Genug gelebt! Sterbehilfe reizt nicht nur Todkranke

  • Publiziert: 04.11.2008, Aktualisiert: 14.01.2012

BERN – Sie wollen sterben. Obwohl sie nicht tödlich krank sind. Immer häufiger nehmen vor allem lebensmüde Senioren die Sterbehilfe in Anspruch.

Die Sterbehilfe begleitet Menschen in den Tod, die freiwillig aus dem Leben scheiden möchten. Meist wegen einer tödlichen Krankheit, die oft mit starken Schmerzen verbunden ist. Doch es gibt auch welche, die einfach lebensmüde sind.

Und genau diese Zahl nahm in den letzten Jahren markant zu. Zu diesem Schluss kommt eine vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützte Studie mit Fokus auf die Stadt Zürich (siehe Kasten).

Zwischen 1990 und 2000 litten 22 Prozent der Menschen, die sichvon der Sterbehilfeorganisation Exit in den Tod begleiten liessen, nicht an einer tödlichen Krankheit. Dieser Anteil stieg bis 2004 auf 33 Prozent. Bei Dignitas war der Anteil nicht tödlich Kranker im gleichen Zeitraum nur 21 Prozent.

Lebensmüde, alte Menschen

Bei den nicht tödlich Kranken handelt es sich meist um alte Menschen. Sie haben Krankheiten wie rheumatische Beschwerden oder Schmerzsyndrome. Das sagte die Soziologin Susanne Fischer. Lebensmüdigkeit und ein allgemein schlechter Gesundheitszustand bringe ältere Menschen an den Punkt, wo sie sterben wollen.

Dignitas-Kunden sind 12 Jahre jünger

Die Studie zeigt deutliche Unterschiede zwischen Exit und Dignitas. Das Durchschnittsalter der Dignitas-Kunden war mit 65 Jahren deutlich tiefer als bei Exit (77 Jahre). Die Forscher erklären dies damit, dass Dignitas vor allem Ausländer in den Tod begleitet (91 Prozent), während Exit dies kaum tut (3 Prozent).

Sterbewillige aus dem Ausland müssten genügend fit sein, um noch in die Schweiz reisen zu können, sagte der Arzt und Medizinethiker Georg Bosshard, der die Studie leitete. Suizidbeihilfe ist in den meisten europäischen Ländern verboten.

Mehr Frauen wollen sterben

Bei beiden Organisationen nahmen in den letzten Jahren deutlich mehr Frauen als Männer die Sterbehilfe in Anspruch. 2001 bis 2004 waren 64 Prozent der Dignitas-Patienten Frauen, bei Exit betrug der Anteil 65 Prozent. In den 90er-Jahren war die Verteilung bei Exit noch ausgeglichen gewesen.

Ein Faktor für den Unterschied könnte laut den Forschern sein, dass Frauen eine höhere Lebenserwartung haben als Männer: Sehr alte Menschen hätten oft mit dem Leben abgeschlossen. Zudem sei aus Suizidstatistiken bekannt, dass sich Männer häufiger selber umbringen – lebensmüde Frauen könnten sich dagegen eher an eine Sterbehilfeorganisation wenden. (SDA/num)

Exit relativiert

BERN – Die Sterbehilfe-Organisation Exit relativiert die Studie: Betrachte man die ganze Schweiz, steige die Zahl der von Exit in den Tod begleiteten Patienten ohne tödliche Erkrankung nicht an. Die Ergebnisse aus Zürich seien für die Schweiz nicht repräsentativ.

Exit habe von 2001 bis 2004 insgesamt 498 Menschen in den Tod begleitet. Ein Vergleich mit dem Jahr 1996 und neuen Zahlen aus 2007 zeige, dass es bei Exit keine Zunahme der Sterbehilfe für nicht tödlich Erkrankte gebe. Die Zahl bewege sich immer zwischen 25 und 35 Prozent.
play Nicht tödlich krank, aber trotzdem lebensmüde: Die Zahl nimmt zu. (Keystone)

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