Tierschützer-Terror Vasella: «Der Bund tut zu wenig»

  • Publiziert: 29.08.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Interview: Marc Walder, Marcel Speiser und Philippe Rossier (Foto)

ZÜRICH – Der Novartis-Chef spricht im grossen BLICK-Interview über sein Leben mit der Bedrohung, über Schweizer Politiker und darüber, was ihn an der Gesundheitspolitik stört.

BLICK: Herr Vasella , was sagen Sie als politischer Mensch zum Alleingang von Bundespräsident Merz in Libyen?
Daniel Vasella: Wenn der Bundespräsident im Interesse der Geiseln bewusst einen mutigen Entscheid gefällt hat, respektiere ich das. Ich muss davon ausgehen, dass sich Herr Merz nicht leichtfertig über rechtsstaatliche Regeln und Werte hinweggesetzt hat.

Im Bundesrat ist eine Vakanz. Gehört der Sitz der FDP?
Mir wäre lieber, das Parlament würde eine Person wählen, die wirklich fähig ist, als jemanden, der der richtigen Partei angehört, aber als Person ungeeignet ist.

Was haben Sie gegen Parteien?
Nichts. Aber viele Parteiexponenten sind mir zu anpässlerisch. Sie opfern ihre Haltung der kurzfristigen Popularität. Das lässt die Wähler ratlos. Schauen Sie sich die SVP an: Die Schärfe ihrer Positionen hat ihr unter Christoph Blocher viel Stärke verliehen.

Wie zufrieden sind Sie mit der Wirtschaftspartei FDP
Es ist kein Geheimnis, dass ich mit Herrn Pellis Parteiführung nicht glücklich bin. Das ist aber meine private Meinung, nicht die von Novartis.

In den letzten Wochen haben Tierschutz-Terroristen das Grab Ihrer Mutter geschändet, Ihr Ferienhaus abgefackelt und Ihnen den Tod gewünscht. Wie geht es Ihnen?
Auf und ab.

Das heisst?
Für mich war und ist es sehr bedrückend, solche Gewaltakte erleben zu müssen. Das Schlimmste ist die Unberechenbarkeit dieser Leute.

Die Drohungen gegen Sie stehen nach wie vor im Raum.
Ja. Und ich nehme sie nicht auf die leichte Schulter.

Können Sie überhaupt noch abschalten?
Ja. Wenn viel läuft und mich die Arbeit absorbiert.

Und zu Hause?
Wenn ich bei der Familie bin und wir zusammen diskutieren, geht es mir gut. Aber da ist einfach immer etwas. Die Tierschutz-Terroristen handeln völlig irrational, kennen keine Grenzen.

Kann man Sie und Ihre Familie überhaupt schützen?
Es gibt für meine Familie und mich ein Sicherheitsdispositiv. Und wir sind vorsichtig.

Wie geht Ihre Frau mit den Drohungen um?
Sie ist die Stärkste von uns allen.

Auch Ihre Mitarbeiter sind Opfer der Tierschutz-Terroristen. Wie ist die Stimmung bei Novartis?
Eine solche Welle der Solidarität habe ich noch nie erlebt. Wir halten alle zusammen gegen die Niederträchtigkeit, vom Schichtarbeiter bis zur Geschäftsleitung.

Werden Sie von den Behörden unterstützt?
Teils, teils.

Konkret?
Die kantonalen Behörden nehmen die Sache sehr ernst und sind hilfsbereit. Auf Bundesebene ging bis anhin viel zu wenig.

Wie bitte?
Zu wenig, zu zögerlich und zu langsam. Man kann die Kantone doch nicht allein lassen, wenn die offene Gesellschaft untergraben wird und unsere Gesetze mit Füssen getreten werden. Umso mehr, als diese Terrorgruppen international tätig sind und deshalb eine Koordination mit andern Staaten notwendig ist. Für uns Schweizer ist besonders der Angriff auf den Forschungsstandort Schweiz verheerend.

Dagegen müsste sich die Schweiz zur Wehr setzen.
Unbedingt. Die Terroristen vergleichen unseren Rechtsstaat mit Nazi-Deutschland und sich selbst mit Hitler-Attentäter Stauffenberg. Sie setzen die Vernichtung der Juden mit dem Töten von Laborratten gleich. Demnach sei ich für einen Holocaust verantwortlich! Das ist absolut verrückt und eine Verhöhnung der Holocaust-Opfer!

Haarsträubend!
Mir fehlen die Worte, um zu beschreiben, wie abstrus so etwas ist. Das ist für mich absolut nicht tolerierbar, unter gar keinem Titel. Man muss den Mut haben, die Dinge beim Namen zu nennen und Terror als Terror zu bezeichnen. Und da braucht es klare Signale und Koordination seitens der Bundespolizei.

Haben Sie bei all dem schon mal daran gedacht, den Bettel hinzuschmeissen?
Nein. In einer Führungsposition, wie ich sie habe, läuft man nicht einfach weg, wenn es schwierig ist, selbst wenn man das Bedürfnis dazu hätte. Man stellt sich hin und vertritt seine Meinung. Bei Novartis ist dies insofern einfach, als das Wohlergehen der Patienten im Mittelpunkt steht.

Wie erklären Sie Ihren Kindern, dass Tierversuche nötig sind?
Ich muss ihnen das nicht erklären, sie verstehen es. Allerdings habe ich ihnen auch gesagt, dass Novartis 60 Leute beschäftigt, die darum besorgt sind, dass wir alle Standards einhalten. Sie wissen, dass wir weniger Tierversuche durchführen, obwohl unsere Forschungstätigkeiten wachsen. Sie wissen, dass ihr Vater Tiere gern hat. Und sie wissen, dass Tierversuche vorgeschrieben sind.

