Ware Mensch: Gerardo Ruocco (36) wurde in Genf ausgebeutet «Ich schuftete für 330 Franken auf dem Bau»

GENF GE - Gerardo Ruocco (36) wurde ein Super-Job auf Lebenszeit versprochen. Dann schuftete er in Genf für 330 Franken im Monat.

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Moderne Sklavenmärkte liegen zentral, zum Beispiel an der Via Lecco in der italienischen Grenzstadt Como (I). Sie sind nicht gekennzeichnet. An der Eingangstür der Jobvermittlungsagentur von Giancarlo G.* hängt nicht einmal ein Firmenschild.

«Das war schon komisch», sagt Gerardo Ruocco (36). Doch das Angebot klang zu verlockend: «Sie versprachen mir einen super Job in der Schweiz. Ich tappte in die Falle.» 4000 Franken im Monat sollte der arbeitslose Maler bekommen. Viel Geld für den Vater von zwei Kindern (7 und 5 Jahre). Freunde hatten ihm zu Hause in Neapel (I) davon erzählt. Also reiste Ruocco nach Como. Dort leitete ihn Giancarlo G. nach Melide TI weiter. G. betreibt dort an der Adresse des Treuhänders Gianluigi Valsangiacomo (62) die Firma Astro Investment. Eine Briefkastenfirma, aber alles ganz legal.

Gerardo Ruocco unterschreibt einen Arbeitsvertrag. Sein Arbeitsplatz ist eine Baustelle an der Rue de la Servette in Genf. Am 19. Mai gehts los. «Ich arbeitete zehn Stunden am Tag, sechs Tage die Woche», sagt Ruocco. Zwei Monate lang schuftet der Neapolitaner, verputzt und streicht in dieser Zeit zwölf Neubauwohnungen. Sein Lohn: 330 Franken im Monat. «Die Vermittler haben uns immer wieder vertröstet. Das Geld komme bald.» Als er sich wehren will, droht ihm Giancarlo G.: «Du bist ein Scheisskerl! Du weisst nicht, welch gefährliche Leute hinter uns stehen.» Ruocco bleibt cool. «Ich habe keine Angst vor der Mafia.»

Kein Einzelfall

Anfang August sehen die kantonalen Bauinspektoren Adriano Visentin (54) und François Vittori (61) auf der Baustelle in Genf nach dem Rechten. Gerardo Ruocco tritt vor und erklärt die Misere. Die Baustelle wird gesperrt und die Gewerkschaft Unia eingeschaltet. Astro Investment in Melide gerät unter Druck.

Deren Vertreter Gianluigi Valsangiacomo klagt: «Jetzt muss ich sehen, wie die Arbeiter zu ihrem Geld kommen. Ich wurde selbst betrogen, habe nie einen Rappen gesehen. Der ita­lienische Firmengründer ist verschwunden.» Von Giancarlo G. fehlt jede Spur.

Kein Einzelfall für Bauinspektor Visentin: «Wir haben 16 000 Bauarbeiter in Genf, rund 25 Prozent sind illegal. Manchmal haben die Opfer dieser modernen Sklaverei nicht einmal genug zu essen.» 4000 Kontrollen führte Genf im Jahr 2015 durch. «Bei über 1700 gab es Beanstandungen», sagt François Vittori. «Dahinter stecken mafiöse Machenschaften.»

So sieht es auch der Tessiner Generalstaatsanwalt John Noseda (68): «In den letzten fünf Jahren haben wir in über 20 Fällen ermittelt. Nur drei oder vier kamen vor Gericht. Es gab Ur­teile wegen Wucher, Nötigung, Urkundenfälschung, Betrug.» Das Problem liege, sagt der Chefankläger, in der Omertà, dem mafiösen Schweigen. «Ich habe Bauarbeiter befragt. Die hatten Angst auszusagen, sie fürchten um den Job und das Wohl ihrer Familien.» Haupt­ursache des Menschenhandels, sagt Noseda, sei Armut.

