Drama vor Pfadi-Nachtübung Sprengsatz tötete Pfadi

  • Publiziert: 23.11.2008, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Benno Kälin, Romina Lenzlinger, Mitarbeit: Beat Kraushaar
play Unglücksort Vor dem Pfadiheim in Adlikon explodierte gestern ein Knallkörper. Die Polizei rückte sofort mit mehreren Personen aus und nahm die Spurensicherung auf.

Schreckliches Drama gestern in Adlikon ZH: Bei einer Explosion stirbt ein 16-jähriger Pfadi, ein 18-jähriger wird schwer verletzt.

Mitten in einem schneebedeckten Feld nahe beim Waldrand liegt das Pfadiheim Adlikon. Das 600-Seelen-Dorf im Zürcher Weinland liegt auf einer Geländekuppe zwischen Winterthur ZH und Schaffhausen. Gestern Abend: Überall stehen zivile Polizeiautos. Vor der Pfadihütte ist die Szene gespenstisch. Ein Scheinwerfer strahlt auf einen leblosen Körper, der auf dem Feldweg liegt. Der Tote ist ein 16-jähriger Pfadfinder aus der Region.

Gemäss SonntagsBlick-Recherchen hat sich am Samstagabend eine Gruppe von fünf bis sechs Pfadiführern getroffen. Sie wollten eine Nachtübung vorbereiten. Dem Vernehmen nach bastelten sie dafür einen Knallkörper. Sicher ist: Um 19.30 Uhr kam es zu einer heftigen Explosion mit verheerenden Folgen.

Aus ungeklärten Gründen zündete die Schwarzpulverladung zu früh. Zwei Jugendliche wurden von der Detonation mit voller Wucht getroffen. Einer der beiden, ein 16-Jähriger, war sofort tot. Gemäss Polizeiangaben wurde er am Kopf schwer verletzt. Sein 18-jähriger Pfadifreund, der daneben stand, wurde ebenfalls am Kopf getroffen und musste mit schwersten Verletzungen von der Rega ins Spital geflogen werden.

«Irgendetwas muss schiefgelaufen sein», sagt Stefan Oberlin, Mediensprecher der Kantonspolizei Zürich. Der Knall hätte wahrscheinlich ein Willkommensgruss für eine nachfolgende Gruppe sein sollen. Kurze Zeit später sollten etwa 30 Pfadi im Alter von elf bis 15 Jahren bei der Hütte eintreffen. Der Anblick ihres toten Leiters blieb ihnen erspart. Sie konnten noch rechtzeitig aufgehalten werden. Sie hörten lediglich den lauten Knall.

SonntagsBlick sprach mit der Vermieterin des Pfadiheims. Von zu Hause aus hat sie das Drama miterlebt. Rita M.*: «Um 20 Uhr sah ich von meinem Wohnzimmer aus viele Autos Richtung Pfadiheim brausen. Zuerst dachte ich, es sei eingebrochen worden.»

Rita M.* lässt alles liegen und eilt zur Hütte: «Als ich ankam, wurde ich von der Polizei empfangen. Alles, was ich sah, waren Autos, ein Krankenwagen, viele Polizisten und etwa sechs junge Männer, die ganz verwirrt im Kreis standen.»

Bis Redaktionsschluss konnten die Angehörigen noch nicht über den tragischen Vorfall informiert werden. Die Polizei hatte sie nicht erreicht. 

* Name der Redaktion bekannt

Allzeit bereit

38 Millionen Pfadi gibt es auf der Welt. Und: Einmal Pfadi, immer Pfadi. Zuletzt zeigte sich das Ende Juli auch in der Schweiz, als rund 25000 Kinder, Jugendliche und Erwachsene zum Bula 08 in die Linthebene einfielen. Fast zwei Wochen lang lebten Pfadfindergruppen aus aller Welt den Traum von Robert Baden-Powell (1857–1941), der die Bewegung 1907 ins Leben gerufen hatte.

Dem britischen General ging es vor allem darum, Kinder und Jugendliche aus allen sozialen Schichten zu Selbständigkeit und Eigenverantwortung zu erziehen. Die heute in sechs Altersgruppen unterteilte Pfadi folgt drei Grundprinzipien: der Pflicht gegenüber Gott, gegenüber Dritten und gegenüber sich selbst. Viele der in den Jahren der Pfadijugend geschlossenen Freundschaften halten ein ganzes Leben lang.

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