Eingefallene Augen, leerer Blick und sehr, sehr müde:
Bundesrat Moritz Leuenberger machte auf dem Bundesratsreisli vor einer Woche keine gute Falle. Hegt der dienstälteste Bundesrat nach bald dreizehn Jahren erstmals ernsthafte Rücktrittsgedanken?Rücktrittsforderungen gibt es schon seit Jahren. Nicht nur vom politischen Erzfeind
SVP, sondern auch aus den eigenen Reihen. So forderte SP-Nationalrat André Daguet (61) schon letztes Jahr unverblümt, Leuenberger solle über einen Rücktritt nachdenken. Doch seither ist es ruhig um Leuenberger geworden.Er kann sich die Freiheit nehmen, die man Schweizer Bundesräten seit 150 Jahren gewährt: den Zeitpunkt des Rücktritts völlig frei zu wählen und ohne zu Druck gehen. Ferien, Weihnachtstage und Ostern sind «gefährlich» für solche Gedanken.Joseph Deiss (62) schilderte vor zwei Jahren BLICK seine Überlegungen über die Ostertage, unmittelbar vor seinem Rücktritt als Bundesrat: «Man hat einen natürlichen Hang dazu, sich einzureden: Du kannst ja noch ein paar Wochen warten. Bleib doch noch bis zum Herbst. Oder im kommenden Frühling geht es auch noch.» Das sei eine Art Sesselkleberei, bei der man riskiert, den richtigen Moment zu verpassen.Also aufgepasst: Am 20. August findet die erste Bundesratssitzung nach der Sommerpause statt. Tritt Leuenberger dann zurück?Die Strategen in der
SP sähen es zwar gerne, wenn einer der Ihren das wichtige Departement für Umwelt, Verkehr,
Energie und
Kommunikation (Uvek) möglichst lange behalten würde. Vor allem wegen der Klimapolitik.Auf der anderen Seite sind die Genossen gewappnet mit vorbereiteten Frauenkandidaturen. Simonetta Sommaruga, Hildegard Fässler oder Jacqueline Fehr sind nur drei Beispiele von Frauen, die Leuenbergers Sitz erben könnten.Das Bundesrats-Karussell ist unberechenbar und könnte sich auch in eine andere Richtung drehen. Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass SP-Bundesrätin Micheline Calmy-Rey (63) noch in diesem Jahr Uno-Hochkommissarin für
Menschenrechte werden könnte. Das Gerücht wird zwar dementiert. Aber das heisst in solchen Fällen gar nichts.Dann müsste Leuenberger noch etwas zuwarten, denn ein Doppel-Rücktritt mehr als drei Jahre vor den nächsten
Wahlen wäre ein Handicap für die SP. Kommt dazu: Weil die SVP künftig bei jeder Vakanz antreten wird, könnte die
Partei in einer solchen Konstellation aus dem Bundesrat fliegen.Eröffnet Leuenberger im August tatsächlich den Reigen, stellen sich sofort Fragen über den Ausstieg von vier weiteren Bundesräten. Unsere
Regierung kommt schliesslich immer mehr in die Jahre.Pascal Couchepin (66). Ende Jahr oder spätestens zu Beginn des kommenden Jahres geht er. Ein Rücktritt nach dem zweiten Präsidium ist optimal. Das hat im Jahre 2000 Adolf Ogi vorgelebt.Hans Rudolf Merz (65). So wie der quirlige Appenzeller funktioniert, wird sein Rücktritt eines Tages aus heiterem Himmel kommen. Ende 2009 ist ein heisser Moment, am Ende seines Präsidiums.Samuel Schmid (61). 2010 wird er zum zweiten Mal Bundespräsident. Deshalb auch bei ihm: Ende 2010. Dann kann an seiner Stelle wieder ein SVPler gewählt werden.Damit erhöhen sich die Chancen für Eveline Widmer-Schlumpf (52), bei den Gesamterneuerungswahlen 2011 nochmals gewählt zu werden.Micheline Calmy-Rey (63). Wenn sie nicht Uno-Hochkommissarin wird, geht sie erst unmittelbar vor den Wahlen 2011, um der SP zusätzlichen Schub zu geben.Schliesslich Doris Leuthard (45). Sie wird sich 2011 bestimmt nochmals zur Wahl stellen. Und problemlos gewählt werden, wenn sie keinen groben Bock schiesst.