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Ins Bad geht Claudia P.* (45) ungern. Denn dort lauert die Erinnerung an den 20. März 2008. «Ich weckte Céline. Sie tapste hinter mir ins Badezimmer.» Die Tochter klagt über Muskelkater im Bein.
Dann sagt sie: «Mami, mir wird schlecht.» Es sind Célines letzte Worte. Dann fällt sie in die Arme ihrer Mutter. Ihr Körper steif wie ein Brett, die blauen Augen weit offen.
«Ich wusste gar nicht, was los ist», sagt die Mutter. «Fühlte keinen Puls mehr.» Der Freund der Mutter, ein Naturheilarzt, beatmet Céline, massiert ihr Herz. Minuten später sind Rettungssanitäter vor Ort.
Im Spital erfährt Claudia P. die schreckliche Wahrheit: «Die Ärzte sagten mir, dass Céline am Abend wohl tot sei – da blieb unser ganzes Leben stehen.» Céline erleidet beidseitig eine schwere Lungenembolie. Seither kann sie weder gehen noch sprechen oder essen.
Bis vor 14 Monaten war Céline eine lebenslustige junge Frau. War Jugi-Leiterin, machte Orientierungsläufe, vergnügte sich im Ausgang. Nach dem KV wollte sie die Matur machen, Psychologin oder Anwältin werden. «Ein richtiger Sonnenschein», sagt Claudia P.
Heute wird Céline rund um die Uhr betreut. In ihrem Magen steckt eine Sonde. Arme und Beine sind spastisch verdreht. «Es gibt Leute, die sagen, Céline wäre besser gestorben.» Ein Schlag ins Gesicht der Mutter, die kämpft, damit ihr Kind wieder nach Hause kommen kann. Derzeit lebt Céline in einer Reha-Klinik im nahen Deutschland.
Vorzeichen für die Embolie gibt es keine: «Céline war kerngesund. Ein Arzt checkte sie Wochen zuvor gründlich ab, weil sie über Haarausfall klagte. Er fand nichts.»
Kurz darauf nimmt Céline erstmals die Pille – ihr Frauenarzt empfiehlt «Yasmin». Aber er verschweigt, welch schwere Nebenwirkungen die Pille haben kann. «Bei Zigaretten schreiben sie die Gefahr gross drauf. Bei der Pille klären die Ärzte nicht mal über die kleinsten Nebenwirkungen auf», so Claudia P.
«Viele glaubten mir zu Beginn nicht, dass die Pille die Embolie verursacht hat.» Doch die verzweifelte Mutter recherchiert und entdeckt: Wegen Yasmin sind weltweit mehrere Todesfälle bekannt (siehe rechts), allein in der Schweiz gab es mindestens viermal eine Embolie. Claudia P. und ihr Anwalt Felix Rüegg machen Hersteller Bayer verantwortlich: «Deren Pille hat meine Klientin geschädigt. Dafür muss Bayer geradestehen», so Rüegg. Der deutsche Pharmamulti beteiligt sich zwar noch an den Pflegekosten für Céline. Aber Ende Jahr soll damit Schluss sein.
Dann steht die alleinerziehende Mutter vor einem Scherbenhaufen: Wenn Bayer nicht mehr zahlt, wird Céline in den Kanton Zürich verlegt, in die Kispi-Rehaklinik in Affoltern am Albis. Für die Mutter heisst das täglich zwei Stunden Fahrt mit dem Auto.
Alle paar Wochen holt sie ihre Céline aus der deutschen Reha-Klinik heim. Der kleine Hausteil auf drei Stockwerken ist alles andere als behindertengerecht. Céline muss durch den Garten gebracht werden. Als Rampen dienen ausgediente Schranktüren. Um den Rollstuhl musste Claudia P. mehrmals bitten – sie bekam am Ende einen aus dem Gebrauchtwarenlager der IV. «Alle sprechen immer von einem schweren Schicksalsschlag. Aber wenn es konkret wird, werde ich vertröstet.»
Der Spiessrutenlauf geht an die Substanz. Seit der Trennung von ihrem Mann arbeitet sie wieder. Seit Célines Zusammenbruch musste sie reduzieren auf 50 Prozent: damit sie ihre Tochter täglich besuchen kann.
«Ich lese ihr vor, erzähle ihr von meinem Alltag oder wir spielen Eile mit Weile.» Céline kann die Figuren zwar nicht selber bewegen – aber mit Handzeichen und Blickkontakt gibt die 17-Jährige zu verstehen, wohin ihre Figur soll.
Der Körper macht nicht mehr, was Céline will. «Geistig ist sie aber noch voll da», betont die Mutter. «Sie begreift, was um sie herum vorgeht. Sie reagiert wie früher.» Und das allein sei doch ein Wunder – sagt die kämpferische Mutter leise.