Angst vor der Krise Wahrsager im Hoch

  • Publiziert: 12.04.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Pirmin Kramer

Pleiten, Rezession und Börsencrash: Die Experten haben versagt. Jetzt suchen viele Schweizer Halt im Aberglauben.

Die Sterne meinen es derzeit gut mit den Astrologen. Siegfried Schmid (72), der seit mehr als 50 Jahren Horoskope für Ratsuchende erstellt, hatte kaum je so viel Arbeit wie jetzt. «Seit Oktober führe ich 30 Prozent mehr telefonische Beratungen durch», sagt er.

Da begann die grosse Krise in den USA. Während in wirtschaftlich ruhigen Zeiten Liebe und Gesundheit die Hauptanliegen seiner Kundschaft seien, so Schmid, «sorgen sich momentan viele Menschen um
ihre finanzielle Zukunft».

Bei seinem Namensvetter, dem Astrologen Peter Schmid (50), melden sich vermehrt Banker: «Früher gab ich ihnen Auskunft über die Aktienkurse, heute fragen sie, ob das Währungssystem überleben wird.»

Elvira Kindlimann (49), Beraterin im Team von Monika Kissling («Madame Etoile»), relativiert jedoch: «Dass sich seit Oktober 2008 viel mehr Leute bei uns melden, hat nicht nur mit der Krise zu tun. Weil Jupiter durch den Wassermann läuft, sind die Menschen offen für Neues – auch für Astrologie.»

Die Recherchen von SonntagsBlick in der gesamten Deutschschweiz belegen: Auch Kartenleger, Numerologen und Pendler haben seit Oktober Zulauf.

«Das überrascht mich nicht: Von ihnen darf man eine schnelle Antwort und Prognose erwarten, sie gehen auf die konkreten Ängste und Sorgen der Leute ein», sagt Dorothea Lüddeckens (42), Professorin für Religionswissenschaft an der Universität Zürich.

Aber warum spürt nur die Esoterikbranche diesen Krisenboom und nicht die Kirche? Theologe Georg Otto Schmid (42) sagt: «Momentan herrscht Angst. Erst wenn die Krise handfest wird, werden auch die Kirchen einen Zuwachs haben.»

Solange die Wirtschaft also lediglich kriselt und nicht zusammenbricht, dürfte den Wahrsagern die schlechte Konjunktur zur Hochkonjunktur verhelfen. Also noch ein paar Jährchen, denn: «Erst ab 2011 gehts aufwärts», sagt der Astrologe Siegfried Schmid. Exzellente Aussichten – für ihn und seine Berufskollegen.

Kirchen sind gefordert

35 bis 45 Prozent aller Schweizer glauben an Wunderheilungen, Prophezeiungen und Glücksbringer. Ein Drittel hält sogar Geisterbeschwörungen für wahrscheinlich, genauso viele glauben an die Existenz von Ausserirdischen.

Das ist das Resultat einer Untersuchung von 20 Forschern, die die Religiosität der Schweizer Bevölkerung unter die Lupe genommen haben. In einem neuen Buch schreiben sie, was Pfarrern und Bischöfen die Haare zu Berge stehen lässt: In wenigen Generationen werden die katholische und die reformierte Landeskirche nur noch eine Nebenrolle spielen.

Laut Einschätzung der Westschweizer Zeitung «Le Temps» haben die traditio-nellen Religionsgruppen nur eine Chance, den Esoterik-Trend abzubremsen: Sie müssen die neuen Glaubensgemeinschaften akzeptieren und mit ihnen zusammenarbeiten. 

So falsch liegen Astrologen

Der deutsche Mathematiker Michael Kunkel (48) zählt Jahr für Jahr die Erfolgsquote der Jahreshoroskope. «In der Regel treffen die Vorhersagen nicht ein», sagt er. Ausser in den Prognosen stünden schwammige Formulierungen wie: «In Asien kommt es im Sommer zu Naturkatastrophen.»

Bei solchen Allerweltsaussagen kommen die Astrologen auf eine Trefferquote von 50 Prozent. «Man könnte also genauso gut eine Münze werfen.»

Warum sind Horoskope so beliebt, auch wenn sie die Zukunft kaum je treffend voraussagen? «90 Prozent der Menschen erkennen sich in einem beliebigen Horoskoptext wieder, sogar wenn es das eines Massenmörders ist», sagt Kunkel.
play Astrologe: Siegfried Schmid hat ­derzeit ­keinen Mangel an ­Aufträgen.

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