Verslumt Bern?

  • Publiziert: 14.11.2007, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Von Henry Habegger

BERN – Versinkt Bern wirklich im Dreck? BLICK wollte es genau wissen und begleitet Berns Stapi Alexander Tschäppät auf einem Rundgang zu den Problemzonen der Stadt.

«Was haben Sie aus Bern gemacht, Herr Tschäppät?», fragte der SonntagsBlick. «Bettler, Drögeler, Schläger: Bern, die düstere Hauptstadt», titelte der welsche «Le Matin». Dazu Bilder von verdreckten Gassen, herumlungernden Drogen- und Alkoholsüchtigen.

Versinkt Bern wirklich im Dreck? Gestern kurz vor Mittag. Im Erlacherhof, in der unteren Altstadt. Im Büro des Stadtpräsidenten Alex Tschäppät (55, SP). «Sie sind also Präsident der dreckigsten Schweizer Stadt. Diesen Eindruck jedenfalls hat man, wenn man die Schlagzeilen liest.»

Tschäppät: «Natürlich haben wir Probleme. Wie alle Städte. Richtig ist: Ich bin der Präsident der Stadt mit dem grössten Ausnahmezustand. Die ganze Berner Innenstadt ist eine Grossbaustelle. Von der unteren Altstadt bis zum Bahnhofplatz hinauf wird überall mehr oder weniger intensiv gebaut. Und, ich sage es immer: Dreck zieht Dreck an.»

Wir gehen zu Fuss durch diesen Ausnahmezustand. Auf Höhe Bundeshaus trifft Tschäppät einen ehemaligen Generalstabschef, der hier nicht namentlich genannt sein will. «Sauberkeit und Sicherheit sind ein Problem», sagt der. Er fordert hartes Durchgreifen à la Rudi Giuliani in New York. «In Manhattan kann ich ohne Angst durch die Strassen gehen», sagt der General.
Tschäppät sagt: «Wir erhöhen die Polizeipräsenz. Eben haben wir bei der Polizei 6000 bis 10000 zusätzliche Arbeitsstunden bestellt.» Das war Tschäppäts Vorschlag.

Bei der Baustelle am Bärenplatz werden die Tramschienen verlegt. Die Gitterabschrankung ist von Klebeband-Resten übersät. «Das ist die wilde Plakatierung», sagt Tschäppät. «Kaum haben unsere Leute die Plakate weggerissen, kleben wieder neue da.» Gegen die wilde Plakatierung wird die Polizei vermehrt vorgehen.

Weiter Richtung Waisenhausplatz. Angestellte der Stadtreinigung leeren eben Abfalleimer. Sie tun das viermal pro Tag. Ihr kleiner Ghüderwagen blockiert die Strasse. Der Fahrer eines Lieferwagens flucht aus dem offenen Fenster: «Verd...., könnt ihr nicht Platz machen?»

Bern und der Ghüder. 2001 standen in der Innenstadt 200 Abfalleimer zu 35 Litern. Per 2005 rüstete die Stadt auf: 350 Eimer zu 110 Litern. 1822 Tonnen Abfall wurden im Jahr 2000 im öffentlichen Raum eingesammelt. 2736 Tonnen warens 2006.

Philipp Berger, Mitarbeiter der Stadtreinigung Bern, schaufelt eben Abfall in seinen Karren. Pro Tag eine Tonne, schätzt er. «Die Leute schmeissen immer mehr auf die Strasse», sagt er. Warum, wisse er nicht. Was er weiss: «Wir sind seit 4 Uhr morgens bis abends um 18.30 Uhr im Einsatz.»

Es gibt immer mehr Take-aways, mehr Schnellimbiss-Buden. Kaum noch Betriebskantinen. Grosse und kleine Geschäfte machen gutes Geld. Die Stadt hat den Abfall.
Bei der Bekämpfung des Litterings setzt Bern vorab auf Selbstverantwortung. Im März 2008 startet die Kampagne «Sauberes Bern – zäme geit’s!». Infospots sind geplant, Abfallunterricht in Schulen. Mehr Toiletten im öffentlichen Raum. Aber auch mehr Repression. Ein Pilotprojekt für Abfallbussen ist geplant.

Weiter zum Jugend- und Kulturzentrum Reithalle, in dessen Nähe sich eine Drogenszene gebildet hat. Von der jetzt nichts zu sehen ist. Tschäppät: «Die Polizei griff hier am Wochenende durch. Wir lassen es nicht zu, dass sich eine offene Szene bildet.»

Szenen wie die bei der Reithalle gibt es in anderen Städten auch. Das Problem von Bern: Die Reithalle ist mitten in der Stadt. Und wer mit dem Zug aus Zürich kommt, fährt unmittelbar vor dem Bahnhof daran vorbei.
Hinauf zur Neuengasse. Wegen des Umbaus hat der Bahnhof derzeit nur einen Zugang. Und der ist hier. Bis zu 150000 Reisende pro Tag kämpfen sich hier vorbei.

Oben an der Treppe betteln Drogen- oder Alkoholsüchtige um Geld. Aggressiv sind sie nicht, aber für viele Leute ein Ärgernis. Etwa für die Ladenbesitzerin nebenan. «Die torkelten auch schon in unsere Kleiderständer», sagt sie und fährt Tschäppät an: «Hoffentlich passiert da endlich etwas.» Ein Randständiger zu BLICK: «Wir sind auch nicht gerne hier. Aber wo sollen wir sonst hin? Die Anlaufstelle öffnet erst um 14.30 Uhr. Junkie bist du aber rund um die Uhr.»

Problemzone Bahnhof. Tschäppät: «Mich nervt das auch. Die Durchgänge sind eng, es ist dreckig. Aber wenn der Bahnhof im nächsten Mai eröffnet wird, wird er keine Problemzone mehr sein.»

Dann kriegt der Bahnhof eine neue Benutzerordnung. Betteln wird auf Tschäppäts Antrag im Bahnhof und dem angrenzenden Areal verboten. Die Polizeipräsenz verstärkt. Die Alkis, die heute am Treppenaufgang lagern, erhalten wieder ein Alki-Stübli, das wegen der Bahnhof-Sanierung geschlossen wurde.

Tschäppät: «Den Alkoholikern muss man wieder einen würdigen Ort geben, wo sie hin können. Sie sind ein Teil dieser Gesellschaft. Diese Gesellschaft ist auch nicht ganz ehrlich: Im Bahnhof verkaufen ganz viele Läden
für ganz teures Geld Alkohol. Und stören sich nachher an den Leuten, die ihn konsumieren.»

Sicher ist: Bern kämpft. Tschäppät sagt: «Bern ist daran, seine Probleme zu lösen.»

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