Leerlauf-Armee: Soldaten lassen Frust raus
Antreten, abtreten! Wieder nach Hause. Das Planungs-Chaos in der Schweizer Armee treibt Soldaten zur Weissglut.
Von Karin Baltisberger | Aktualisiert um 14:57 | 03.11.2008
Für VBS-Sprecher Christoph Brunner ist es «Courant normal», wenn die Armee zu viele Rekruten aufbietet. Und gleich wieder heimschickt. Ganz normal. Stimmt. Es ist nicht nur einmal passiert – sondern Dutzende Male.
Nicht bloss in der RS Kloten hatte es zu wenig Plätze für die aufgebotenen Rekruten (im BLICK). Auch anderswo hiess es in der RS und sogar im WK gleich am ersten Tag: Abtreten! Nach Hause.
Leerlauf in Armee ist «normal»
Die Soldaten kommen sich wie Marionetten vor. Im BLICK erzählen sie von ihren «Leerläufen».
Kanonier Philipp* (32) wurde zum WK aufgeboten. «Ich wollte den Kurs verschieben, denn in meinem Geschäft habe ich in dieser Zeit besonders viel zu tun», erklärt er. Dreimal stellte er beim Truppenkommandanten ein Gesuch. Drei Mal abgelehnt. Begründung: Es stünden zu wenig Soldaten zur Verfügung, er müsse zwingend einrücken.
Der Deutschschweizer reist nach Genf. Dort heisst es: Tut uns leid, alle Betten besetzt. Philipp tritt den Heimweg an. Mit rund 25 Kollegen. «Dafür ging ich extra nach Genf.»
«Ein Einzelfall», glaubt Armeesprecher Christoph Brunner (s. Interview «Was läuft Schief in der Armee?).
Das sieht Soldat Bruno* anders. 50 seiner Kameraden mussten aus dem WK in Savatan VS wieder abreisen. «Doch die meisten hatten gar keine Zugverbindung mehr.» Betten hatte es aber in der Militärunterkunft auch keine. «Also schliefen einige in den Gängen am Boden.»
Botschaft in Unterbesetzung bewacht
In Kevins* Durchdiener-Kompanie hatte es dafür zu wenig Soldaten. Völlig unterbesetzt sollten sie eine Botschaft in Bern bewachen. «Statt 2 Stunden stehen und 2 Stunden Pause, standen wir 4 Stunden und hatten 15 Minuten Pause.» Manche mussten sogar 8 Stunden am Stück in der Nacht stehen.
Kevin: «Wenn das Militär eine Firma wäre, wäre sie schon längst konkurs.» In der Flieger-RS vor 2 Jahren in Payerne VD wurden 12 Soldaten heimgeschickt. «Die Schweizer Armee ist eine schlecht organisierte Pfadi für Erwachsene», resümiert Marc*.
Zu wenig Betten, zu viele Aufgebotene. So wars auch in Marcels* WK in Gondo VS. Die Überzähligen brachte man kurzerhand in Zivilschutzanlagen unter. «Chüngeli-stall-Feeling – drei Wochen lang.» Immerhin durfte Marcel seinen WK zur geplanten Zeit machen. «Doch Arbeit für alle hatten sie nicht.»
Auch Yves* klagt: «Wir waren 120 zu viel. Der Armeearzt fragte uns, was wir hätten. Wer nichts hatte, dem wurde eine Krankheit aufgezwungen. Dann ab nach Hause.» Doch Yves freute sich zu früh. Ein Jahr später kam ein neuer Marschbefehl. «Eine Frechheit.» Ihm wurde sogar gedroht: Er solle ja nicht an die Öffentlichkeit gehen, sonst erginge es ihm schlecht.
VBS zählte im Fall Kloten nach
Die RS in Kloten ist also nur ein Fall von vielen. Gestern liess auch das VBS nachzählen, wie viele Rekruten am Montag nach Hause geschickt wurden.
Resultat laut VBS-Sprecher Christoph Brunner: Aus der Uem/FU RS 62-3 wurden nicht 70 Männer weggeschickt, wie im BLICK stand. Sondern 58. Davon 32 Rekruten aus medizinischen Gründen. 19 waren einverstanden mit der Verschiebung um ein Jahr. Einer wurde «administrativ» entlassen. 6 hätten sich in eine andere Einheit einteilen lassen. Alles freiwillig, betont das VBS.
