
Bitte melden Sie sich an, um Ihren Kommentar abzugeben.
Wenn Sie ein Konto bei Facebook haben, können Sie sich damit anmelden.
BLICK: Herr Hürlimann, Ihr neuer Roman spielt vorwiegend in der Innerschweiz, geschrieben haben Sie ihn aber in Berlin. Warum diese räumliche Distanz?
Thomas Hürlimann: «Heimweh ist ein starker Schreib-Antrieb. Ausserdem brauche ich als Kontrast zur Einsamkeit am Schreibtisch das wuselnde Grossstadtleben.»
Was zog Sie ausgerechnet nach Berlin?
«Ich bin durch Zufall dort gelandet. Es war auf einer Autobahnauffahrt in Leipzig. Ich sagte mir: Wenn jetzt irgendein Zeichen kommt, fahre ich statt in den Süden nordwärts. In dem Moment schnitt mir ein Lastwagen den Weg in Richtung Schweiz ab. Ich fuhr also nach Berlin, fand gleich am andern Tag eine Wohnung im Osten – und blieb.»
Lassen Sie häufig auf diese Weise das Schicksal bestimmen?
«Ich mag das Unvorhersehbare, Ungeplante. Gelegentlich den Zufall entscheiden zu lassen, macht einen offener für die Welt.»
Ihre jüdischen Vorfahren mütterlicherseits, die einst aus Osteuropa in die Schweiz einwanderten, spielen in Ihrem neuen Roman eine wichtige Rolle. Wie viel wissen Sie wirklich über diese Verwandten?
«Nicht viel. Die genauen Fakten meiner Familiengeschichte interessieren mich aber nicht sonderlich, mir geht es mehr um Atmosphärisches.»
Haben Sie vor Ort recherchiert?
«Ja, wenn ich nicht selbst mal mit einem Koffer im Grenzland zwischen Polen und Russland herumgestolpert wäre, hätte ich den richtigen Ton für den Roman wohl nicht gefunden.»
Marcel Reich-Ranicki kritisierte, Sie seien in Ihrer letzten Erzählung «Fräulein Stark» leichtfertig mit antisemitisch belasteten Motiven umgegangen. Ist dies der Grund, dass Sie sich im neuen Roman ausführlicher mit Ihren jüdischen Wurzeln befassen?
«Nicht im Geringsten. Die Kritik damals war unhaltbar, entsprechend hatte sie auch keinerlei Einfluss auf meine Arbeit. Den Impuls für diesen Roman gab der Tod meiner Mutter. Ich wollte mit meinem Buch etwas von dem bewahren, was mit meiner Mutter verschwunden ist.»
Sie nehmen Ihre Mutter zum Anlass, um sich mit der Geschichte der Juden in der Schweiz zu beschäftigen.
«Keinesfalls. Ich handle beim Schreiben keine Themen ab, sondern entwickle erzählend Figuren.»
Hat Ihre Mutter im Familienkreis über ihre Herkunft
gesprochen?
«Sie hat nicht viel von ihrer Vergangenheit, ihrem Innenleben preisgegeben. In diesem Punkt habe ich vieles frei erfunden.»
Die Figur der Marie Katz ist keine emanzipierte Frau, aber trotzdem eine sehr selbstbewusste. War Ihre Mutter auch so?
«Ja, und nur so war es ihr möglich, sich ganz in den Dienst der Polit-Karriere ihres Mannes zu stellen. Ohne Selbstbewusstsein wäre sie erdrückt worden.»
Sie hat viele Opfer gebracht.
«Sie hat sich selbst so entschieden. Das ist aus heutiger Perspektive nur schwer nachvollziehbar. Es war mir wichtig, diese Lebenseinstellung aus der damaligen Zeit heraus verständlich zu machen.»
Ihr Roman handelt auch vom Älterwerden und der Vergeblichkeit, sich dagegen zu stemmen. Versuchen Sie mit dem Schreiben, die Zeit aufzuhalten?
«Ja, natürlich. Ein Versuch, der immer scheitern muss, denn auch Bücher sind ja vergänglich.»
Heimweh als Antrieb zum Schreiben: Thomas Hürlimann.- Elfie Wollenberger