Servus, Österreich Warum ihr hüpft und wir fliegen!

  • Publiziert: 21.02.2010, Aktualisiert: 03.01.2012
  • Von Iso Ambühl

Drei Ingenieure aus Basel helfen Simon Ammann fliegen: Sie haben das Prinzip der Skisprung-Bindung revolutioniert. Sehr zum Ärger unserer Nachbarn!

Schau her, Österreich: Das sind die drei Magier, die Simon Ammann (28) doppelt vergoldet haben: Sie heissen Bernhard Knopp (43), Peter Scheuble (42) und Marc Ammann (31).

Es sind die drei Ingenieure, die die Geheimwaffe unseres Olympiahelden entwickelt haben: die gebogene Stabbindung!

An einem Paar Originalski von Simon Ammann erläutern sie das Geheimnis ihrer Erfindung – exklusiv für SonntagsBlick.

Bei üblichen Skisprung-Bindungen ist die Ferse mit einem Band fixiert. Die «Bison»-Bindung, ein finnisches Patent, ersetzt dieses Band durch einen geraden Stab aus gehärtetem Aluminium. Nun ging das Ingenieurstrio des Medizintechnikunternehmens Medartis in Basel-Kleinhüningen den entscheidenden Schritt weiter: Die Tüftler bogen diesen Stab und kombinierten ihn mit einem ausgeklügelten System, das es dem Athleten erlaubt, die Stablänge exakt nach seinen Wünschen einzustellen.

Kern dieser Modifikation: Ski, Stab und Schuh lassen sich exakt aufeinander abstimmen. Vorteil: Der Springer kann seine Ski in der Luft mit grosser Sicherheit horizontal führen. Und das Resultat? Zwei Goldmedaillen für die Schweiz! Spätestens nach dem ersten Sieg auf der Normalschanze in Vancouver (CDN) war dem Ingenieurstrio klar, dass es einen Coup gelandet hatte.

Österreich, da staunst du, was?


Fachleute sagen, die Ski «strömen» besser an – zwei bis drei Prozent mehr Weite liegen auf diese Weise drin: «Die Bindung wirkt wie ein Massanzug für Ammann», sagt Medartis-Geschäftsführer Willi Miesch (45), «sie ist genau auf seinen Flugstil optimiert.»

Sein Unternehmen erhält dafür keinen Franken: «Das ist für uns Patriotismus», sagt Miesch. Und Ingenieur Scheuble betont voller Bescheidenheit: «Diese Arbeit war für uns ein Ehrendienst.»

Normalerweise tüfteln die Ingenieure an Innovationen für die Behandlung von Knochenbrüchen: Sie entwerfen Platten, Schrauben und Instrumente, um die Knochen nach einer Fraktur zu fixieren. Das dafür notwendige hohe Mass an Sorgfalt und Genauigkeit war es, das jetzt Simon Ammann zugutekommt: «Wir sind Entwickler», sagt Ingenieur Knopp. «Was wir als Produkt auf den Markt bringen, muss stimmen und sicher sein.»

Akribisch hatten die Techniker die üblichen Skisprungbindungen untersucht und mit viel Herzblut – teils auch in ihrer Freizeit – den veränderten Bindungsstab konstruiert. Den Umgang mit den notwendigen Hightech-Materialien, mit neusten Maschinen und Herstellungsverfahren sind sie aus der Medizinaltechnik gewohnt. Ihre Ergebnisse, auch die Tests im Windkanal, stimmten sie mit dem Team der Schweizer Skispringer ab.

Schon im Frühjahr 2009 hatte Medartis den ungewöhnlichen Auftrag der Skispringer Ammann und Andreas Küttel (30) übernommen. Und schon nach zwei Wochen erste Lösungen vorgeschlagen.

Heute schwärmt auch die Toggenburger Skifluglegende Walter Steiner (59) von den neuen Bindungen: «Sicher ein Traum, damit zu fliegen.» Dank der starken Fixierung der Schuhe sei die Kontrolle der Ski viel besser als mit den Kabelbindungen von früher. Dafür sei die Landung viel schwieriger.

Neidisch waren nur die Österreicher

Diese Woche machten sie Radau. Die Neuerung sei nicht reglementskonform. Doch der Internationale Skiverband (FIS) fand an den neuen Materialien nichts auszusetzen. Dumm für die Ösis: Sie selbst hatten im Sommer Versuche mit Stabbindungen unternommen – und waren kläglich gescheitert. Ihr Springer Thomas Morgenstern (22) verlor sogar einen Ski und knallte in die Mattenanlage.

Schon als Roland Collombin (59) 1973 die Abfahrt von Kitzbühel gewann, protestierten die Österreicher. Adolf Ogi (67), damals Direktor des Schweizer Skiverbands, hatte Collombin statt der herkömmlichen Skistockrädchen die ersten neuen Kugelstöcke abgegeben. Erfinder der neuen Stöcke war Fritz Straumann – der Vater von Medartis-Eigentümer Thomas Straumann (46).

Eine Familientradition

Mit seinem Engagement beim Skisprung führt Medartis-Gründer Thomas Straumann eine Familientradition fort. Sein Grossvater Reinhard Straumann (1892–1967, oben) war ein Pionier im Schanzenbau und prägte die Flugtechnik der Skispringer. Vater Fritz Straumann (1921–1988), ein Tüftler, erfand die Kugelstöcke für Skifahrer. Sohn Thomas ist begeistert von der Hilfe der Medartis für Ammann: «Schön, dass wir die Familientradition so fortsetzen konnten», sagt er.

Medartis erzielt heute mit 230 Mitarbeitenden rund 60 Millionen Franken Umsatz in der Medizinaltechnik. Thomas Straumann ist mit 32,4 Prozent Hauptaktionär des Basler Zahnimplantatekonzerns Straumann.  

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