Tempo 80: Jetzt gilts!

  • Publiziert: 03.02.2006, Aktualisiert: 04.02.2006

ZUG – Die Zentralschweizer Kantone sowie die Mittellandkantone entlang der A1 haben im Kampf gegen die anhaltend hohe Feinstaubbelastung Tempo 80 auf ihren Autobahnen angeordnet.Als erster Kanton hat Zug bereits gestern Mittag Tempo 80 auf den Nationalstrassen verfügt (Blick Online berichtete). Der zuständige Zuger Sicherheitsdirektor Hanspeter Uster wies darauf hin, dass die Temporeduktion maximal acht Tage in Kraft bleibt. Sollte sich die Luftbelastung verbessern, würde sie aufgehoben. «Wenn wir schon zuständig sind, dann wollen wir unsere Kompetenzen auch wahrnehmen. Bis alle 26 Kantone etwas gemacht haben, bleibt der Feinstaub in der Luft», sagte er zum Alleingang seines Kantons. Auch die Zentralschweizer Umweltdirektorenkonferenz hat gestern in Luzern beschlossen, kurzfristige Temporeduktionen auf generell 80 km/h auf allen Zentralschweizer Strassen vorzubereiten. Der Entscheid wurde allerdings den Kantonen überlassen. Bereits am Nachmittag reagierte Luzern und verordnete im Rahmen eines gemeinsamen Vorgehens aller sechs Zentralschweizer Kantone ab Freitagabend ebenfalls Tempo 80.Diesem Vorgehen angeschlossen hätten sich bereits auch Uri, Nidwalden, Obwalden und Schwyz, präzisierte der Luzerner Regierungsrat Max Pfister. Dies haben die Innerschweizer auch noch beschlossen:In allen Zentralschweizer Kantonen wurde jegliche Art von offenen Feuern im Freien verboten.Liegenschaften dürften nicht mit Holz beheizt werden, wenn andere Wärmequellen vorhanden sind. Vom Bund verlangten die Zentralschweizer Umweltdirektoren eine sofortige generelle Partikelfilterpflicht für neue dieselbetriebene Strassenfahrzeuge und Offroad-Fahrzeuge.Ein praktisch identisches Vorgehen zur Tempodrosselung haben gestern Abend auch der Kanton Bern sowie weitere Mittelandkantone entlang der A1 beschlossen. Nach Auskunft der Berner Regierungsrätin Elisabeth Zölch gehören zu diesem Verbund neben Bern die beiden Basel, Zürich, Aargau und Solothurn. St. Gallen und Thurgau machen bei Tempo 80 nicht mit.Der für den kommenden Sonntag angekündigte Aktionstag «Am Sonntag einfach zahlen und retour fahren» im öffentlichen Verkehr wird landesweit durchgeführt.Anhaltend hohe Feinstaubbelastung Die Feinstaubbelastung der Luft hat sich gestern auf der Alpennordseite uneinheitlich entwickelt. Sie ist aber an neun von elf Stationen des Messnetzes des Bundes über dem Grenzwert geblieben.Die heute Morgen vorliegenden 24-Stunden-Mittelwerte für den ganzen Freitag zeigen an fünf Stationen eine Entspannung auf hohem Niveau. Steigende Tendenz wies die Verschmutzung mit dem gefährlichen Feinstaub demgegenüber an vier weiteren Standorten auf. Massiv war die Zunahme bei der an einer grossen Durchgangsstrasse gelegenen Station im Berner Stadtzentrum, wo die Belastung im Vergleich zum Donnerstag von 123 auf 159 Mikrogramm pro Kubikmeter anstieg. Der Blick zurück zeigt, dass die Periode mit Feinstaubbelastung über dem Tagesgrenzwert von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter auf der Alpennordseite nun zum Teil schon elf Tage anhält. Auch für das Wochenende versprach die Wetterlage noch keine Besserung. Besser ist die Luft einzig in der Höhe und in der Südschweiz. An den Tessiner Stationen des Nabel-Messnetzes des Bundes war die letzte Überschreitung des Grenzwerts am vergangenen 26. Januar registriert worden.

