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Herr Bischof, Sie haben Mitte März Ihren 60. Geburtstag gefeiert – gesundheitlich in viel besserer Verfassung als auch schon.
Ich arbeite seit Ostern 2008 wieder voll. Dank eines guten Arztes geht es mir auch wieder sehr gut.
Halten Sie sich an den Rat des Arztes: ein freier Tag pro Woche?
Das ist nicht möglich. Den letzten freien Halbtag hatte ich an Neujahr. Trotzdem bin ich mit der Arbeit im Rückstand.
Die Meldungen über sexuelle Missbräuche in der Kirche
reissen nicht ab. Ihre Reaktion?
Es gibt zwei Bereiche, die besonders intim sind: der Bereich der Religion und der Bereich der Sexualität. Wenn beide – vermischt – unter dem Vorzeichen von Übergriffen stehen, ist das eine besonders tragische Situation. Über einige Dinge mache ich mir Gedanken, die ich öffentlich besser nicht äussere.
Was meinen Sie?
Jeder Versuch, das Phänomen auch in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext zu stellen, wird als Verharmlosung ausgelegt. Für mich stellt sich aber die Frage: Geht es wirklich um die Opfer? Es gibt sehr viele Opfer in anderen Institutionen, die völlig in Vergessenheit geraten.
Sexuelle Übergriffe sind kein besonderes Phänomen der Kirche?
Die absolute Mehrheit findet im Familienumfeld statt. Zudem sei daran erinnert, wie das Phänomen der Pädophilie in den 70er- und 80er-Jahren diskutiert wurde. Gerade linke Parteien waren in Deutschland für die Entkriminalisierung. Heute kommen die heftigsten Attacken gegen die Kirche gerade von dieser Seite.
Sie lenken doch damit nur vom Problem ab!
Sie bestätigen damit, was ich soeben gesagt habe. Um jeden Eindruck zu vermeiden, das Problem zu verharmlosen, muss man sich offensichtlich dieser Political Correctness beugen. Aber an die Opfer auch in anderen Institutionen zu denken, kann mir niemand verbieten.
Die Kirche hat einen eminent moralischen Anspruch.
Richtig! Je höher die moralischen Ansprüche sind, desto stärker wird eine Institution behaftet, wenn sie diesen nicht entspricht. Doch das gilt für staatliche Schulen ebenso wie für andere soziale Institutionen und andere Religionen. Und es gilt auch für jene Medien, die selbst hohe moralische Ansprüche verkünden – und diesen längst nicht immer folgen.
In Ihrem Bistum steht ein junger Priester im Verdacht, er habe sich an Buben sexuell vergriffen.
Ich bin sehr erschrocken, weil ich ihm so etwas nie zugetraut hätte. Es liegen Hinweise auf mögliches Fehlverhalten vor und er ist in Untersuchungshaft. Mehr kann ich nicht sagen – ausser dass auch für ihn die Unschuldsvermutung gilt.
Reden wir vom konkreten Umgang mit Übergriffen. Warum meldet die Kirche solche nicht konsequent den Behörden?
Man muss zuerst den möglichen Täter zu einer Selbstanzeige bewegen. Zudem muss man die Situation der Opfer bedenken. Und: Wenn wir jeden Vorwurf, der kommt, unbesehen weiterleiten, dann ist dies fahrlässig und wir Bischöfe verlieren das Vertrauen der Seelsorgenden. Die erste Vorabklärung muss bei uns geschehen. Wenn wir sehen, dass der Vorwurf schwerwiegend ist, dann muss er weitergeleitet werden.
Abt Martin Werlen fordert ein zentral geführtes Register, eine schwarze Liste für straffällig gewordene Priester. Sind Sie dafür?
Es ist absolut notwendig, dass beim Übertritt eines Priesters in eine andere Diözese diese dafür verantwortlich ist, sich zu erkundigen, ob etwas vorliegt. Jeder Bischof hat die moralische Pflicht, die Wahrheit zu sagen. Das muss einfach funktionieren! Wenn nun eine solche Liste hilft, den Austausch zu verbessern, dann bin ich dafür. Doch darüber wird die Bischofskonferenz befinden.
Ein weiterer Vorschlag lautet, eine zentrale Stelle für Opfer einzurichten. Was ist damit?
Wir verfügen bereits über die entsprechenden Anlaufstellen und Gremien, auch auf nationaler Ebene. Jede Meldung, die bei uns eingeht, wird sofort weitergeleitet. Ob es noch eine weitere Stelle braucht, auch darüber wird die Bischofskonferenz befinden.
Macht die Kirche genug, um Männer mit pädophilen Neigungen zu erkennen?
Wir müssen alle Massnahmen ergreifen, damit Leute mit solchen Neigungen nicht in den kirchlichen Dienst kommen.
Mit eingehenden psychologischen Checks beispielsweise?
Ja, aber nicht nur das. Ich habe bereits vor Jahren gefordert, dass Theologiestudierende, die im Bistum Basel arbeiten wollen, zwei Jahre im Seminar leben sollten. So erlebt man sie im Alltag. Dies schränkt aber Freiheiten ein und ist schwer durchsetzbar. Wichtig ist auch, dass Professoren Beobachtungen zu auffälligem Verhalten von Studierenden nicht für sich behalten.
Sollte sich die Bischofskonferenz jetzt nicht zu einer Sondersitzung treffen?
Das ist in letzter Instanz die Entscheidung des Präsidenten, der dazu gewiss die Meinung aller Mitglieder einholt. Mir ist wichtig, dass wir zu konkreten Vorschlägen mit einer Stimme sprechen können.
Auch weil sich die Kirchenaustritte häufen. Die Menschen sind empört.
Ich kann das verstehen. Man sollte beim Gedanken an einen Kirchenaustritt aber auch in Rechnung stellen, dass die Kirche die einzige Institution ist, die öffentlich dazu aufruft, dass sich die Opfer melden. Dies ist zwar hart, aber der einzig richtige Weg. Zudem müssten wir permanent Falschinformationen in der Öffentlichkeit korrigieren.
Zum Beispiel?
Über die Rolle Roms in dieser tragischen Geschichte wird – uninformiert – viel Falsches vertreten. Dass Rom kaum etwas öffentlich macht, heisst nicht, dass Rom nichts macht oder nur vertuscht, wie Hans Küng unbegründet behauptet.
Was macht Rom denn genau?
Ich weiss selbst von der Arbeit der Glaubenskongregation, dass man das Problem sehr ernst nimmt. Rom als Zentrum einer Weltkirche kann zwar nicht direkt mit den staatlichen Behörden zusammenarbeiten. Dies ist die Verantwortung der Ortsbischöfe. Rom wirkt aber auf diese ein, dass sie ihre Verantwortung gegenüber straffällig gewordenen Seelsorgenden wahrnehmen. In schweren Fällen hat die Glaubenskongregation selbst beim Papst beantragt, Priester in den Laienstand zurückzuversetzen, was der Papst auch getan hat.
Die letzte Frage kennen Sie …
(Lacht) Dann stellen Sie sie doch nicht!
Es heisst, Sie werden Kardinal.
Ich bin mit vielen schwierigen Fragen konfrontiert und gebe mich nicht mit Gerüchten ab. Ihr Kerngeschäft sind doch auch präzise Informationen und nicht Spekulationen, oder?