Reden wir über Ihre Branche, Ihr Unternehmen. Welcher Trend ist für Ihr Geschäft in den nächsten 10 Jahren zentral?
Die Überalterung.

Warum?
Die Gesundheitskosten steigen mit dem Alter und verdoppeln sich ab dem 70. Lebensjahr alle 10 Jahre.

Das verspricht gute Geschäfte.
Das heisst vor allem, dass Alterskrankheiten wie Demenz oder Krebs zunehmen. Vor allem in den letzten 18 Monaten eines Menschenlebens wird sehr viel Geld investiert, um die Gesundheit zu erhalten oder wiederherzustellen.

Das ist doch gut für Sie!
Vorausgesetzt, wir haben die richtigen Medikamente, die helfen können. Es ist sehr wichtig, dass wir bessere Medikamente für die häufigsten Krankheiten wie Diabetes, Alzheimer, Krebs, Übergewicht und Herz-/Kreislauf-Krankheiten entwickeln können. Hier verdreifachen sich die Kosten in den kommenden 10 bis 20 Jahren! Also brauchen wir dringend bessere Prävention und Therapiemöglichkeiten. Was wir haben, genügt nicht.

Bessere Medikamente?
Ja, Innovation bleibt der Schlüssel. Und Prävention, etwa durch bessere Ernährung und Impfungen. Dazu braucht es die entsprechende Aufklärungsarbeit.

Können wir uns bessere Pillen überhaupt leisten?
Richtig eingesetzte Medikamente sind die günstigste Lösung. Doch die Frage bleibt: Wie bekommen wir die Gesundheitskosten besser in den Griff? Die politische Diskussion dazu ist erschreckend eindimensional. Einfach die Medikamentenpreise zu senken, ist keine Lösung!
Warum nicht?
Erstens: Die Ausgaben für pharmazeutische Produkte sind weiter auf heute rund 10 Prozent der Schweizer Gesundheitskosten gesunken. Regelmässig gestiegen sind die Kosten für die Spitalbehandlungen.

Sagt der Pharma-Manager, dem hohe Preise nützen.
Zweitens: Wer sagt, dass nur der Preis wichtig ist, sagt gleichzeitig, dass Qualität weniger wichtig ist. Falls nur der Preis matchentscheidend sein würde, könnten wir als Produzenten mit der Preisgestaltung entscheiden, welche Medikamente verschrieben würden. Damit würden sowohl der Arzt wie der Patient entmündigt.

Ihre Lösung?
Wir müssen uns zunächst als Gesellschaft darauf verständigen, was die Ziele unseres Gesundheitswesens sein sollen. Da gibt es keinen Konsens.

Was sind Ihre Ziele?
Qualität, Zugang für alle, finanzielle Nachhaltigkeit und bessere Prävention.

Klingt abstrakt. Konkret bitte!
Die Transparenz, die Voraussetzung für Qualitätsprüfung, fehlt weitgehend. Angaben fehlen, welcher Arzt gut ist oder welches Spital schlecht. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ich habe mir kürzlich beim Heckenschneiden einen Dorn eingefangen.

Sie schneiden Ihre Hecke selbst?
Ich sollte es besser lassen! Wegen dem Dorn im Gelenk ist mein Finger angeschwollen und hat geschmerzt.

Aua.
Ich suche also einen Handchirurgen – auf Google. Studiere deren Ausbildung und versuche so herauszufinden, zu wem ich gehen soll. Das kann doch nicht sein!
Wir müssten doch Daten haben, die zeigen, welcher Handchirurg welche Erfolgsrate, Infektionsrate und so weiter hat! Dann hätten wir Transparenz in Sachen Qualität. Auf dieser Basis könnten wir dann diskutieren, was wir finanzieren wollen.

Und wie ging es mit Ihrem Finger weiter?
Ich habe mich für eine Ärztin entschieden, und der Dorn wurde erfolgreich herausoperiert.

Haben wir zu viele Spitäler?
Zuerst müsste ich wissen, welches die Zielgrösse ist und wie man diese bestimmt hat.

Sie scheuen die Antwort.
Nein, ich weiss es einfach nicht. Weil ich nicht weiss, wie dicht das Spitalnetz sein soll. Für gewisse Krankheiten ist es besser, viele Spitäler zu haben. Andere heilt man ebenso gut in der Praxis.

Wann liegt die Impfung gegen die Schweinegrippe vor?
Ende September, eher Oktober.

Wird sie uns gut schützen?
Dazu habe ich keine Daten. Historisch liegt die Schutzrate bei rund 70 Prozent.

Würden Sie flächendeckend impfen lassen?
Risikogruppen sollte man impfen. Aber immer freiwillig.

Lassen Sie sich impfen?
Sofort. Die ganze Familie.

Ist die Angst vor der Schweinegrippe hysterisch?
Nein. Die Sorge fusst auf rationalen Kriterien. Die Grippe ist sehr ansteckend, aber nicht schlimmer als eine normale Grippe. Aber das Virus verändert sich. Möglicherweise wird es in einer zweiten Welle gefährlicher.

Was machen Sie am Wochenende, wenn Sie nicht arbeiten?
Zuletzt habe ich mit meinem jüngsten Sohn eine kleine Töfftour gemacht. Er hat gerade den Lernfahrausweis bekommen.

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