Sprachmisere an den Schulen: Wer schlecht Deutsch spricht, wird gebüsst Büffeln oder zahlen

WINTERTHUR ZH - Das Deutsch-Debakel an Schweizer Schulen nimmt kein Ende. Der Lehrerverband schlägt Alarm und der Sirnacher Schulpräsident büsst Eltern von schwachen Schülern konsequent. 18 Eltern mussten bereits zahlen.

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Vierte Klasse an einer Primarschule in Winterthur ZH: Die Schüler haben Deutschstunde. Sie schreiben einfache Sätze. Alle sind konzentriert. Nur Senta Aebi* langweilt sich. Die Zehnjährige ist längst fertig und lernt auswendig. Eine Zusatzaufgabe, um das Mädchen zu fördern. Denn Senta ist das einzige Schweizer Kind in der Klasse und neben ihren Gschpänli, die teilweise auffällig schlecht Deutsch sprechen, total unterfordert. «Meine Lehrerin muss mit meinen Kameraden fast täglich Schulstoff aufarbeiten, das braucht unendlich Zeit», sagt sie. Zeit, die Senta abgeht.

50 Prozent aller Schüler wachsen in Familien mit Migrationshintergrund auf

Senta ist kein Einzelfall. Es gibt immer mehr Schulklassen, in denen Schweizer Kinder in der Minderheit sind. «Mittlerweile wachsen rund 50 Prozent aller Schüler in Familien mit Migrationshintergrund auf», sagt Jürg Brühlmann (62), Bildungsexperte des Schweizer Lehrerverbandes. Die Sprachprobleme vieler Kinder werden für die Schulen zunehmend zur Belastung. Brühlmann redet von einer tickenden Zeitbombe. «Die mangelnden Deutschkenntnisse vieler Schüler sind ein Problem, wenn die Politik Gelder für Deutschkurse streicht oder Klassengrössen weiter erhöht», sagt er. «Wer die einfachsten Aufgaben nicht versteht, ist automatisch benachteiligt.»

Thurgauer büssen Eltern, deren Kinder nicht Deutsch sprechen

Auf die Deutsch-Misere reagiert hat die Thurgauer Gemeinde Sirnach. Schulpräsident Urs Schrepfer (45) bittet Eltern, deren Kinder in der Schweiz geboren wurden, aber kaum Deutsch sprechen, seit dem letzten Schuljahr zur Kasse. «Von Schülern, die hier aufgewachsen sind, erwarten wir, dass sie unsere Sprache verstehen», sagt Schrepfer. Eigentlich keine ungewöhnliche Forderung. Doch die Realität sieht anders aus. «Viele verstehen nicht mal die einfachsten Anweisungen», so Schrepfer.

Sirnach will die jährlichen Kosten von 180'000 Franken für die Förderstunden nicht mehr allein tragen: Seit dem letzten Schuljahr verrechnet sie den betroffenen Eltern 150 Franken pro Lektion – Flüchtlingskinder sind von der Massnahme ausgeschlossen.

Kinder von 18 Eltern mussten 600 Franken zahlen

Die Bilanz ist dennoch ordentlich: Insgesamt 18 Familien wurden gebüsst. Im Schnitt bezahlten sie 600 Franken. Mitleid hat der Schulpräsident nicht. «Die Eltern könnten mehr Effort zeigen», sagt Schulpräsident Schrepfer. Denn in der Gemeinde gebe es genug Angebote, um Deutsch zu lernen. «Wir möchten niemanden piesacken», so Schrepfer. Doch alle Schüler sollen die gleichen Chancen haben.

* Name geändert

Publiziert am 13.01.2017 | Aktualisiert am 14.01.2017
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64 Kommentare
  • Remo  Albrecht aus Höri
    14.01.2017
    Bei uns geht der Schulweg am Gartensitzplatz vorbei. Schlimm, wie die Kinder in einem Blakan-Hochdeutsch miteinander reden, auch CH-Kinder passen sich dem Slang an. Sätze wie "Gehen wir Fussball" sind noch einigermassen, der Rest...
    Wollte in der Bäckerei ein Pfünderli. Die Verkäuferin machte grosse Augen und Verstand meine Bestellung nicht. Ich erklärte ihr dann auf Hoch-/Schriftdeutsch was ich gerne hätte......
    Willkommen in der Welt der multikulti-Sprache, Esperanto lässt grüssen!!!!
  • Remo  Albrecht aus Höri
    14.01.2017
    @ Steinmann:
    ... ist selber schuld... schon mal nachgedacht (geht das überhaupt?), dass es Familien gibt, die ihre Kinder nicht auf Privatschulen schicken können? Ja, es gibt auch CH-Familien mit schmalem Budget und wenig im Portemonnaie. Da gibts nichts anderes als die Volksschule.
    Und ihre Worte betr. Verkauf oder Coiffeuse, sind eine ungehörige, blasierte Meinung zu ehrenwerten Berufen. Wie kann man nur so denken!
  • Karen  Mind 14.01.2017
    Wir waren vor kurzem an einem Anlass. Es waren 49 Mundartsprachige dabei und ein Ausländer.... und wegen dem musste dann der ganze Vortrag auf Schriftdeutsch veranstaltet werden. In seinem Heimatland wäre kaum Schweizerdeutsch gesprochen worden, wegen einem Schweizer. Wer hier in die Schule geht, soll die Sprache können und die zu lernen, ist Privatsache.
  • Peter  Wegmüller 14.01.2017
    Auch viele Eltern die hier aufgewachsen sind reden mit ihren kindern kein Deutsch. Die Allgemeinheit bezahlt ja dann viele teure Sprachkurse
    • Amélie  Müller aus Zürich
      14.01.2017
      Ja, was denkst du denn, spricht der gute Hermann Schönbächler mit seinen Kindern? Ja, genau, bestimmt kein Englisch. Wenn Richi dann mal Vater ist und mit seinen Kindern nicht Schweizerdeutsch spricht, sondern Englisch, dann finden das alles "schurig schad", nicht wahr?
      Mit seinen Kindern kann man nur in der eigenen Muttersprache authentisch sein. Das heisst nicht, dass Kinder die Umgebungssprache nicht vor Schuleintritt lernen sollten, aber nicht in der Familie.
  • Bea  Gräub aus Aargau
    14.01.2017
    Ich kenne solche wo hier aufgewachsen sind und in die Schule gegangen,also Deutsch können,die habe jetzt Kinder und lernen nur die Sprache der Eltern,deutsch lernt man ja in der Schule so die meineung der Mutter.