Dafür gehen sie vor Gericht Geschwister wollen Freitod des Bruders (82) verhindern

GENF - Es ist ein aussergewöhnlicher Fall, mit dem sich das Genfer Zivilgericht befassen muss. Zwei Geschwister wollen per Klage verhindern, dass ihr älterer Bruder sich mit Hilfe von Exit das Leben nimmt.

Exit Genf: Geschwister wollen Freitod des Bruders (82) verhindern play
Ein Arzt hat dem Genfer Senior das tödliche Pentobarbital bereits verschrieben. Nun darf Exit es ihm – vorläufig – nicht geben. Keystone

Aktuell auf Blick.ch

Top 3

1 Tötungsdelikt in Freiburg Schweizer (27) soll Prostituierte (†49)...
2 Genfer Richter abgesetzt Prozess gegen Adeline-Killer beginnt von vorne
3 Mazedonier missbraucht Mädchen (7) im Wallis Freysinger: «Das ist...

Schweiz

Immer informiert - Abonnieren Sie den Blick-Newsletter!
Bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Schön, dass wir Ihnen unsere BLICK News des Tages senden dürfen. Möchten Sie zusätzlich den BLICK Sport Newsletter erhalten?
teilen
teilen
0 shares
37 Kommentare
Fehler
Melden

Am kommenden Dienstag, dem 18. Oktober, sollte es soweit sein. Der 82-jähriger Mann aus dem Kanton Genf, nennen wir ihn Pierre, wollte seinem Leben ein Ende setzen. Der Termin mit der Sterbehilfeorganisation Exit war fix, das tödliche Gift stand bereit. 

Doch zwei seiner Brüder machten dem lebensmüden Witwer einen Strich durch die Rechnung. Mit juristischen Mitteln kämpfen sie gegen den Freitod ihres älteren Geschwisters, wie die «Tribune de Genève» heute berichtet. Und das zumindest fürs Erste erfolgreich. 

Die Brüder Claude (72) und Bernard (82) haben Klage gegen Exit eingereicht und beim Genfer Zivilgericht eine superprovisorische Verfügung erwirkt. Bis zur gerichtlichen Anhörung in eineinhalb Wochen dürfen die Sterbebegleiter dem Genfer nun das Gift nicht aushändigen. 

«Er hat Bobos, die jede alte Person haben kann»

Ihr Bruder habe nicht das Recht, seiner Familie «das anzutun», sagt Claude zur «Tribune de Genève». An einem Familientreffen habe man ihn von seinem Entscheid noch abzubringen versucht, doch Pierre liess sich nicht umstimmen. Daraufhin entschlossen die Brüder, den juristischen Weg zu wählen. 

Denn sie sind der Meinung: Die Altersgebrechen, die ihr Bruder als Grund für den begleiteten Selbstmord aufführt, lassen einen frühzeitigen Tod nicht rechtfertigen. «Unser Bruder hat Arthrose, Probleme mit dem Sehen, das sind Bobos, die jede alte Person haben kann.» Bei einem Skiausflug im März dieses Jahres sei es ihrem Bruder noch wunderbar gegangen. «Er war in besserer Form als ich», sagt Bernard. Er und sein jüngerer Bruder sind überzeugt, dass Pierre depressiv und deshalb nicht mehr voll urteilsfähig sei. 

«Untröstlich» über den Tod der Frau

Anders sieht das ihr Bruder – und Exit Suisse Romande. Die Sterbehilfeorganisation ist zum Schluss gekommen, dass Pierre an einer zu Invalidität führender, altersbedingter Polymorbidität» leide, also an mehreren Erkrankungen, die durch das hohe Alter einer Person bedingt sind. «Ich kann nicht mehr mit meinem Hund tanzen, ich bin zu langsam», erzählt der Sterbewillige. Zudem sei er «untröstlich» über den Tod seiner Frau. 

Für die Sterbehilfeorganisation sind das Gründe genug für einen Freitod. «Die Justiz wird uns rechtgeben», ist Pierre Beck, Vizepräsident von Exit Romandie überzeugt. So hält Artikel 6 der Statuten der Organisation explizit fest, dass auch Sterbehilfe bei Altersmorbidität geleistet wird.

Ein Fünftel der Freitode wegen Altersbeschwerden

Auch bei Exit Deutschschweiz, einer unabhängigen Schwesterorganisation von Exit Suisse Romande, ist ein Freitod aufgrund von Altersbeschwerden möglich. Vor zwei Jahren hat die Sterbehilfeorganisation auf Druck seiner Mitglieder die Statuten geändert. Seither steht darin explizit, dass sich Exit für den Altersfreitod einsetzt. «Es handelt sich um ein mittel- bis längerfristiges Ziel, an dem wir politisch und im Hinblick auf die Ärzteschaft arbeiten», sagt Heidi Vogt, Leiterin Freitodbegleitung bei Exit Deutsche Schweiz, zu BLICK.

An der effektiven Praxis habe sich derweil nichts geändert. Seit Jahren handle es sich bei rund einem Fünftel der Sterbehilfen um Freitodbegleitungen von Menschen mit Altersbeschwerden, sagt Vogt. Damit sind diese der zweithäufigste Grund für Sterbehilfe – nach dem Sterbewunsch Nummer 1: Krebs.

