Bahn-Chef Andreas Meyer braucht 1,8 Mrd! Warum geht es den stolzen SBB plötzlich so schlecht?

  • Publiziert: 23.09.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Henry Habegger, Simon Spengler und Clemens Studer

Die SBB sparten beim Unterhalt. Jetzt brauchts 1,8 Milliarden Franken, sonst — so droht SBB-Chef Andreas Meyer — wird der Service weiter eingeschränkt.

Der Fall ist symptomatisch: Seit Wochen sind auf der alten Strecke Bern–Zürich Bahnwagen unterwegs, deren Türen defekt sind. An den Aussentüren kleben Zettel mit Aufschriften wie: «Bitte Geduld. Tür öffnet sich nach 40 Sekunden.»

Die SBB hatten einst einen Ruf wie die Schweizer Uhr: präzis, sauber und unendlich zuverlässig. Damit ist es längst vorbei. Doch besonders in den letzten Wochen verspielten die SBB so viel Goodwill bei ihren Kunden wie noch nie. Die Pannen und Störungen häuften sich (siehe Spalte rechts).

Längst gehts nicht mehr nur um Sauberkeit und gelegentliche Verspätungen. Um die sogenannten «Einzelfälle» und «zufälligen Häufungen», wie die SBB-Pressesprecher regelmässig betonen. Die Bundesbahnen haben ein massives Problem mit ihrer Infrastruktur.

Gestern musste SBB-Chef Andreas Meyer bei der nationalrätlichen Verkehrskommission antraben und sich erklären. Und was er und sein Infrastrukturchef erzählten, gefiel den Politikern gar nicht. Rund eine Milliarde Franken für notwendige Reparatur- und Unterhaltsarbeiten haben die SBB in den letzten Jahren auflaufen lassen. Das hatte Meyer Anfang Monat bereits bekannt gegeben. Doch dazu kommen ab nächstem Jahr jährlich über 100 Millionen Franken zusätzlich zum bestehenden Budget für den Unterhalt des Netzes.

«Langsam-Fahrten» und Einschränkungen

Was die SBB-Spitze als Alternative zu den zusätzlichen rund 1,8 Milliarden Bundesgeldern in den Raum stellte: «Vermehrte Langsamfahrten und andere Betriebseinschränkungen». «Ziemlich unverfroren», so ein Kommissionsmitglied zu BLICK. Heisst im Klartext: Entweder legen die Steuerzahler 1,8 Milliarden auf den Tisch oder die SBB-Kunden werden noch mehr gepiesakt.

Was die Verkehrspolitiker besonders beunruhigt: die Vorgeschichte von SBB-Chef Meyer in Deutschland. Dort stehen seit Monaten rund 75 (!) Prozent der Berliner S-Bahn-Wagen still. Grund: Ihr Unterhalt wurde so lange vernachlässigt, bis die Aufsichtsbehörden das Rollmaterial aus dem Verkehr zogen (Siehe Box).

Bei den SBB liegt das Problem ähnlich, glaubt man den SBB-Mitarbeitern an der Front. Zuerst wurden im Unterhalt massiv Stellen abgebaut, dann begann man bei den Revisionsarbeiten längere Intervalle einzuführen. «Für eine so komplexe Infrastruktur wie sie die SBB benötigen, ist das fatal», sagt einer, der sich mit dem Dossier auskennt. Denn das Netz und die Züge sind wegen der Passagierzunahme und dem ausgeweiteten Angebot so oder so schon am Anschlag. Da können sich auch für sich genommen kleine Störungen massiv auswirken.

Lohnabzug bei Verspätungen

Bähnler gelten als überdurchschnittlich loyale Arbeiter, die stolz auf ihr Unternehmen sind. Besonders getroffen hat sie deshalb, dass ihr Chef unlängst als «Heilmittel» gegen allen Fahrgastärger Lohnabzüge bei Verspätungen in die öffentliche Diskussion warf. «Wenn das Material stimmt, setzt sich doch jeder von uns für einen reibungslosen Betrieb ein», sagt ein SBB-Insider. «Dafür brauchen wir weder einen zusätzlichen Bonus noch die Drohung mit Lohnabzug. Wir sind Bähnler, keine Banker!»

