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Der ungesühnte Missbrauch trieb Genferin in den Tod: Dieses E-Mail nahm Valérie die letzte Hoffnung

«Sag meinem Vater, dass er gewonnen hat», schrieb die zweifache Mutter ihrem Mann – und nahm sich das Leben. Ihr Vater hatte sie jahrelang missbraucht.

Von Beat Michel und Karin Baltisberger | Aktualisiert um 23:08 | 17.05.2009
Wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass sich diese neue Bestimmung nicht auf Handlungen anwenden lässt, die schon vor dem 30. November 2008 verjährt sind.» Diese Worte des Eidgenössischen Justiz– und Polizeidepartements EJPD verkraftet Valérie* (40) nicht mehr.

Die Polizei findet ihre Leiche in ihrem Auto in der Nähe des Canal de Confignon in Genf. Sie hat sich mit einem Medikamentencocktail das Leben genommen. Zerbrochen an ihrem Vater, der sie missbraucht hat, verzweifelt ob der Nachricht des EJPD, die die Polizisten neben Valéries Leiche finden. Sie musste darauf erfahren, dass sie ihren Vater (66) niemals vor Gericht bringen kann.

In den Händen hält sie noch den Brief an ihren Mann Laurent* (46). «Mein Liebster, verzeih mir», heisst es darin. «Ich liebe euch, ich will nicht mehr, dass ihr leidet.» Und «sag meinem Vater, er hat gewonnen».

Jetzt ist Laurent mit den beiden Söhnen (11 und 14) allein. Und Valéries Vater? «Er wird nie dafür bezahlen müssen, was er ihr angetan hat», sagt Laurent. Und das, obwohl die Initiative für die Unverjährbarkeit von sexuellem Missbrauch an Kindern letzten Herbst vom Volk angenommen wurde. «Als sie dieses E-Mail aus Bern erhalten hat, konnte sie es nicht glauben, sie war am Boden zerstört, einfach nur traurig», sagt Laurent. Der gebürtige Serbe wandert im Juli 1989 in die Schweiz ein. Wenig später lernt der Krankenpfleger die Köchin Valérie kennen, am 26. Juli 1991 heiraten sie in Genf. Damals konnte er nicht ahnen, was für ein «immenses Leiden» sich in ihr verbirgt. Vor sechs Jahren brach sie ihr Schweigen und sprach über das, was ihr Vater ihr vor 20 Jahren angetan hatte.

«Es hat angefangen, als sie 13 war», erzählt Laurent. Jeden Abend musste sie die Streicheleien ihres Vaters erdulden. Während Monaten, Jahren missbrauchte er sie. Mit dem Mund, mit den Fingern, seine Sex-Spielchen wurden immer perverser. Das Mädchen durfte nichts sagen, hielt ihre Tränen vor ihrem jähzornigen Peiniger zurück. All die Abende manipulierte er sie: «Du bist meine Lieblingstochter. Sag deiner Mutter nichts, das ist unser kleines Geheimnis.»

Als Valérie 15 Jahre alt ist, versucht sie mehrmals zu fliehen. Ohne jemandem den Grund zu nennen. Schliesslich findet sie Zuflucht in einem Heim.

Erst 20 Jahre später hat sie den Mut, ihren Vater mit seinen Taten zu konfrontieren. In ihrer Gegenwart gibt er alles zu und gesteht: «Ich bin ein Peiniger.» Aber vor den anderen Familienmitgliedern spielt er alles runter, erzählt etwas von vagen Berührungen unter der Dusche.
«Ihre Mutter wollte gar nichts davon hören», weiss Laurent. Sie habe gesagt: «Was erzählst du mir das 20 Jahre später. Du zerstörst unsere Familie.» Und auch von ihrem Bruder erhielt Valérie keine Unterstützung.

