Lawinen-Opfer: «Mein toter Vater hat mich gerettet»

  • Aktualisiert am 02.01.2012
  • Von Beat Michel

SION – Sein Vater starb schon in Evolène. «Dass ich lebe, ist ein Wunder», sagt Cédric. Wie wahr! Er lag 17 Stunden in einer Lawine.

Er hat die schlimmste Nacht seines Lebens hinter sich. Am Kinn hat er eine Narbe, spricht noch etwas schleppend. Doch wenn Cédric Genoud (21) von seinem Überlebenskampf unter der Lawine erzählt, hat er ein Lächeln in seinem Gesicht: «Mir ist bewusst: Es ist ein Wunder, dass ich noch lebe.»

Der Lausanner ETH-Student lag von Samstag auf den Sonntag 17 Stunden lang unter einer Lawine in einem Hang bei Evolène VS (BLICK berichtete). Gestern ging es ihm schon wieder so gut, dass er die Fragen der Medien beantworten konnte – von seinem Bett im Spital von Sitten aus.

Skitour als Belohnung

Die Skitour sollte eine Belohnung sein. «Ich hatte gerade meine Semesterarbeit abgeschlossen. Ich wollte mich mit ein paar Tagen Ferien honorieren», erzählt Cédric. Seine Familie besitzt nahe Evolène ein Chalet.

«Zum ersten Mal packte ich die Lawinensuchgerät-Reflektoren nicht ein», sagt Cédric. «Warum, das weiss ich nicht.»

Plötzlich löst sich die Lawine, der Schnee stürzt über ihn. «Erst dachte ich noch, ich kann oben bleiben. Dann war da immer mehr Schnee.

Nur den Kopf kann er noch bewegen. Weit genug, um sich eine kleine Höhle mit Luft zum Atmen zu schaffen.

Aber dann sah ich diesen wunderschönen, noch jungfräulichen Hang. Ich beschloss hineinzufahren.» Ich wusste nicht mehr, wo oben und unten ist. Ich war wie einbetoniert, konnte meine Arme und Beine nicht mehr bewegen. Keinen Millimeter. Ich kam mir vor wie in einem Grab.» Denn Cédric hat wahnsinniges Glück: Er liegt nur etwa zehn Zentimeter unter der Schneeoberfläche.Durch ein Loch in der Schneedecke fällt am Samstagabend sogar das Licht der Suchscheinwerfer der Retter. «Ich schrie, so laut ich konnte: ‹Hier bin ich! Hilfe!›», sagt Cédric.

Mit Schnee gegen den Durst

«Aber die Lichter verschwanden. Ich merkte, dass die Retter abzogen. Im ersten Moment war ich verzweifelt. Dann sagte ich mir: Die Retter kommen am Morgen bestimmt zurück.»

Cédric hat Schmerzen: «Es tat mir an unzähligen Stellen am Körper weh. Am schlimmsten war das rechte Bein. Aber ich kämpfte gegen den Schlaf – und der Schmerz half mir dabei.» Nur ein Mal sei er für ein paar Minuten eingenickt.

«Zum Glück bin ich schnell wieder aufgewacht. Ich wusste: Wenn ich einschlafe, erfriere ich. Ich habe meine Muskeln ständig bewegt, um Wärme zu erzeugen.» Um nicht zu verdursten, isst er Schnee.

Die Nacht ist lang. «Ich weinte viel», sagt Cédric. «Und ich betete. Zum ersten Mal in meinem Leben betete ich. Nicht nur wegen mir, auch wegen meiner Familie. Ich dachte daran, wie sehr sie leiden würden, wenn ich sterbe.»Eine schwere Nacht macht seine Mutter Carole durch. Cédrics Vater starb vor fünf Jahren bei einem Hängegleiter-Unfall in der Nähe von Evolène. Dort liegt er begraben.

Er hörte den Heli

«Um ehrlich zu sein: In dieser Nacht fand ich mich schon damit ab, dass ich meinen Sohn neben meinem Mann beerdigen muss», sagt Carole Genoud. «Ich glaube an Wunder. Aber in dieser Nacht schaffte ich es fast nicht mehr zu hoffen.»

Doch Cédric überlebt die Nacht. Am Sonntagmorgen gegen 7 Uhr zerreisst Scheinwerferlicht die Dunkelheit. «Ich hörte zuerst einen Helikopter», sagt Cédric. «Dann sah ich das Licht. Ich hörte, wie der Heli zunächst wieder wegflog, dann aber doch zurückkam.

«Das waren die schönsten Minuten in meinem Leben. Ich war so erleichtert wie noch nie zuvor», sagt Cédric. «Es war ein Kampf, und ich habe ihn gewonnen. Für meine Mutter, für meinen Bruder. Und auch für meinen Vater. Vielleicht hat er mir in dieser Nacht zugeschaut und mir geholfen.»

«Cedric ist kein Blödian»

Um 8.30 Uhr stehen bei Carole Genoud daheim in Lausanne ein Polizist und ein Retter vor der Tür. Mit einer guten Nachricht: Ihr Sohn hat nicht nur überlebt, er ist auch kaum verletzt. «Als ich hörte, dass er sogar bei Bewusstsein ist, war das für mich, als wäre das sein zweiter Geburtstag. Eine Art Wiedergeburt», sagt Carole.

Da wusste ich: Sie haben mich gefunden», sagt er. «Er ist kein Held. Cédric ist ein Blödian. Weil er neben der Piste fuhr. Aber ich werde nicht mit ihm schimpfen deswegen.

«Ich weiss, dass es ein Wunder ist, dass ich noch am Leben bin», sagt Cédric. «Ich werde mich an diese lange, kalte Nacht erinnern. Ich werde sie nie vergessen können. Und ich werde vorsichtiger sein.»

Diese Aufgabe hat das Leben schon übernommen», sagt sie. «Wir haben ihn ganz lange umarmt, sein Bruder und ich.»

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