Morgen Teil 3
BLICK besucht das Zentrum des osteuropäischen Menschenhandels. Eine Reportage aus den Roma-Vierteln in Bulgarien.

* Name der Redaktion bekannt

Publiziert am 24.10.2016 | Aktualisiert am 27.10.2016
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22 Kommentare
  • Daniel  Siegmann , via Facebook 25.10.2016
    Ist eben viel zu einfach, wenn die Verantwortung auf die Subunternehmer abgeschoben werden kann. Man sollte per Gesetz den Hauptunternehmer an die Kasse nehmen können.
  • Baltasar  Glättli 25.10.2016
    Mich überrascht das nicht wirklich! im Kanton Zürich hatten wir ja die Möglich mit der Lohndumping-Initative solche Missstände schneller und härter zu bestrafen! Die Initiative wurde übrigens abgelehnt!
    • Dahn  Swiss 27.10.2016
      Man muss nicht neue Gesetze schaffen, sondern das Grundproblem lösen. Möglichkeit von Billigarbeitern, die ohne Bewilligung in die Schweiz einreisen können oder dürfen unterbinden, dann braucht es nicht neue Gesetze und neue Überwachungsbüros, die wiederum nur unnötige Kosten verursachen.
  • Kurt  Häfliger aus Zuerich
    25.10.2016
    Herr Bosshard, die Haftung der Bauunternehmung besteht bereits! Leider sind die Betroffenen in einer Zwangslage und müssten geschlossen sofort Anzeige erstatten. Es sollte eine Art Notfallkasse geben auf welche SOFORT zugegriffen werden kann. Diese Sicherheit müsste von der Bauunternehmung hinterlegt werden. Durch die Vergabe an Subunternehmen wird eben die Verantwortung abgeschoben, ein fieses ausbeuterisches System, welches auch von Parlamentarier/Unternehmer gezielt genützt wird!
  • Aleksandar  Pavic , via Facebook 25.10.2016
    Heute ist es Gang und Gäbe das grössere Schweizer Baufirmen Subunternehmer beauftragen und dann eine Zeit lang das Geld zurückbehalten, weil sie genau wissen das es sehr lang dauert bis der Subunternehmer zu seinem Geld kommt und bis dahin pleite ist! Und ein Maler der sich für 4000 CHF anbietet betreibt selber Lohndumping!
    •   25.10.2016
      Für einen Süditaliener ist das ein super Lohn. Wenn Sie den Kitt von den Fenstern essen müssten, würden Sie sich auch dazu endscheiden.
    • Eron  Thiersen 25.10.2016
      Wer keine Perspektive mehr hat hat lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Also machen sie nicht die Leute die aus Angst vor Armut jeden Arbeit annehmen verantwortlich! Ginge es nach Schneider-Ammann und Frau Sommaruga, dann existiert dieses Problem nicht. Aber nur weil der Eine nicht macht und alles dagegen verhindert und die andere aus ideologischen Gründen wegschaut!
    • Aleksandar  Pavic , via Facebook 25.10.2016
      Es gibt trotzdem Mindestlöhne an die sich gehalten werden muss, nicht umsonst finden Schweizer keine Arbeit mehr im Tessin! Es ist auch ein Betrug gegenüber unseren Sozialsystemen!
  • Georg  Kuster 25.10.2016
    Er wollte sich ausbeuten lassen. Er wusste schliesslich ganz genau, dass man sich einfach nur bei der UNIA melden muss und Stunden später wars das mit dem Dumpinglohn. Dann fällt nämlich das gesamte Arbeitsinspektorat über die Baustelle herein, auf der er arbeitet. Die Leuten kennen ganz genau die Vorschriften in der Schweiz, wenn sie im Baugewerbe tätig sind und sie aus Europa kommen. Nachher zur Presse zu rennen ist lächerlich.