Tödlicher Pfusch im Spital Wil Warum durfte die Chefärztin bleiben?

  • Publiziert: 17.08.2012
  • Von Fabienne Riklin, Antonia Sell
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Wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Cécile L. (51).

(Toini Lindroos)

Während die Chefärztin der Gynäkologie und Geburtshilfe im Spital Wil bleiben durfte, sind die anderen Ärzte alle weg.

Mit 39 war Cécile L.* schon Chefärztin. Mit 51 droht ihre Karriere jetzt abrupt zu Ende zu gehen. Weil sie als Ärztin so pfuschte, dass sie zu zwei Jahren Gefängnis bedingt verurteilt wurde.

Im Oktober 2007 war die Bäuerin Julitta B.* (†34) aus Mosnang SG nach einer Totgeburt verblutet (BLICK berichtete).

Noch hält das Spital Wil an ­Cécile L. fest. Noch will man sich nicht von ihr trennen.

Die anderen drei Ärzte, die in das Verfahren verwickelt sind und noch in den nächsten Wochen wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht erscheinen müssen, sind dagegen längst weg. Offiziell haben sie aus freien Stücken gekündigt. Der Anästhesie-Oberarzt, der Anästhesie-Chefarzt und die Gynäkologie-Oberärztin verliessen das Spital in den Jahren 2008 und 2009.

Ist Cécile L. ganz aus dem Schneider? Regierungsrätin Heidi Hanselmann (51, SP) machte gestern in «Schweiz aktuell» eine vieldeutige Bemerkung: Der Verwaltungsrat werde an seiner ordentlichen Sitzung Ende August diskutieren, ob sie in ihrer Tätigkeit bleiben könne.

Cécile L. ist seit 12 Jahren Chefärztin der Gynäkologie und Geburtshilfe im Spital Wil. Rund 800 Babys kommen in ihrer ­Abteilung jährlich zur Welt. Fast ­jedes vierte St. Galler Baby.

Nach dem Pfusch mit der Bäuerin wurde ihr ein Coach zur Seite gestellt: der ehemalige ­Direktor der Uni-Frauenklinik Zürich, Urs Haller (74). Doch sein Mandat ist jetzt abgelaufen.

Cécile L. ist innerhalb des Spitalbetriebs aber nach wie vor so etwas wie teilbevormundet. Denn nicht sie leitet das Ressort, sondern die Pflegedienstleiterin.

Das Spital attestierte der Chefärztin bisher stets eine hohe fachliche Kompetenz. Das sah der Staatsanwalt anders: ärztliche Inkompetenz, Desorganisation, starres und überholtes Hierarchiedenken warf er ihr im Prozess vor.

Wer ist diese Frau wirklich? 1987 erlangte die Schweizerin das Arztdiplom. 1996 bekam sie den Facharzttitel für Gynäkologie und Geburtshilfe. Die Jungärztin arbeitete in Spitälern in Wolhusen LU, Lugano TI, in Luzern sowie am Inselspital Bern.

Ihr Mann (53) ist ebenfalls Gynäkologe. Und er ist auch im Spital Wil tätig. Als Leitender Arzt ist er hierarchisch seiner Frau unterstellt. Das Ehepaar bewohnt seit 2003 ein Einfamilienhaus in Wil.

Der Tod von Julitta B. geht Cécile L. nahe. Sie hält Kontakt mit Witwer Daniel B.* (40). «Sie meldet sich sporadisch bei mir, fragt, wie es so geht», sagt der Bauer. Aber die Anteilnahme geht nicht so weit, dass sie die Opferfamilie über den Prozess informierte.

Cécile L. war für BLICK gestern nicht erreichbar.

*Namen der Redaktion bekannt

Beliebteste Kommentare

  • Bruno  Steinegger , via Facebook
    Wenigstens ein GUTER Staatsanwalt........ und die ´Gesundheitsdirektion in St.Gallen schläft.
  • Emil  Thommen , Zug
    Das Ganze ist schon kompliziert, die Verantwortlichen
    vom Spital sind da auch in der Pflicht und sollten
    den Hut nehmen

Alle Kommentare (18)

  • Steven  Reynard
    Eigentlich ist es sogar sehr einfach, denn bei irgendwelchen Fragen werden wir mit Fachchinesisch eingedeckt und zucken eingeschüchtert zusammen. Das ist nun mal das kleine Einmaleins der Ärzteschaft. Er/Sie weiss alles, wir absolut nichts. Götter in weiss, halt. Unantastbar.
  • Walter Hermann  Fröhlich-Gantenbein , via Facebook
    99,9 Prozent positiv verlaufene Geburten am Spital Wil sind für keine Schlagzeile gut genug, aber wenn eine einzige Fehldiagnose tragische Folgen hat, wird viel zuviel Druckerschwärze aufgewendet.Auch in dieser leidigen Angelegenheit sollte die Verhältnismässigkeit gewahrt werden.
  • Urs  Saladin , Teufenthal , via Facebook
    Offenbar wird von vielen Kommentar-Schreibern die Tatsache vergessen, dass es sich in diesem Fall nicht einfach um einen einmaligen Fehler handelt. Die Ärztin wurde von drei anderen Ärzten darauf aufmerksam gemacht, dass ein Gebärmutterriss vorliegen könnte. Wenn man solche Hinweise einfach ignoriert, dann grenzt das an Arroganz und hat mit menschlichen Fehlern, die auch bei Ärzten vorkommen können, nichts mehr zu tun!
  • Manfred  Flanders
    Schon klar müssen wir unsere Ärzte aus Deutschland holen. Der Arztberuf ist ein heikler Job, man hat die ganze Zeit mit dem Tod zu tun. Wenn aber jemand völlig überraschend gerettet wurde wird selten darüber informiert. Bei einem klaren Fehler aber prangert man die Leute an. Wie viele von euch haben noch nie einen grossen Fehler gemacht bei der Arbeit, wahrscheinlich wenige. Aber beim Arztberuf ist halt ein Fehler gleich ein Menschenleben. Wir Schweizer wollen halt keine Heldengeschichten lesen, wir wollen über Leute lesen die schlechter sind als wir, sodass wir als bessere Menschen dastehen.
    • Susanne  Sam
      Sie haben wohl den Text nicht gelesen. Der Staatsanwalt hält fest, dass die Chefärztinärztliche inkompetent und desorganisiert ist und über ein starres und überholtes Hierarchiedenken verfügt. Da ist nicht bloss ein Fehler passiert!
      • 17.08.2012
      • als Kommentar auf Manfred  Flanders
      • 53
      • 11
  • Ruzica  Simovic-Djokic , Wil , via Facebook
    Bei dieser liebenr Dame sollte ich einen Untersuch machen wegen einer Zyste. Als ich rein kamm sagte sie mir sie hätte nicht den ganzen Tag Zeit. Gut das ich mich nur umgekehrt habe und wieder gegangen bin....So Etwas unfreundliches will mit Leuten arbeiten?
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