Es ändert nichts daran, dass Hunderte Wehrmänner frustriert sind über die Chaos-Armee.
*Namen der Redaktion bekannt
Nicht bloss in der RS Kloten hatte es zu wenig Plätze für die aufgebotenen Rekruten (im BLICK). Auch anderswo hiess es in der RS und sogar im WK gleich am ersten Tag: Abtreten! Nach Hause.
Leerlauf in Armee ist «normal»
Die Soldaten kommen sich wie Marionetten vor. Im BLICK erzählen sie von ihren «Leerläufen».
Kanonier Philipp* (32) wurde zum WK aufgeboten. «Ich wollte den Kurs verschieben, denn in meinem Geschäft habe ich in dieser Zeit besonders viel zu tun», erklärt er. Dreimal stellte er beim Truppenkommandanten ein Gesuch. Drei Mal abgelehnt. Begründung: Es stünden zu wenig Soldaten zur Verfügung, er müsse zwingend einrücken.
Der Deutschschweizer reist nach Genf. Dort heisst es: Tut uns leid, alle Betten besetzt. Philipp tritt den Heimweg an. Mit rund 25 Kollegen. «Dafür ging ich extra nach Genf.»
«Ein Einzelfall», glaubt Armeesprecher Christoph Brunner (s. Interview «Was läuft Schief in der Armee?).
Das sieht Soldat Bruno* anders. 50 seiner Kameraden mussten aus dem WK in Savatan VS wieder abreisen. «Doch die meisten hatten gar keine Zugverbindung mehr.» Betten hatte es aber in der Militärunterkunft auch keine. «Also schliefen einige in den Gängen am Boden.»
Botschaft in Unterbesetzung bewacht
In Kevins* Durchdiener-Kompanie hatte es dafür zu wenig Soldaten. Völlig unterbesetzt sollten sie eine Botschaft in Bern bewachen. «Statt 2 Stunden stehen und 2 Stunden Pause, standen wir 4 Stunden und hatten 15 Minuten Pause.» Manche mussten sogar 8 Stunden am Stück in der Nacht stehen.
Kevin: «Wenn das Militär eine Firma wäre, wäre sie schon längst konkurs.» In der Flieger-RS vor 2 Jahren in Payerne VD wurden 12 Soldaten heimgeschickt. «Die Schweizer Armee ist eine schlecht organisierte Pfadi für Erwachsene», resümiert Marc*.
Zu wenig Betten, zu viele Aufgebotene. So wars auch in Marcels* WK in Gondo VS. Die Überzähligen brachte man kurzerhand in Zivilschutzanlagen unter. «Chüngeli-stall-Feeling – drei Wochen lang.» Immerhin durfte Marcel seinen WK zur geplanten Zeit machen. «Doch Arbeit für alle hatten sie nicht.»
Auch Yves* klagt: «Wir waren 120 zu viel. Der Armeearzt fragte uns, was wir hätten. Wer nichts hatte, dem wurde eine Krankheit aufgezwungen. Dann ab nach Hause.» Doch Yves freute sich zu früh. Ein Jahr später kam ein neuer Marschbefehl. «Eine Frechheit.» Ihm wurde sogar gedroht: Er solle ja nicht an die Öffentlichkeit gehen, sonst erginge es ihm schlecht.
VBS zählte im Fall Kloten nach
Die RS in Kloten ist also nur ein Fall von vielen. Gestern liess auch das VBS nachzählen, wie viele Rekruten am Montag nach Hause geschickt wurden.
Resultat laut VBS-Sprecher Christoph Brunner: Aus der Uem/FU RS 62-3 wurden nicht 70 Männer weggeschickt, wie im BLICK stand. Sondern 58. Davon 32 Rekruten aus medizinischen Gründen. 19 waren einverstanden mit der Verschiebung um ein Jahr. Einer wurde «administrativ» entlassen. 6 hätten sich in eine andere Einheit einteilen lassen. Alles freiwillig, betont das VBS.
Es ändert nichts daran, dass Hunderte Wehrmänner frustriert sind über die Chaos-Armee.
*Namen der Redaktion bekannt
Soldaten bewachen die Deutsche Botschaft in Bern. Solche und ähnliche Dienste können sie nicht immer in idealer Besetzung leisten. (Keystone)
Lesen Sie auch
Angebot
Schweiz
ANZEIGE
Marktplatz
Blick.ch











