Diagnose Hirntumor Ein ganzes Dorf hilft Krebspolitiker

LAVIGNY - VD - Jahrelang setzte er sich für seine Gemeinde ein, dann erkrankte Marc Girard (53) an einem Hirntumor. Und jetzt setzt sich ganz Lavigny für seinen Gemeinderat ein.

  • Publiziert: 09.09.2012
  • Von Biljana Jovic

Wenn Marc Girard über die schwerste Zeit in seinem  Leben spricht, fallen ihm die ­Worte nicht sofort ein. Der Tumor hat sein Sprachzentrum geschädigt. Doch der Gemeinderat von Lavigny, sichtlich ergriffen, will seine Botschaft loswerden: «Ich bedanke mich bei den Dorfbewohnern für ihre Hilfe. Nie hätte ich mit so viel Unterstützung gerechnet.»

Es begann mit einem epileptischen Anfall

Unter seinem kurz geschorenen Haar erinnert eine zwanzig Zentimeter lange Narbe an das Drama, das an Ostern begann. Der Familienvater ist mit seiner Frau Annelise (56) auf Safari in Süd­afrika. Eben hat er einen Leoparden in Sichtweite fotografiert, als er plötzlich einen epileptischen Anfall erleidet.

Noch in Afrika ereilt den Gemeinderat die Dia­gnose, die ihn wie ein Faustschlag trifft: Hirntumor! «Mein Mann hatte zuvor weder Kopfschmerzen noch andere Beschwerden», sagt Anne­lise Girard.

In der Schweiz erfahren ihre Kinder Marie (26) und Johann (29), beide Lehrer, von der Schock­diagnose. «Es war ein Auf und Ab der Gefühle», so Marie. Zwischen Hoffen und Bangen meldet sich plötzlich ihre Tagesmutter aus Kindertagen. Auch Vreni Krebs lebt in Lavigny. Und fragt nur: «Wie kann ich helfen?» Solange die Eltern unterwegs sind, spendet die 54-Jährige Kraft und Trost.

Als Girard, unterdessen operiert, wieder daheim ist, wird die Familie mit Hilfsangeboten aus dem Dorf überhäuft. Sechs Wochen muss er jeden Tag zur Bestrahlung nach Lausanne. Olivia Weibel (49), die nur wenige Häuser weiter wohnt, organisiert mit Nachbarn einen Fahrdienst. Andere Anwohner gehen mit Girard spazieren und helfen ihm, die Langeweile zu vertreiben.

Trotz Krankheit bleibt Girard im Amt

Auch wenn er zurzeit nicht ­arbeiten kann, will der Gemeinderat sein Amt nicht aufgeben. «Ich brauche ein Ziel vor Augen. Und es ist viel Arbeit liegengeblieben, die ich noch aufholen will», sagt er. Er bleibt Optimist, auch wenn er noch nicht weiss, wann er seine Aufgaben wieder voll erfüllen kann.

Marc Girard ist seit 2008 bei der Gemeinde für die Sicherheit zuständig. Sein Sohn Johann ist Gemeindepräsident und hilft dem Papa, wo er kann. In La­vigny hat man Verständnis für seine schwierige Situation und steht hinter dem beliebten Gemeinderat.

«Die Menschen wollen mich weiterhin im Amt ­sehen, trotz meiner Krankheit. Das ist schön», sagt Marc Girard. Es ist noch gar nicht lange her, dass in Lavigny das Busnetz ausgebaut wurde. Möglich war dies, weil Gemeinde und Bewohner an einem Strick zogen. Girard hofft, bald selbst wieder einen Beitrag zum Gemeindewohl leisten zu können.

Aber wie kommt es, dass in diesem kleinen Dorf am Genfersee so viel Solidarität herrscht? «Das hat nichts mit dem Ort zu tun», glaubt Annelise Girard. «Uns wurde geholfen, weil wir unser Schicksal im Dorf nicht totgeschwiegen haben.»

Wie sollte man auch merken, dass es jemandem schlecht geht, wenn man nicht darüber spricht? Annelise Girard: «Ich denke, viele Menschen wären überrascht von der positiven Resonanz des Gegenübers, wenn sie sich erst mal öffnen!»

Alle Kommentare (2)

  •   J. F. Meer , Zürich
    Tolle Geschichte ob dies in der deutschen Schweiz auch möglich wäre? Ich denke nicht!
    • 09.09.2012
    • 9
    • 8
  • neuffer  igor , Zürich
    Bravo. So eine Geschichte rührt mich. Hier in der Deutschschweiz würde man am Stammtisch noch darüber lästern und sagen, selber schuld. Es wird Zeit, wieder in die Romandie zu wechseln.
    • 09.09.2012
    • 7
    • 8

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