Marodes Material, ein zusätzliches Milliardenloch, unzufriedene Mitarbeiter und saure Kunden: SBB-Chef Andreas Meyer hat schwierige Zeiten vor sich.

Der Obwaldner SVP-Nationalrat Christoph von Rotz sagte es gestern so: «Meyer ist der teuerste Manager, den wir uns je geleistet haben. Jetzt muss er zeigen, ob er das Geld wert ist. Dafür muss er Lösungen präsentieren, nicht nur beim Staat für Geld anklopfen.»

Chronik der SBB-Pannen

16.09.2009: Weichenstörung beim Bahnhof Luzern: Ab 6.15 Uhr gibts Verspätungen und Zugsausfälle – zum Ärger der Innerschweizer Pendler.

09.09.2009: Von Zürich ins Zürcher Oberland fallen wegen einer Stellwerkstörung rund 40 S-Bahn-Züge aus.

06.09.2009: Fahrleitungsstörung Brig–Visp, die Strecke ist von 19.00 bis 24.00 Uhr nur beschränkt befahrbar.

03.09.2009: Fahrleitungsstörung in Zürich. Zehntausende S-Bahn-Pendler sind zu spät im Büro.

31.08.2009: Fahrleitungsstörung Zürich–Chur (fünf Stunden). Zudem ist Aarau–Brugg unterbrochen wegen einer eingestürzten Stützmauer.

16.08.2009: Fahrleitungsstörung in Zürich-Hardbrücke (Plastikplane hats verheddert nach einem Gewitter), S-Bahn vier Stunden lang gestört.

15.08.2009: Interregio Basel–Zürich bremst zu spät, knallt gegen Prellbock. Verletzte.

13.08.2009: Mobiles Funksystem spielt ab 20 Uhr verrückt. Auf der Lötschbergroute bis zu einer halben Stunde Verspätung. Und in Oensingen SO entgleist ein Zug.

12.08.2009: Blockierter Zug: Münsingen–Thun BE anderthalb Stunden lang nicht befahrbar.

11.08.2009: Tessin steht still (Blackout), ab 12.30 Uhr starke Frequenzschwankungen im Stromversorgungsnetz. Dieses bricht zusammen. Alle 86 Züge im Kanton stehen über eine Stunde still.

03.08.2009: Steinschlag auf der Gotthardroute, Bahnlinie wird über Nacht aus Sicherheitsgründen gesperrt.

Berliner S-Bahn-Krise: Staatsanwalt ermittelt

Die Berliner sind auf ihren öffentlichen Verkehr mindestens so stolz wie die Schweizer auf die SBB. Pro Jahr bezahlt die Stadtregierung rund 360 Millionen Franken an die S-Bahn Berlin GmbH. Doch diesen Sommer ging die Berliner S-Bahn zu Boden. Zeitweise verkehrte nur noch ein Viertel der Wagen. Die Betreiberin hatte den Unterhalt der Wagen so lange vernachlässigt, bis die Aufsichtsbehörden den Grossteil zwangsweise in die Werkstätten schickten Mittlerweile ermittelt der Staatsanwalt. Der böse Verdacht von Justiz und Politiker: Der Unterhalt wurde absichtlich vernachlässigt, um möglichst viel Geld an die Muttergesellschaft DB Stadtverkehr GmbH abliefern zu können. Chef der DB Stadtverkehr GmbH war von 2004 bis 2006 Andreas Meyer — der jetzige SBB-Chef. Grund für die Gewinnmaximierung zulasten des Unterhalts sehen Politiker im Wunsch der Deutschen Bahn, «fit» für die Börse zu werden.

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