Gastro-Experte Michael Merz zum Suizid von Benoît Violier (†44): «Seine Vifheit war in den letzten Gesprächen weg»

Der Tod Benoît Violiers (†44) sorgt in der Schweizer Spitzengastronomie für Bestürzung. Laut Gastro-Spezialist Michael Merz lastete grosser Druck auf den Schultern des Chefkochs – auch wirtschaftlich. Ist ihm dieser schliesslich über den Kopf gewachsen?

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Benoît Violier (†44) führte seit 2012 das «Hôtel de Ville» in Crissier VD. Keystone

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Michael Merz, kulinarischer Kolumnist der Blick-Gruppe erinnert sich an seinen Freund. play
Michael Merz, kulinarischer Kolumnist der Blick-Gruppe erinnert sich an seinen Freund.

Herr Merz, Sie kannten Benoît Violier gut. Wie haben Sie reagiert, als Sie gestern vom Tod des Spitzenkochs erfuhren?

Ich war – und bin noch immer – sehr traurig. Benoît hatte einen grossen sozialen Aufstieg hinter sich, arbeitete sich vom Bauernsohn zum Koch im besten Restaurant der Welt hoch. Doch wer in dieser Kategorie spielt, spielt mit einem riesigen Einsatz: sich selbst. Benoît stand unter grossem Druck, hat sich immer weiter gepeitscht und wohl nicht gemerkt, dass er sich in einem tiefen Loch befindet. Als ich im Dezember das letzte Mal mit Benoît sprach, habe ich gespürt, dass er sich verändert hat.

Inwiefern?

Er wirkte distanzierter, ich hatte das Gefühl, dass er zurückgezogener war. Seine Stimme hatte nicht mehr den Enthusiasmus, der früher mitschwang. Benoît war stets sehr vif. Diese Lebendigkeit war in den letzten zwei Gesprächen weg.

Violiers Restaurant «Hotel de Ville» wird zum Ort der Trauer: Freunde und Bekannte legen Blumen nieder und zünden Kerzen an. play
Violiers Restaurant «Hotel de Ville» wird zum Ort der Trauer: Freunde und Bekannte legen Blumen nieder und zünden Kerzen an. Keystone

Sie haben es bereits angesprochen: Als Spitzenkoch steht man unter enormem Druck. War Violier die Jagd nach Punkten und Sternen über den Kopf gewachsen?

Zwei Michelin-Sterne bedeuten, dass man oben angekommen ist. Doch drei Sterne werden für jeden Koch zur Belastung. Man muss den Druck, exzellente Arbeit abzuliefern, bis zum Abwascher aufrechterhalten. Diese Verantwortung wiegt schwer – und hat auch Auswirkungen auf das Privatleben eines Spitzenkochs.

Was bedeutete das für das Familienleben der Violiers?

Will man in Benoîts Kategorie kochen, muss man Familienleben und Freundschaften praktisch vergessen. Ein Koch seiner Kategorie hat den ganzen Tag in seinem Restaurant präsent zu sein. Nur beim gemeinsamen Mittag- und Abendessen war Benoît mit seiner Frau und dem Sohn zusammen. Die Wochenenden verbrachte er oft an Marketing-Veranstaltungen, Ehrungen oder Caterings. Letztere bringen viel Geld ein.

Violier spürte auch wirtschaftlichen Druck?

Zweifellos. Einige Jahre bevor Violier übernahm, sagte mir sein Vorgänger Philippe Rochat, dass er das nicht mehr lange durchhalte. Des grossen Druckes bewusst, wollte er diesen für Violier möglichst klein halten und half ihm so zum Beispiel bei der Suche nach Kreditgebern. Doch auch wenn die Darlehen zinsfrei und nicht an einen fixen Rückzahlungstermin gebunden sind, setzte das Benoît unter Druck. Er wollte das Geld zurückzahlen. Denn Benoît war ein zutiefst ehrlicher Mensch. Das merkte man nicht nur an seiner Küche.

Publiziert am 01.02.2016 | Aktualisiert am 10.02.2016
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  • Karen  Mind 01.02.2016
    Wenn man schon in zwei Gesprächen merkt, dass es dem Gegenüber nicht gut geht, warum wir keine Hilfe angeboten? Warum wird nichts unternommen?
  • RONALD  SCHMID aus MIAMI
    01.02.2016
    Lieber an Wall Street oder ins Banking gehen da kann man 60 Prozent des Brutto Sozial Produktes abgrasen.