Die Hausfrau und Mutter stürzt erneut in eine tiefe Krise. Sie versucht sich das Leben zu nehmen. Aber ihre Kinder waren ihr noch genug Stütze. Sie sagten zu ihr: «Wir möchten lieber eine kranke Mutter als gar keine.» 2007 zeigt Valérie ihren Vater an. Doch die Staatsanwaltschaft stellt das Verfahren ein, weil die 15-jährige Verjährungsfrist bereits abgelaufen ist. Die zerstörte Frau hat Mühe, wieder ins Leben zurückzufinden. Sie hält sich für eine schlechte Mutter, denkt, dass ihre Liebsten wegen ihr leiden müssen.

Schon als der Verein «Marche Blanche» die Volksinitiative für die Unverjährbarkeit von sexuellem Missbrauch an Kindern lanciert, schöpft die Gepeinigte etwas Hoffnung. Und als die Initiative im letzten Herbst angenommen wird, ist sie erst recht überzeugt, dass nun auch ihr Vater vor Gericht kommt. «Sie war so glücklich. Wir haben eine Flasche Champagner geöffnet», erzählt Laurent.

Auf die Freude folgt im Februar die Ernüchterung. Ihr Fall bleibt verjährt. Ihr Vater wird nie für
seine Taten büssen. Dennoch: Ihren zweiten Selbstmordversuch konnte niemand voraussehen. «Sie sagte am 4. März, sie gehe in die Migros einkaufen und zum Anwalt. Dann war sie auf dem Handy plötzlich nicht mehr erreichbar. Am nächsten Tag hat man Valérie in ihrem Auto gefunden.»

Ihr Vater aber wanderte vor zehn Jahren nach Frankreich aus, arbeitet als Bäcker. Hat Schwiegersohn Laurent nie Rachefantasien wegen den Schandtaten an seiner geliebten Frau Valérie? «Ich setze wegen eines Perversen nicht mein Leben aufs Spiel. Ich muss für meine Buben sorgen», sagt er.

Aber Laurent will dafür kämpfen, dass der Perverse und andere wie er ihre Strafe erhalten. Er unterstützt die Organisation «Marche Blanche», die sich weiterhin dafür einsetzt, dass auch vor 2008 verjährte Taten vor Gericht kommen. «Wäre dies heute schon der Fall, meine Valérie wäre jetzt noch an meiner Seite», sagt er und weint.

*Namen der Redaktion bekannt
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Das Volks-Ja kam für viele zu spät

Sexueller Missbrauch an Kindern verjährt nicht mehr. Seit Herbst 2008. Für davor verjährte Taten gilt das aber nicht.

Missbrauchsopfer wagen häufig erst Jahrzehnte später darüber zu sprechen, was ihnen in jungen Jahren angetan wurde.

Viele brechen ihr Schweigen, wenn die Taten schon verjährt sind und nicht mehr vor Gericht gebracht werden können.

Das wollte die Organisation «Marche Blanche» ändern und lancierte eine Volksinitiative «Für die Unverjährbarkeit pornografischer und sexueller Straftaten an Kindern». Die Opfer sollten sich jede Zeit nehmen können, um den Täter später zur Rechenschaft ziehen zu können.

Mit einer ganz knappen Mehrheit stimmte das Volk der Vorlage am 30. November 2008 zu. Obwohl der Bundesrat und alle Parteien ausser der SVP dagegen waren.

Nach der Annahme der Initiative hofften viele Missbrauchs­opfer, dass ihre Peiniger nun doch vor Gericht kommen. So auch Valérie* aus Genf. Doch sie und die anderen wurden enttäuscht.

In einem E-Mail teilt das Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) Valérie mit, dass «diese neue Bestimmung nicht auf Straftaten anwendbar ist, die im November 2008 bereits verjährt waren». Der neue Verfassungsartikel sei am Tag der Volksabstimmung in Kraft getreten. Aus Gründen der Rechtssicher­heit sei es nicht möglich, eine Verjährung rückwirkend aufzuheben.

«Marche Blanche» kämpft weiterhin dafür, dass auch bereits vor dem 30. November 2008 verjährte Fälle neu beurteilt werden.

Für den Fall, dass dies doch noch möglich ist, hat Valérie ihre Leidensgeschichte und die Vorwürfe gegen ihren Vater minutiös aufgeschrieben. Da sie sich das Leben nahm, wird ihr Mann für sie weiterkämpfen.

Karin Baltisberger

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