Der frühere Topbanker, den die Polizei als Einbrecher schnappte «Ich bin froh, dass ich verhaftet wurde»

  • Publiziert: 16.11.2011, Aktualisiert: 03.01.2012
  • Von Myrte Müller

Seit zehn Jahren ohne festen Job, will Urs Betschart (49) seinem Renntöff-Hobby frönen. Die Versuchung macht den verurteilten Top-Banker zum Einbrecher.

Er schämt sich. Urs Betschart (49), einstiger Vize-direktor der Tessiner Kantonalbank, wird am Samstag vor einer Woche beim Töff-Diebstahl in Schüpfheim LU erwischt (BLICK berichtete). Jetzt ist er wieder auf freiem Fuss.

Und spricht über den schwärzesten Tag seines Lebens.

«Ja, ich habe es getan. Auch wenn nicht ich eingebrochen bin, um die zwei Motorräder herauszuholen, sondern mein Komplize. So habe ich die Töffs doch transportiert. Eine Dummheit, zu der ich leider stehen muss. Ich habe in meinem Leben noch nie gestohlen. Jetzt ist es mir passiert. Ich weiss nicht, was mich da geritten hat», sagt Urs Betschart.

Betschart wollte ein Motorrad

Der Grund für den schwachen Moment: «Ich liebe Motorräder, fahre selber Amateurrennen. Vor einem Monat hatte ich einen schlimmen Verkehrsunfall. Mein Renn-Töff wurde dabei völlig zerstört. Da ich aber an einem Rennen in Spanien teilnehmen sollte, war ich ziemlich verzweifelt. Seit zehn Jahren finde ich keinen Job mehr. Ich habe es mit Export und Internethandel versucht. Zuletzt lief das Geschäft nicht gut.»

Der ehemalige Top-Banker Betschart hat finanzielle Probleme. «Wir leben vom Verkäuferinnen-Gehalt meiner Frau.» Da taucht Jörg W.* auf, ein halbseidener Bekannter aus Lugano. Der schlägt vor: «Lass uns nach Luzern fahren. Wir holen dir einen neue Maschine.» Mit «holen», meinte er stehlen. «Ich habe mitgemacht. Und bin prompt geschnappt worden», sagt Urs Betschart. «Heute bin ich ganz froh darüber, dass ich erwischt wurde. Wer weiss, auf welch schiefe Bahn ich da weiter geraten wäre.»

Der «Freund» aus Lugano ist flüchtig: Jörg W. wird von der Luzerner und Tessiner Polizei gesucht.

«Ich habe mir die Suppe eingebrockt. Ich werde sie wieder auslöffeln», sagt Urs Betschart reuevoll und wartet nun auf den Strafprozess.

21,5 Millionen Franken verspekuliert

Vieles im Leben des ehemaligen Vize-Bankdirektors geht schief. Während seiner Amtszeit in der Locarneser Filiale der Banca Stato verspekuliert der gebürtige Muotathaler 21,5 Millionen Franken (siehe Box).

Dafür wird er 2006 zu zwei Jahren bedingter Haft verurteilt. «Andere in der Bank wussten von den Risiko-Geschäften, machten mit. Als alles platzte, wurde ich zum perfekten Sündenbock», meint Betschart. Er verliert seine Arbeit, verkauft sein Auto, sein Haus, sein Boot, um die Bank zu entschädigen. «Ich habe keinen Rappen mehr gehabt», sagt Betschart. Damals fühlte er sich als Opfer.

Heute, nach dem gescheiterten Motorrad-Coup, sagt Urs Betschart: «Der Töff-Klau geht voll und ganz auf meine Kappe. Da habe ich einen riesigen Fehler gemacht. Das tut mir wirklich leid.»

* Name der Redaktion bekannt

Verurteilt für 21 Millionen-Loch

Am 3. November 2006 verurteilt das Strafgericht in Lugano die beiden Bankiers Urs Betschart (heute 49) und Tuto Rossi (55) zu je zwei Jahren bedingter Haft. Das Duo hatte mit Risiko-Anlagen die Tessiner Kantonalbank um 21,5 Millionen Franken erleichtert. Urs Betschart, damals Vizedirektor der Locarneser Filiale, war geständig. Tuto Rossi, Ex-Vizepräsident der Banca Stato, wies alle Schuld von sich. Seine Rekurse wurden alle abgewiesen.