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Der Fall ist symptomatisch: Seit Wochen sind auf der alten Strecke Bern–Zürich Bahnwagen unterwegs, deren Türen defekt sind. An den Aussentüren kleben Zettel mit Aufschriften wie: «Bitte Geduld. Tür öffnet sich nach 40 Sekunden.»
Die SBB hatten einst einen Ruf wie die Schweizer Uhr: präzis, sauber und unendlich zuverlässig. Damit ist es längst vorbei. Doch besonders in den letzten Wochen verspielten die SBB so viel Goodwill bei ihren Kunden wie noch nie. Die Pannen und Störungen häuften sich (siehe Spalte rechts).
Längst gehts nicht mehr nur um Sauberkeit und gelegentliche Verspätungen. Um die sogenannten «Einzelfälle» und «zufälligen Häufungen», wie die SBB-Pressesprecher regelmässig betonen. Die Bundesbahnen haben ein massives Problem mit ihrer Infrastruktur.
Gestern musste SBB-Chef Andreas Meyer bei der nationalrätlichen Verkehrskommission antraben und sich erklären. Und was er und sein Infrastrukturchef erzählten, gefiel den Politikern gar nicht. Rund eine Milliarde Franken für notwendige Reparatur- und Unterhaltsarbeiten haben die SBB in den letzten Jahren auflaufen lassen. Das hatte Meyer Anfang Monat bereits bekannt gegeben. Doch dazu kommen ab nächstem Jahr jährlich über 100 Millionen Franken zusätzlich zum bestehenden Budget für den Unterhalt des Netzes.
«Langsam-Fahrten» und Einschränkungen
Was die SBB-Spitze als Alternative zu den zusätzlichen rund 1,8 Milliarden Bundesgeldern in den Raum stellte: «Vermehrte Langsamfahrten und andere Betriebseinschränkungen». «Ziemlich unverfroren», so ein Kommissionsmitglied zu BLICK. Heisst im Klartext: Entweder legen die Steuerzahler 1,8 Milliarden auf den Tisch oder die SBB-Kunden werden noch mehr gepiesakt.
Was die Verkehrspolitiker besonders beunruhigt: die Vorgeschichte von SBB-Chef Meyer in Deutschland. Dort stehen seit Monaten rund 75 (!) Prozent der Berliner S-Bahn-Wagen still. Grund: Ihr Unterhalt wurde so lange vernachlässigt, bis die Aufsichtsbehörden das Rollmaterial aus dem Verkehr zogen (Siehe Box).
Bei den SBB liegt das Problem ähnlich, glaubt man den SBB-Mitarbeitern an der Front. Zuerst wurden im Unterhalt massiv Stellen abgebaut, dann begann man bei den Revisionsarbeiten längere Intervalle einzuführen. «Für eine so komplexe Infrastruktur wie sie die SBB benötigen, ist das fatal», sagt einer, der sich mit dem Dossier auskennt. Denn das Netz und die Züge sind wegen der Passagierzunahme und dem ausgeweiteten Angebot so oder so schon am Anschlag. Da können sich auch für sich genommen kleine Störungen massiv auswirken.
Lohnabzug bei Verspätungen
Bähnler gelten als überdurchschnittlich loyale Arbeiter, die stolz auf ihr Unternehmen sind. Besonders getroffen hat sie deshalb, dass ihr Chef unlängst als «Heilmittel» gegen allen Fahrgastärger Lohnabzüge bei Verspätungen in die öffentliche Diskussion warf. «Wenn das Material stimmt, setzt sich doch jeder von uns für einen reibungslosen Betrieb ein», sagt ein SBB-Insider. «Dafür brauchen wir weder einen zusätzlichen Bonus noch die Drohung mit Lohnabzug. Wir sind Bähnler, keine Banker!»
Marodes Material, ein zusätzliches Milliardenloch, unzufriedene Mitarbeiter und saure Kunden: SBB-Chef Andreas Meyer hat schwierige Zeiten vor sich.
Der Obwaldner SVP-Nationalrat Christoph von Rotz sagte es gestern so: «Meyer ist der teuerste Manager, den wir uns je geleistet haben. Jetzt muss er zeigen, ob er das Geld wert ist. Dafür muss er Lösungen präsentieren, nicht nur beim Staat für Geld anklopfen.»