    Leider geht dabei die Mittleklasse and Kleinbetrieb kaput, aber das scheint niemanden zu stoeren. Die Politik in der Tasche der Grossfinanz und der Grosskonzerne. Auch im Westen wird jenen welche echt Arbeit verrichten die Luft almaehlich aus der Seele gezogen. Die Inflation der Vetterli Wirtschafts-Politik und dessen Konsequenzen.
  • Hans  Grenzer 01.02.2016
    " grossen sozialen Aufstieg - arbeitete sich vom Bauernsohn zum Koch im besten Restaurant der Welt hoch"
    Sind Bauern - sozial- unter den Köchen angesiedelt?
    • Hans  Wüthrich aus Bern
      01.02.2016
      Wenn man einen einfachen Bauern mit einem Spitzenkoch vergleicht - ja. Der Vergleich kann natürlich auch reziprok angewandt werden.
    • André  Martin aus Basel
      01.02.2016
      @Hans Grenzer: Die Antwort ist doch in Ihrem eigenen Kommentar zu finden, in der von Ihnen zititerten Passage:
      er war Koch im BESTEN RESTAURANT DER WELT!
      Wäre der Sohn eines Kochs Betreiber des besten Bauernhofs der Welt, bedeutet das umgekehrt ja auch nicht, dass Köche sozial unter den Bauern angesiedelt sind, oder?...
  •   Schmidlin Adrian aus Wangen
    01.02.2016
    Es wird immer schlimmer und viele in der Schweiz kämpfen täglich mit den selben Problemen wie Herr Benoit Violier. Spitzenleute sowie Büezer werden dermassen unter Druck gesetzt dass sie es leider nicht mehr aushalten. Für was frage wohl nicht nur ich mich ? Es wird Zeit dass diejenigen die auf uns diesen Druck ausüben lernen dass Sie Ihren Scheiss selber machen sollen. Wir machen uns kaputt und zum Dank gibt es noch Kritik von irgend einem Schwätzer der eh nur seine Aktien im Kopf hat.
    • Thomas  Maeder 01.02.2016
      Der Suizid sollte uns allen eine eindringliche Warnung sein. Hinterher tut es allen leid und alle loben ihn in den höchsten Tönen, was für ein Toller er doch gewesen sei, der Beste von den Besten, die Nummer 1, gigantisches Talent etc. Aber offenbar nicht gut genug, dass er sich zwischendurch auch mal hätte erholen dürfen.
    • Frank  Richter 02.02.2016
      "Für was frage wohl nicht nur ich mich ?"
      Antwort:
      Wäre er Aushilfs-Tellerwäscher gewesen, würde hier heute nicht über ihn geschrieben werden. Und er hätte ebenfalls Schwierigkeiten; nur eben auf niedrigerem Level. Ausserdem hätte er mit einem alten Gebrauchtwagen fahren müssen, und die Frau würde täglich mit dem Nudelholz in der Hand hinter ihm herlaufen, mit der Aufforderung mehr Geld mit nach hause zu bringen.
  • Roger  Berger 01.02.2016
    Also doch. Ein absoluter Spitzenkoch müsste sich, genau so wie ein Tennisstar, absolut frei spielen können. Im Klartext: Er müsste von sämtlichen administrativen und organisatorischen Aufgaben, wie auch allen anderen Aufgaben, die nicht direkt mit dem Kochen in der Küche in Zusammenhang stehen, entbunden werden. Und daneben muss auch die Freizeit, sowie die Familie ihren Platz haben. Ob dem so war, ist zu bezweifeln.
    • Max  Brunschweiler 01.02.2016
      Koch ist nicht ein Beruf sondern eine Berufung..
    • Eugen  Inauen 01.02.2016
      Er gibt Treuhand Bueros, die nehmen einem die
      ganze Administration ab, wie Buchhaltung,
      Factoring, Steuern etc aber ich vermute
      da hat er bestimmt Leute gehabt
      wo dies erledigt haben, ich
      vermute eher das Ganze
      hat ihn Krank gemacht
      und er hatte keine
      Hilfe.