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«Hörst du mich, Timo? Kannst du mich riechen? Spürst du meine Hände? Du hast es doch so gern, wenn man dich krault. Ja, genau hier am Bauch. Oder da oben, über der Nase, nur so mit zwei Fingern. Sonst stupst du mich doch immer mit der Pfote an, forderst mich auf weiterzumachen. Jetzt tust du es nicht. Du liegst ganz ruhig da, apathisch.
Heute bekommst du deine dritte Dialyse im Tierspital Bern. Sie haben dir ein leichtes Beruhigungsmittel gegeben, damit du dich nicht bewegst. Alles ist so still. Du atmest ruhig. Nur das Geräusch der Pumpe ist zu hören, die dein Blut aus der Halsvene holt und es in der Maschine reinigt. Viele Zahlen blinken auf. Dein Puls, dein Blutdruck werden überwacht.
Plötzlich beginnst du, schwer zu atmen, du krümmst dich auf dem Schragen, auf dem du fixiert bist. Du musst dich erbrechen. Das kommt oft vor. Dieses verdammte Gift, es ist so brutal. Ärztin Ariane Schweighauser hält dir eine Schale hin, fängt die Galle aus deinem Magen auf. Sie streichelt dich, sie ist so lieb zu dir.
Gibt dir die Decke warm? Hast du Freude, dass ich bei dir bin? Seufzt du jetzt darum so wohlig? Chefarzt Thierry Francey sagt, dass du ihm gefällst. Ja, genau so hat er es gesagt. Klingt irgendwie schön, oder? Du seist jetzt in der ersten Phase der Therapie. Man versucht langsam, die Giftstoffe aus deinem Körper zu holen. Das geht nicht schnell, sonst würdest du es nicht verkraften. Du kannst schon ein wenig Harn lassen, das sei gut so. Aber du bist noch schwach und schläfst fast immer.
Nach der Therapie sind deine Blutwerte besser, aber eben, das ist alles nur künstlich. Dann steigen sie wieder an. Noch funktionieren deine Nieren nicht genügend, dass du ohne Maschine leben könntest.
Dein Fell fühlt sich warm an. Ich dachte, du siehst schlimmer aus. Deine Augen sind gerötet, sind das Tränen? Die habe ich auch.
Ein bisschen Gewicht hast du verloren, aber du frisst ja im Moment fast nichts. Du hattest doch immer so Hunger. Weisst du noch, wie du damals unser Geburtstagsbuffet gefressen hast? Oder wie du auf Sardinien plötzlich spurlos verschwunden bist – und bei Feriengästen im Bungalow genüsslich ein Poulet gefuttert hast?
Das Blut in deinem Schlauch ist so rot, so farbig. Es sieht fast lustig aus. Auch die Bandagen um deine Pfoten, über die du Medikamente in die Venen bekommst, sind so süss. Stört dich das Geräusch der Pumpe? Träumst du gerade? Hast du es gern, wenn ich dich ganz leicht an den Pfoten streichle?
Du, Timo, du hast ganz viele Briefe und Mails bekommen. Viele Menschen machen sich grosse Sorgen um dich. Du glaubst gar nicht, wie viel Mitgefühl du bekommst.
Der Arzt sagt, dass wir jetzt Geduld brauchen. Zehn Tage, und mit so viel Zeit müssen wir rechnen, bis es dir besser gehen könnte. Das wird uns zwischen 4000 und 5000 Franken kosten. Es sei gut möglich, dass wir dann aber weitermachen müssen. Das wird dann noch viel mehr kosten. Aber Timo, wir lieben dich, und wir werden das irgendwie bezahlen. Ganz sicher, versprochen.
Aber was ist, wenn deine Nieren sich nie mehr erholen? Wie lange machen wir weiter? Und wie lange willst du selber kämpfen?
Ich werde dich wieder besuchen. Auch Pia, dein Frauchen, wird kommen. Sie hat heute deinen Fressnapf versteckt, weil sie es nicht mehr aushielt.
Warum öffnest du jetzt deine Augen, Timo? Verstehst du mich? Warum schaust du mich so an?»