren!» (gux)

play Seit dreissig Jahren kein Problem für Genf: Die Moschee «Petit-Saconnex». Jetzt wird sie mit Steinen bombardiert. (Keystone)