17 Mio ergaunert! Staatsanwalt stellt Ostschweizer Gewinnspiel-Bande vor Gericht

  • Publiziert: 19.11.2011, Aktualisiert: 03.01.2012
  • Von Viktor Dammann

Morgen startet ein für die Schweiz bisher einzigartiger Prozess. Noch nie standen so viele Mitglieder einer Gewinnspiel-Bande vor Gericht. Mit ihrer Masche zogen sie ahnungslosen Rentnern 17 Mio aus der Tasche.

Sie haben gewonnen! Rentner Hans Leicher (88) ist völlig aus dem Häuschen, als er den Brief liest. «Hellseherin Samantha» verspricht ihm darin einen Gewinn von 15 000 Euro und das Blaue vom Himmel: «Ich werde alle Ihre Wünsche erfüllen.» Um an sein Geld zu kommen, muss Hans Leicher nur noch einen kleinen «Unkostenbeitrag» von 30 Euro an Samantha schicken.

Der Rentner aus Mössingen (D) glaubt, das grosse Los gezogen zu haben. «Ich legte das Geld in einen Umschlag und schickte ihn an eine Postfach-Adresse in Österreich», sagt er zu SonntagsBlick. «Doch der versprochene Gewinn kam nie an.»

Hans Leicher ist eines von Tausenden Opfern einer Gewinnspiel-Bande, die ihr Netzwerk in grossem Stil von der Ostschweiz aus betrieb. Morgen beginnt am Bezirksgericht in Mels SG ein für die Schweiz bisher einmaliger Prozess. Sieben Männer und zwei Frauen sind wegen unlauteren Wettbewerbs angeklagt: Ihnen wird vorgeworfen, Gutgläubige aus ganz Europa – meist betagte Menschen – um insgesamt 17 Millionen Euro gebracht zu haben.

Bis zu 333 Millionen Euro Gewinn

Für Hans Leicher war die Zitterpartie nach dem ersten Brief noch nicht zu Ende. «Ich erhielt weitere Couverts mit noch höheren Gewinnversprechen.» Bis zu 333 Millionen Euro hat er angeblich gewonnen.

Der Rentner glaubt weiter an sein Glück, er zahlt und zahlt und zahlt. Doch «Samantha» antwortet nicht. Irgendwann schöpft er Verdacht und zeigt die «Hellseherin» an.

«Ich habe Tausende Euros verloren», sagt er verbittert. Ein weiteres Opfer der Abzocker ist Maria N.* (80) aus Rheinland-Pfalz. «Mir hat man 15 000 Euro und ein kosmogonisches Hufeisen versprochen, wenn ich 40 Euro einzahle», sagt die alte Frau. Weitere fünf Euro legte sie drauf, damit ihr Gewinn «vorrangig» bearbeitet werde. «Als nichts zurückkam, reklamierte ich schriftlich. Wieder keine Antwort.» Da informierte sie «den Polizeiposten».

Kompliziertes Netzwerk

Die Anzeige von Maria N., Hans Leicher und vielen anderen Geprellten bringt eine in der Schweiz einzigartige Untersuchung in Gang. Der St. Galler Staatsanwalt Erich Feineis beginnt, das komplizierte Netzwerk der Organisation zu entwirren (siehe nächste Seite), von dem er sagt, es sei ähnlich strukturiert wie das einer kriminellen Organisation. Die Hintermänner sind Leute aus scheinbar anständigem Milieu, die mit einem ausgeklügelten Betrugssystem vorgingen.

An der Spitze steht der französische Ex-Fussballprofi Bernhard Graeff (62). Der Gründer der nach seinen Initialen benannten BG-Gruppe ist in Frankreich wegen ähnlicher Delikte vorbestraft und hat seine Tätigkeiten deshalb in die Schweiz verlegt. Laut Anklage hat Graeff über den St. Galler Rechtsanwalt Herbert S. (60) verschiedenste Tarnfirmen in der Ostschweiz gegründet, die mit Strohleuten besetzt wurden.

Jeden Tag kistenweise Briefe

Die Masche ist immer die gleiche: Den Opfern wird vorgegaukelt, sie hätten gewonnen. Mal schreibt eine Wahrsagerin, mal ist die Firma als Versandhandel getarnt. Um den Gewinn auszulösen, sollen sie zwischen 15 und 40 Euro einzahlen.

Fast alle Wertbriefe landen in Postfächern in Österreich, die ein Kaufmann aus dem St. Galler Rheintal, Hans H.* (62), im Auftrag von Bernhard Graeff eröffnet hat. Seine Aufgabe war es, die Postfächer zu leeren und die Wertbriefe in die Schweiz zu einer Firma Marlog am Bodensee zu schaffen. Dort überwachte Irene L. (64) als Geschäftsführerin den Betrieb des sogenannten Brieföffnungszentrums in Goldach SG.

«Jeden Tag brachten Fahrzeuge kistenweise Briefe», erinnert sich Ernst K.**, der im Brieföffnungszentrum für 26 Franken pro Stunde arbeitete. «Ein Kollege machte mich auf den Job aufmerksam. Er sagte, ich müsse nur Couverts öffnen.»

Ernst K. ahnt nicht, dass er im Auftrag einer Gewinnspiel-Bande das Geld armer Rentner aus den Umschlägen holt. «Die Marlog war im ersten Stock. In einem grossen Raum sassen zehn Frauen an Pulten, vor sich riesige Briefbeigen», sagt der 62-Jährige.

Täglich vier bis sieben Stunden lang öffnet Ernst K. «Gewinnbriefe». Seine Tagesausbeute schätzt er auf «Bargeld im Wert von sicher 10 000 Franken, dazu etwa 30 000 Franken in Schecks». Noten und Schecks packt er, je nach Währung, auf verschiedene Stapel. Irene L. habe das Geld dann an sich genommen. Die beigefügten Schreiben der alten Leute, oft in zittriger Handschrift verfasst, landeten im Papierkorb. «Viele legten Fotos von sich bei», sagt Ernst K., der bald den Braten roch und kündigte. «Ich habe einen befreundeten Polizisten informiert, aber die Polizei war den Abzockern schon auf der Spur.»

«Meine Frau und ich können uns nur noch Suppe leisten»

Staatsanwalt Feineis möchte Big Boss Graeff für volle zweieinhalb Jahre hinter Gittern sehen. Zehn Millionen mittlerweile beschlagnahmte Euro sollen eingezogen werden, weitere fünf Millionen soll der Franzose zurückzahlen. Für Rechtsanwalt Herbert S. sind ebenfalls zweieinhalb Jahre, davon sechs Monate unbedingt und eine Rückzahlung von 1,5 Millionen Euro beantragt. Irene L. vom Brieföffnungszentrum, «Pöstler» Hans H. und fünf weiteren Angeklagten drohen Haftstrafen und Rückzahlungen. Für alle neun Angeklagten gilt die Unschuldsvermutung.

In der Untersuchung hatten sie die Aussage mehrheitlich verweigert. Hans Leicher und Maria N. haben aus der Katastrophe gelernt. «Ich schmeisse die Briefe sofort weg», sagt Maria N. «Meine Frau und ich können uns nur noch Suppe leisten. Ich werde nie mehr mitmachen», betont Leicher.

Die beiden werden nicht zum Prozess kommen. Wie die meisten Opfer sind sie zu gebrechlich, zu schwach. Einige sind mittlerweile verstorben. 

* Namen der Redaktion bekannt

** Name geändert

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