3700 Tote durch Feinstaub

Gemessen an den jährlichen Todesfällen ist Feinstaub gemäss Zahlen des Bundes das gefährlichste Umweltgift überhaupt. Fast halb so viele Menschen sterben jährlich in der Schweiz an Dreckluft wie an Tabakmissbrauch.
Gemäss den bereits bekannten Zahlen des Bundes sterben jährlich in der Schweiz 3700 Menschen frühzeitig, weil sie zu viel feinstaubverseuchte Luft eingeatmet haben. Im Vergleich mit anderen Umweltgiften ist das ein Spitzenwert: An der Ozonbelastung sterben beispielsweise «nur» 100 bis 200 Menschen jährlich.
Auch im Vergleich mit dem Rauchen sind die Zahlen Besorgnis erregend. Fast halb so viele Menschen sterben jährlich in der Schweiz an übermässiger Feinstaubbelastung wie an den Folgen von Tabakmissbrauch. Den 3700 frühzeitigen Todesfällen durch Feinstaub stehen 8300 Tote durch Tabakmissbrauch gegenüber.

Zerstrittene Schweiz

BERN – Bei den politischen Akteuren sind die Tempolimiten gegen Feinstaub auf die ganze Reaktionspalette von Applaus bis Kopfschütteln gestossen. SVP:Aus Sicht der SVP sind Temporeduktionen nicht das richtige Mittel gegen die Feinstaubbelastung. Es bringe nichts, aus einer aktuellen Hysterie heraus zu handeln.FDP:Die FDP beurteilt die Einführung von Temporeduktionen eher als symbolische Massnahme. Zur Reduktion der Feinstaubbelastung brauche es primär technische Massnahmen wie Partikelfilter.SP:Die SP hingegen begrüsst Tempolimiten und andere kurzfristige Massnahmen. Es sei wichtig, dass nun gehandelt werde. CVP:Auch CVP-Sprecherin Marianne Binder begrüsste die Temporeduktion in den Kantonen Zug und Luzern. Wenn die Behörden das Problem als gravierend einstuften, müsse gehandelt werden. Binder hält weiter eine Partikelfilterpflicht für neue Dieselfahrzeuge in der CVP für mehrheitsfähig. Grüne:Für die Grünen sind weitere Sofortmassnahmen dringend notwendig. Das Gesundheitsrisiko durch Feinstaub sei im Moment hoch. Auch sie fordern neben Tempo 80 vor allem eine Filterpflicht für alle Dieselfahrzeuge und Maschinen. VCS:Für den Geschäftsführer des Verkehrs-Clubs der Schweiz (VCS), Peter Saxenhofer, packt eine Temporeduktion das Problem nicht an der Wurzel, sondern sei eine reine Symptombekämpfung. Eine wirksame Massnahme wäre dagegen eine Filterpflicht für alle Dieselmotoren. TCS:Der Touring Club der Schweiz (TCS) beurteilt eine Temporeduktion auf den Autobahnen als «praktisch wirkungslos». Wenn die Autobranche aus dem Schussfeld kommen wolle, dürfe sie ab 2007 neue Personenwagen mit Dieselmotoren nur noch mit Partikelfilter ausliefern. Astag:Michael Gehrken, Vizedirektor des Nutzfahrzeugverbands Astag, bezeichnete Tempolimiten als Aktivismus. Die Schadstoff-Problematik dürfe nicht auf Feinstaub reduziert werden. Gerade bei schweren Nutzfahrzeugen brächte die Verflüssigung des Verkehrs eine massive Reduktion an Schadstoffen.
play Auf den Einfahrtachsen in Zürich haben Automobilisten gestern Morgen Gratis-Tageskarten für den öffentlichen Verkehr der Stadt Zürich erhalten. ÖV-Benutzer wurden mit einem Schöggeli belohnt. (Keystone)

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