Traumatisierte Flüchtlinge in der Schweiz kämpfen sich zurück ins Leben Wenn Kinder nur noch Krieg zeichnen

Tausende Flüchtlinge aus Syrien erhielten in der Schweiz Asyl. Viele von ihnen sind vom Bürgerkrieg in ihrem Land traumatisiert und bräuchten Hilfe.

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Mohammed war mit seinem Vater auf einer viel befahrenen Strasse in Aleppo unterwegs, als plötzlich Kugeln in ihr Auto einschlugen. Ein Geschoss traf den Vater ins Herz – er war sofort tot. Mohammed überlebte schwer verletzt: Eine Kugel traf ihn am Hals, eine weitere ins Bein.

Nach diesem Horrortag beschloss Mutter Afaf (34) mit ihren Kindern Mohammed (16) und Sevin (14) aus Syrien zu flüchten. Sie wollten in die Schweiz, wo bereits Verwandte leben.

Traumatisierte Flüchtlingskinder in der Schweiz brauchen Hilfe play
Mohammed (Mitte) mit Mutter Afaf und Stiefvater Bassam Ismail. Siggi Bucher

 

Ihr erster Anlauf zur Flucht ging schief: Auf der Strasse, die aus Aleppo herausführt, explodiert eeine Bombe. «Wir mussten in die Stadt zurück und einen neuen Weg finden», erinnert sich Sevin. Im Gepäckraum eines Busses versteckt, schafft es die Familie schliesslich in die Türkei. Von dort gelangte sie über die Ägäis nach Griechenland. «Die Schlepper haben uns mit vorgehaltener Waffe ins Schlauchboot gezwungen», erinnert sich Mohammed. Damit das mit 50 Flüchtlingen überfüllte Gefährt nicht versinkt, mussten sie  ihr Gepäck über Bord werfen. «Jetzt haben wir nicht einmal mehr Bilder von unserem Vater», sagt Sevin traurig.

Über Griechenland und Italien gelangte die Familie vor vier Jahren in die Schweiz. Afaf hat inzwischen wieder geheiratet. Jetzt kümmert sich Bassam Ismail (36), der aus Nordsyrien floh, um die Familie. Vor anderthalb Jahren kam Töchterchen Maria auf die Welt.

Während der ersten Wochen in der Schweiz fühlte sich die Familie sicher. Doch dann merkte Mohammed, dass etwas nicht stimmt: «Ich konnte nicht schlafen. Die Bilder aus Aleppo liessen mich nicht los.» Er bekam Probleme, sich in der Schule zu konzentrieren. «Es fiel mir schwer, zu lernen.» Dass Mohammed und seine Schwester Sevin heute überhaupt über die Zeit in Syrien und den Tod ihres Vaters sprechen können, verdanken sie Christina Gunsch (41).

Die Psychologin aus Wetzikon ZH ist auf die Therapie von Kindern aus Kriegsgebieten spezialisiert. Zwei Jahre dauert die Behandlung eines traumatisierten Flüchtlings in der Regel. Auch bei Mohammed und Sevin dauerte es so lang, bis sie mit ihren schrecklichen Erinnerungen umzugehen lernten.

Gunsch liess die Kinder ihre Erinnerungen in Zeichnungen festhalten. Darin schilderten die beiden ihre Erlebnisse und konnten schliesslich auch darüber sprechen. Oft werden Kinder auf Empfehlung ihrer Lehrpersonen angemeldet. Gunsch: «Sie kommen zu mir, weil sie unter Konzentrations- oder Lernschwierigkeiten leiden, in der Schule müde sind oder sich im Unterricht aggressiv oder traurig zeigen.»

Seit Ausbruch des Bürgerkriegs vor fünf Jahren haben mehr als 13'000 Menschen aus Syrien in der Schweiz Asyl beantragt. Viele von ihnen sind schwer traumatisiert, wie Matthias Schick (43) von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Unispital Zürich sagt. Auch er hat sich auf die Behandlung traumatisierter Flüchtlinge spezialisiert: «Wenn ihre Traumastörung nicht zeitnah behandelt wird, wird sie oft chronisch.»

Schick schlägt deshalb vor, dass Flüchtlinge bereits in den Aufnahmezentren ein psychiatrisches Screening durchlaufen. Das sei heute relativ mühelos und kostengünstig durchzuführen. «Wenn man will, dass sich psychisch kranke Flüchtlinge, die in der Schweiz bleiben werden, in unsere Gesellschaft integrieren und finanziell unabhängig werden, muss man sie behandeln.»