Dass Familie sich juristisch wehrt, ist sehr selten

Wer sich mit Exit das Leben nehmen möchte, muss laut Statuten entweder eine hoffnungslose Prognose haben, an unerträglichen Beschwerden leiden oder eine unzumutbare Behinderung haben. Altersbeschwerden, zum Beispiel eine schwere Arthrose oder eine starke Sehbehinderung, könnten unter diese Bedingungen fallen, sagt Vogt. Ob ein Altersleiden tatsächlich zu unerträglichen Beschwerden führt oder eine unzumutbare Behinderung darstellt, hänge dabei von der subjektiven Beurteilung des Betroffenen ab. Zudem wird ein ärztliches Zeugnis benötigt, in dem ein Mediziner die Beschwerden beschreibt und die Urteilsfähigkeit der Person bestätigt. Schliesslich stellt der Arzt das Rezept für das tödliche Gift aus.

Dass der Arzt oder auch die Familie oder ein Beistand dabei gegen den Freitodwunsch einer Person opponiere, gebe es ab und zu, sagt Vogt. «Dass Familienangehörige schliesslich sogar juristisch gegen den Entscheid wehrten, kommt allerdings praktisch nie vor.»

Publiziert am 14.10.2016 | Aktualisiert am 29.10.2016
teilen
teilen
0 shares
37 Kommentare
Fehler
Melden

Sind Sie grundsätzlich dafür, dass Menschen wegen Altersbeschwerden Sterbehilfe bekommen dürfen?

Abstimmen

37 Kommentare
  • martin  burger 15.10.2016
    Ich lernte meine Freundin44j. im Jan. kennen. Ging mit ihr durch ein Ärzte und Spitaldilemma. Ich holte sie 3mal vom Zug weg. Niemand glaubte ihr die unbeschreiblichen Kopfschmerzen. Nach drohen mit den Medien wurde endlich einem Kopfröntgen zugestimmt. 5,5cm Hirneigener Tumor. Nicht operierbar. Die kurze Zeit die uns noch blieb genossen wir in Zweisamkeit. Ich danke dem Hospiz für ihre Hilfe, danke an Exit das meine Partnerin zuhause in Würde in meinen Armen sterben durfte. RIP mein ENGEL
    • Anna  Rusch 15.10.2016
      @Burger: fühle mit Ihnen und Ihrem Leid. Berührendes Schicksal! jeder hat das Recht so zu sterben wie er es einrichten kann und dass ist auch gut so! Exit nimmt vielen Angehörigen auch viele Jahre Leid ab und den Betroffenen viele Jahre Schmerzen und oft einen qualvollen Tod. Seien wir froh, dass Betroffenen darauf zurückgreifen können und ignorieren wir die Moralaposteln die nicht wissen von was da geredet und gelitten wird!
  • Jürg  Brechbühl aus Eggiwil
    14.10.2016
    Falls die Information stimmt, von wegen ein Fünftel der Freitode wegen "Altersbeschwerden", dann kämpfe ich ab sofort für das Totalverbot von Exit und für die Aufnahme dieses Vereins in ein Register krimineller Organistationen, Beschlagnahmung sämtlicher Vermögen, gerichtliche Aburteilung von deren Mitgliedern, etc.
    • Tamara  Bachmann , via Facebook 15.10.2016
      Muss das nicht jeder Mensch selber wissen, wann er gehen will? Wenn sich jemand für den Tod entscheiden will, warum auch immer, dann soll er das! Es ist nicht an uns zu entscheiden, wer leben darf und soll und wer nicht! Ist jedem seine Entscheidung! Selbst wenn er keine Schmerzen hat und sterben will - ich glaube kaum, dass man einfach so freiwillig sterben will, wenn man ein "gutes" Leben hat! Lasst die sterben, die wollen!
  • Fridolin  Glarner-Walker aus Genf
    14.10.2016
    EXIT hat inzwischen übe 100000 Mitglieder die selber bestimmen wollen, wann es genug ist. Ich denke nicht, dass dies Gerichte entscheiden sollen. Auch eine Sterbebegleitung durch EXIT wird nicht leichtfertig gefällt. In Genf sind letztes Jahr von 6422 Mitgliedern 71 oder 1,1 Prozent durch Exit in den Tod begleitet worden. Abgesehen davon, dass sich viele nicht mehr selber umbringen könnten, sind Selbstmorde wohl kaum ein würdevoller Tod.
  • Hans  Keller aus St. Gallen
    14.10.2016
    Ich frage mich, was da die Geschwister zu melden haben? Übernehmen sie auch die Pflichten. im Übrigen Die Krankenkassen ächzen, die AHV ächzt und die Pensionskassen ächzen. Alle ächzen und alle wären froh, wenn möglichst viele mit 65 ins Gras beissen. Und wenn einer freiwillig will, lässt man ihn nicht.
  • Reto  Schaufelberger aus Matzingen
    14.10.2016
    Ludwig A. Minelli, Dignitas, hatte bei Beginn von Dignitas ( Jahr 2004) SFr. 0.00 Einkommen und Vermögen. Bereits 2007 hatte er ein Einkommen von rund SFR. 162000.00 und ein Vermögen von beinahe 2 Millionen Schweizer Franken! Wie sieht es wohl heute aus?
    Ein Mehrfach-Millionen-Unternehmen meistens auf Kosten von AHV-Bezügern - staatlich erlaubt - vielleicht auch staatlich gefördert - würde zu den heutigen politischen Diskussionen rund um die AHV passen!