Chiasso leidet unter den Asylbewerbern aus Tunesien «Ich habe noch nie Menschen erlebt, die den öffentlichen Frieden so stören!»

CHIASSO - TI - 24 Jahre leitet Antonio Simona das Empfangszentrums für Asylsuchende. Im Sommer kam mit den Nordafrikanern die Gewalt.

  • Publiziert: 12.01.2012, Aktualisiert: 21.42 Uhr
  • Von Myrte Müller

Es sind nur wenige. Aber sie machen den Bewohnern von Chiasso TI das Leben schwer. Schon vor Monaten bat Chiasso den Bund um Hilfe. Tunesische Asylbewerber klauten, pöbelten, betranken sich auf den Strassen.

Verbessert hat sich nichts. Am Dienstag kurz nach 18 Uhr schieben in der Aldi-Filiale der Via A. Volta zwei Tunesier Schnapsflaschen unter ihre Winterjacken. Ein Wachmann des Supermarkts stellt sie. Antonio (53) und Ivonne Cavadini (52) beobachten als Kunden die Szene. «Sie schubsten sich, dann flogen die Fäuste. Der Wachmann wurde vom einem festgehalten. Der andere schlug zu. Ich bin hin, habe den einen prügelnden Asylbewerber hinter die Kassen gedrängt», erzählt Cavadini. Der Tunesier greift sich eine Ölflasche, wirft sie gegen den Wachmann, verfehlt ihn. «Die Glasflasche flog acht Meter und traf meine Frau», sagt Cavadini.

Der Wirt zeigt auf den Verband um Ivonnes Ellbogen, «da habe ich den Kerl am Kragen gepackt und hinausgeworfen.» Cavadini will sich nicht ausdenken, was passiert wäre, wenn die Flasche seine Frau am Kopf verletzt hätte. «Es sind Schurken», schimpft er. «Ich kenne Asylsuchende aus aller Welt, vermiete seit Jahren Zimmer. Es waren stets ruhige Gäste. Aber diese Tunesier sind aggressiv, skrupellos, ohne jeden Respekt.»

Auch die Verkäuferin des Silo-Shops am Parkhaus der Innenstadt machte ihre Erfahrungen. «Klar hab ich Angst», sagt Deborah D.* (26), «die Tunesier kamen rein, klauten Wodkaflaschen. Jetzt haben wir die Spirituosen hinter der abschliessbaren Glastür platziert. Spätschicht mache ich nicht. Das ist mir zu gefährlich.»

Und Denner-Filialleiter David Stepancic (45) erklärt: «Wir haben Videokameras. Doch die Tunesier ziehen einfach die Kapuzen über den Kopf. Der Schaden liegt bei 1000 Franken in der Woche.» Acht Monate ist es her. Da schrieb Bürgermeister Moreno Colombo (48, FDP) einen verzweifelten Brief an Bundesrätin Simonetta Sommaruga. Die Bitte: das Empfangszentrum für Asylbewerber im Herzen der Grenzstadt zu schliessen. Chiasso wurde vertröstet, eine Task Force aus Staat und Kanton würde die Sache in die Hand nehmen, hiess es aus Bern.

Entschärft wurde die Situation nicht. Im Gegenteil. «Seit dem Sommer haben wir 30 Prozent mehr Einsätze. 400 Vorfälle gab es, an denen Asylbewerber beteiligt waren. Die Hälfte davon waren gewalttätiger Art», sagt Nicolas Poncini (50) der Kommandant der Gemeindepolizei von Chiasso. «Sie prügeln sich nicht mehr nur untereinander, sie schlagen sich auch mit der Bevölkerung, sind extrem aggressiv. Auch gegen sich selbst. Wir haben auch sehr blutige Selbstverletzungen gesehen.»

Die Schnittwunden fügen sich die Tunesier selber zu, um ihren Kollegen zu signalisieren: Schaut mal, wie hart ich bin.

«Ich habe Angst, dass die Konfrontation zwischen den Asylbewerbern und der Bevölkerung ausartet», sagt der Gemeindepolizeichef. Auch im Asylbewerberheim brodelt es. 134 Asylsuchende sind dort untergebracht, die Hälfte Tunesier. «In den letzten Tagen ging es bei uns extrem zu», sagt der Leiter des Empfangszentrums, Antonio Simona (59). Die Nordafrikaner kommen betrunken heim, sie zanken mit dem Personal. «Am Dienstag mussten wir die Polizei holen. Da standen plötzlich sechs, sieben Nordafrikaner vor uns und wollten auf die Beamten losgehen.»

«Es ist nur eine kleine Gruppe, die uns an unsere Grenzen bringt. Sehr junge Männer mit viel Energie und ohne Beschäftigung. Sie betrinken sich, werden aggressiv», fährt Simona fort. «Ich bin seit 1988 im Zentrum, habe alle möglichen Landsleute kommen und gehen sehen, doch Menschen, die den öffentlichen Frieden so stören wie die Tunesier, habe ich noch nie erlebt.»

* Name der Redaktion bekannt

Triumph für Bettwil AG

Der Bund kann die Militäranlage in Bettwil nicht wie geplant als Asylunterkunft nutzen. Die befristete Nutzung für 80 bis 100 Asylbewerber braucht eine Baubewilligung. Zu diesem Schluss kommt ein Rechtsgutachten des Kantons Aargau. Der Entscheid ist ein Triumph für das 560-Seelen-Dorf. Die Bettwiler haben sich vehement gegen die von Bern geplante Unterbringung der Asylbewerber gewehrt. Der Gemeinderat und ein regionales Komitee haben betont, es gebe keine rechtliche Grundlage für eine Baubewilligung.

In der Stadt Zug kann demgegenüber das ehemalige Altersheim Waldheim für zwei Jahre als Asylunterkunft für maximal 60 Personen genutzt werden. Zwei Nachbarn zogen ihre Verwaltungsbeschwerde zurück. Nun wird rund um die Uhr eine Eingangs- und Personenkontrolle eingerichtet. Neben Sicherheitspatrouillen gibts eine Hotline für Nachbarn.