Das Problem, so Schick: Heute gibt es viel zu wenige Therapieplätze für diese Menschen: «Internationale Studien kamen zum Resultat, dass etwa die Hälfte aller Flüchtlinge unter den Folgen traumatischer Erfahrungen leidet – für die Schweiz würde das bedeuten, dass Zehntausende Menschen betroffen sind.» Doch nur die wenigsten bekommen in den fünf Schweizer Ambulatorien für Folter und Kriegsopfer Hilfe. «Wir haben nicht die Kapazität für mehr.»

Sevin geht inzwischen in die dritte Klasse, spricht schon Zürcher Dialekt. Auch Mohammed spricht fliessend Schweizerdeutsch. In der Schweiz fühlen sie sich sicher. Was heute in Syrien geschieht, blenden sie komplett aus.

«Wenn im Fernsehen Nachrichten über Syrien gezeigt werden, schalten wir um», sagt Mohammed. Er ist jetzt im letzten Schuljahr, sucht eine Lehrstelle für kommenden Sommer: «Informatiker wäre mein Traumberuf.»

Publiziert am 08.10.2016 | Aktualisiert am 08.10.2016

Die Schweiz nahm seit 2015 1139 syrische Flüchtlinge auf

3000 Flüchtlinge aus Syrien will der Bundesrat bis 2018 aufnehmen. Gemäss Staatssekretariat für Migration (SEM) wurden seit März 2015 insgesamt 919 syrische Flüchtlinge aufgenommen. 807 Flüchtlinge kamen über das sogenannte Resettlement-Programm der UN-Flüchtlingshilfe aus Nachbarländern des Bürgerkriegs-Gebiets, 112 Personen wurden über das Umverteilungs-Programm innerhalb der Europäischen Union in die Schweiz geholt. Damit will die EU den Migrationsdruck auf Griechenland und Italien verringern. Rund 220 Personen reisten als besonders Gefährdete mit einem humanitären Visum in die Schweiz.

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5 Kommentare
  • Paul  Strassmann 08.10.2016
    Selbstverständlich freuen sich die Therapeuten darauf, über Jahre hinaus einen kriesenfesten Job ausführen zu dürfen. Wenn wie hier noch dazu noch hohe gesellschaftliche Anerkennung dazu kommt, gleicht das einem Hauptgewinn im Lotto, verteilt über das Berufsleben von unzähligen Psychologen. Macht es aber Sinn, angesichts von tausenen von traumatisierten Menschen, einzelne wenige Glückskinder zu therapieren? Was verspricht man sich davon? Was kann man alternativ machen mit grösserer Wirksamkeit?
  • Burkhard  Vetsch 08.10.2016
    Ich weiss, dass dieser Kommentar nicht hilft.
    Aber ich frage mich immer wieder, warum man nicht in Frieden miteinander Leben kann. Religion kann nicht der Grund sein.
    In jeder Religion ist der Frieden und Menschlichkeit oben auf.
    Alle Gläubige glauben an das selbe, nur jeder legt es zu seinen Gunsten aus. Das wird einmal der Untergang von der Menschheit sein.
    Ich weis es nicht, aber denke, dass die Tötung von andersgläubigen nicht zu einer Lösung führt, was sind wir für kranke Geschöpfe?
  • Lucio Silva  Safnanno aus San Vito Lo Capo
    08.10.2016
    Wir hatten zweimal im Jahr WK Soldaten im Dorf. Alle Kinder standen nach und vor der Schule immer um die Soldaten herum. Und in der Zeichnungsstunde malten wir alle Soldaten, Panzer, Gewehre, Bajonette, Jeeps etc.
    • Ruedi  Lais aus Wallisellen
      08.10.2016
      Sie wollen mit Ihrem Kommentar die schweren Trauma dieser Kriegskinder verharmlosen. Diese Kinder haben nicht friedliche WK-Soldaten mit ihren Armee-Göppeln und -Biskuits erlebt, sondern Bombardements, herumliegende Leichenteile und das eigene Zuhause als Brandruine. Denken Sie mal über Ihren Post nach!
  • Urech  Hanna aus Basel
    08.10.2016
    Ich bin sehr dankbar,dass meine Kinder und Enkel in Frieden aufwachsen dürfen. Wir alle sollten das sein! Und wir können diesen Kindern helfen, ein Land zu zerbomben bringt nur der Elend und Flüchtlinge!Und der Waffenlobby der Welt viel Geld! Nein, ich bin nicht links.Aber diese Kriege schaden nur den Seelen!