900'000 Arme in der Schweiz Und wegen der Krise werdens täglich mehr

  • Publiziert: 29.12.2009, Aktualisiert: 03.01.2012

BERN – Rund 700'000 bis 900'000 Personen in der Schweiz sind arm und leben am Existenzminimum. Und die Krise sorgt für einen neuen Armutsschub.

Obwohl die Schweiz allgemein als reiches Land gilt, lebt jeder Zehnte in der Schweiz in Armut. 2200 Franken Monatseinkommen für einen Einpersonenhaushalt und 4600 Franken für eine Familie mit zwei Kindern: So wird die offizielle Armutsgrenze definiert.

In der Schweiz sind dies 700000 bis 900000 Personen. Zuviel, findet die Caritas. Sie lanciert deshalb eine neue Kampagne mit dem Ziel, die Zahl der Armen zu halbieren. Zehn Jahre gibt sich das Hilfswerk dafür Zeit.

Doch das ambitionierte Vorhaben könnte schwierig werden: Aufgrund der Wirtschaftskrise drohe ein «neuer Armutsschub», sagte Caritas-Direktor Hugo Fasel. Jeden Monat würden zurzeit 1800 Menschen ausgesteuert. «Trotzdem gibt es in der Schweiz eine Verweigerung, über Armut zu diskutieren.»

Caritas kritisiert Politik

In einem zwölfseitigen Positionspapier mit dem Titel «Armut halbieren» nimmt Caritas deshalb auch Politik und Wirtschaft in die Pflicht und fordert eine nationale Armutsstrategie.

Zudem will Caritas über Motionen in den Kantonen kantonale Armutsberichte einfordern und die Sozialhilfe landesweit verbindlich regeln. Die grossen kantonalen Unterschiede führten zu einem «erheblichen Willkürpotenzial», sagte Vizepräsidentin Michèle Berger-Wildhaber.

Auch Caritas selbst will noch mehr für Arme tun. So wird sie die Sozialberatung ausbauen, die Zahl der Caritas-Märkte von 18 auf 30 aufstocken und 1000 eigene Arbeitsplätze für Menschen schaffen, die auf dem Arbeitsmarkt durch die Maschen fallen.

Arme Kinder werden arme Erwachsene

Das Risiko, arm zu werden, ist nicht für alle Schweizerinnen und Schweizer gleich gross. Am meisten gefährdet ist laut Caritas, wer bereits in einer armen und bildungsfernen Familie aufwächst.

Neben der sozialen Herkunft haben Bildungsniveau, Wohnort und Anzahl Kinder grossen Einfluss auf das Armutsrisiko. Von den Familien mit drei und mehr Kindern müsse bereits jede vierte bis fünfte Familie Sozialhilfe beziehen, sagte Knöpfel. Zudem können Nationalität, Gesundheit, Familienform, Alter und Geschlecht das Risiko erhöhen: «Armut ist weiblich.» (SDA/num)

play Notschlafstelle in Zürich: Letzter Ausweg für immer mehr Schweizer. (Keystone)

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