Femen-Aktivistin im Interview «Am Anfang redeten sie nur über unsere Brüste»

  • Publiziert: 20.10.2011, Aktualisiert: 03.01.2012
  • Von Roman Neumann

KIEW - Die Nacktivistinnen «Femen» kommen in die Schweiz. Blick.ch sprach mit Inna Shevchenko, einer der Anführerinnen der Bewegung.

Inna Shevchenko, Sie sind 21 Jahre alt und zeigen Ihren Körper wildfremden Leuten. Warum tun Sie das?
Wissen Sie, Feminismus existiert in der Ukraine nicht. Protest existiert nicht. Ich komme aus einem kleinen armen Dorf, zog in die grosse Stadt Kiew und studierte Journalismus wie ein braves Mädchen und arbeitete sogar für die Stadtverwaltung. Dann entdeckte ich Femen und wusste: Das ist es! Ich machte bei den ersten Protesten mit.

Dann hats der Arbeitgeber bemerkt.
Richtig. Sie sahen ein Foto von mir und schmissen mich hochkant raus. Also habe ich beschlossen, mein altes Leben aufzugeben. Ich bin bei Femen, 24 Stunden am Tag. Und es ist gut. Es ist richtig gut. Ich geniesse es.

Kann man davon leben?
Naja, wir wachsen noch. Aber wir versuchen, uns über Wasser zu halten. Wir verkaufen Fanartikel wie T-Shirts, verdienen Geld, ausserdem haben wir Gönner, die uns helfen. Aber wir versuchen schon, unabhängig zu werden.

Sie wurden bei ihren Protesten schon mehrmals verhaftet.
Ja, insgesamt schon 15 Mal. Aber sie können uns nichts anhaben, da in der Ukraine kein Gesetz existiert, das Frauen verbietet, oben ohne rumzulaufen. Also versuchen sie uns per Hooligan-Gesetz dranzukriegen.

Haben Sie keine Angst?
Nein, die haben eher Angst vor uns und unserer kleinen Revolution. Die Polizisten nehmen uns zwar mit auf den Posten, lassen uns aber meistens bald wieder laufen. Ein paar Mal haben sie physische Gewalt gebraucht, aber meistens lassen sie uns in Ruhe. Angenehm ist es natürlich nicht. Einige drohen uns.

Wie zum Beispiel?
Sie sagen, dass sie uns Kokain in die Hosentaschen schmuggeln und uns dann für lange Zeit wegsperren. Aber bis jetzt ist noch nie etwas passiert. Um unsere Familien machen wir uns eigentlich keine Sorgen, es geht ja um uns, nicht um sie.

Weiss ihre Familie von ihrem Engagement?
Natürlich! Am Anfang hatte vor allem meine Mutter Probleme damit. Sie erinnern sich: In der Ukraine protestiert «man» nicht – und schon gar nicht so. Mittlerweile redet sie wieder mit mir. Mein Vater fand immer gut, dass ich mich engagiere. Und meine Schwester hat mich immer unterstützt. Meine Mutter hat heute immer grosse Angst, wenn sie hört, dass ich protestieren gehe.

Wie kommen die Männer damit klar?
Ha! Ich habe zurzeit keinen Freund. Aber wir alle bei Femen haben gemerkt, dass nur Männer zu uns passen, die stark sind. Sie dürfen keine Probleme damit haben, wenn wir uns ausziehen. Starke Frauen brauchen starke Männer.

Jetzt kommen sie in die Schweiz. Was wollen Sie hier erreichen?
Wir wollen über die Probleme in der Ukraine sprechen. Natürlich wollen wir auch von der Schweiz lernen. Sie haben es gut hier. In der Schweiz gibt es zum Beispiel viele feministische Organisationen. In der Ukraine nicht, Feminismus existiert dort einfach nicht. Wenn du auf der Strasse sagst, dass du dich für Frauen einsetzt, schauen dich die Leute an, als wärst du ein Idiot. Wir wollen in Europa aber unsere Ideen des neuen Feminismus verbreiten.

Und was ist dieser neue Feminismus?
Es ist der neue radikale Weg für Frauen. Benutze alles, was du hast! Benutze deinen Geist, deinen Körper, deine Kraft. Kämpfe so für deine Rechte.

Sollten sich Frauen in der Schweiz also auch ausziehen, wenn sie für etwas kämpfen wollen?
Ich glaube, ja. Ich kann es nur empfehlen. Ich hoffe, in der Schweiz gibt es genug mutige Frauen. Es ist ein guter Weg, um Leute aufzurütteln und auf die eigenen Anliegen aufmerksam zu machen. Du weckst sie auf, du zeigst ihnen, dass hier gerade etwas passiert, dass gerade Leute gegen etwas protestieren. Es ist sehr effektiv.

Aber mittlerweile kennt praktisch jeder ihre Organisation, nutzt sich das Mittel der Entblössung nicht irgendwann ab?
Nein, es gibt da eine Entwicklung. Als wir Frauen von Femen begannen, uns auszuziehen, redeten alle nur über unsere Brüste, über unsere Körper. Wenn uns die Leute heute sehen, reden sie darüber, gegen was wir protestieren. So gesehen verschaffen wir uns heute mehr Gehör als zu Beginn, als wir nur auf unsere Körper reduziert wurden. Und hey: Wir sind junge Mädchen, die Reaktionen bleiben nie aus.

Irgendwann protestieren alle Frauen auf der Welt oben ohne.
Warum nicht? Solange sie gegen Missstände protestieren. Mittlerweile haben wir viele Organisationen inspiriert. Schauen Sie sich nur den Slutwalk an, kennen Sie den? Oder Occupy Wallstreet, eben haben uns Frauen geschrieben, dass sie dort oben ohne protestieren wollen. Dank uns! Das ist fantastisch.

Was ist Femen?

Femen ist eine Aktivistengruppe, die sich 2008 gebildet hat und seither vor allem für die Rechte der Frauen in Ukraine kämpft. Internationale Bekanntheit erlangten sie, da sie meistens oben ohne oder nur spärlich bekleidet für ihre Anliegen kämpfen. Die Gruppe zählt nach eigenen Angaben über 300 aktive Mitglieder, von denen sich jedoch nur 30 nackt zeigen. Auch einige Männer sind Mitglieder bei Femen. Am 29. Oktober kommen vier der Aktivistinnen in die Schweiz für eine Podiumsdiskussion nach La Chaux-de-Fonds.