SVP-Vorwurf gegen Widmer-Schlumpf Sie stieg mit der SP ins Lotterbett

  • Publiziert: 14.03.2008, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Von Georges Wüthrich
play Ist mit heftigen Vorwürfen seitens der SVP konfrontiert: Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf. (Keystone)

BERN — Es wird noch einmal ganz heiss für SVP-Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf (51). Die Messer für einen Parteiausschluss werden plötzlich wieder gewetzt.

Auslöser ist der Dokumentarfilm des Schweizer Fernsehhens vom 6. März: «Die Abwahl – Die Geheimoperation gegen Christoph Blocher» von Hansjürg Zumstein. Der Film stellt in den Raum, dass Widmer-Schlumpf vor ihrer überraschenden Wahl tiefer im Lotterbett mit der SP war als bisher bekannt.

SVP-Präsident Toni Brunner (33), bis jetzt kein Freund lauter Worte, nimmt gegenüber BLICK kein Blatt vor den Mund: «Der Film zeigt, dass Eveline Widmer-Schlumpf hinter dem Rücken der SVP mit dem politischen Gegner gemeinsame Sache gemacht hat.» Und noch schlimmer: «Sie hat die Parteispitze angelogen.» Die Wogen gingen seither hoch an der SVP-Basis.

Deshalb will Brunner handeln: «Noch vor Ostern will ich Klarheit, ob ein Parteiausschluss juristisch möglich ist.» Es gehe ganz klar um ein parteischädigendes Verhalten.

Vor zwei Wochen tönte es noch ganz anders. Nach seiner Wahl zum Parteipräsidenten am 1. März stand Toni Brunner stark auf die Bremse. Der Parteiausschluss der beiden SVP-Bundesräte sei praktisch vom Tisch. Das wäre auch im Sinne der Bevölkerung. Gemäss Umfragen will die Mehrheit nämlich nichts von einem Parteiausschluss der beliebten Bundesrätin.

Nach den heftigen parteiinternen Reaktionen auf den Dokumentarfilm hat Brunner aber genug. Er hat SVP-Bundesrichter Hansjörg Seiler beauftragt, den Ausschluss rechtlich zu beurteilen.

Pikant: Derselbe höchste Richter verfasste schon für die Berner SVP ein Gutachten in der gleichen Sache. Und in dieser Beurteilung, die BLICK vorliegt, kommt Seiler kurz und bündig zum Schluss: «Die SVP Schweiz ist nicht befugt, Bundesrat Schmid oder Bundesrätin Widmer-Schlumpf aus der SVP auszuschliessen.» Würde sie es trotzdem tun, so wäre dieser Beschluss gerichtlich anfechtbar. Über einen Ausschluss könnten nur die SVP-Ortssektionen der Bundesräte entscheiden.

Dies beziehe sich natürlich auf die geltenden Statuten, hält der Bundesrichter fest und fährt vieldeutig fort: «Diese könnten natürlich geändert werden, um weitere Möglichkeiten zu schaffen.»

Und um diese «weiteren Möglichkeiten» geht es jetzt: Kurz nach Ostern, am 4. April, tagt der Zentralvorstand in Sarnen OW. Und der könnte eine Statutenänderung beantragen, damit bei parteischädigendem Verhalten die SVP Schweiz befugt sei, ein Mitglied auszuschliessen.

Tags darauf kommt die Delegiertenversammlung am gleichen Ort zusammen. Und dann könnte das Schwert niedersausen auf Widmer-Schlumpf.

Zuerst die Statuten mit Zweidrittelsmehrheit ändern, danach über den Ausschluss entscheiden.

Dies wäre dann auch nicht ganz statutenkonform, weil solche gewichtigen Traktanden an sich zusammen mit der Einladung bekannt gegeben werden müssten. Aber die offensichtlich immer noch verletzte SVP-Spitze wird versuchen, die Rache nach Ostern zu vollziehen. Da ist ihr der Dok-Film gerade recht gekommen.

Was denken Sie, sollte Bundesrätin Widmer-Schlumpf aus der SVP ausgeschlossen werden? Schreiben Sie uns!

Bündner SVP: «Wir stehen zu Eveline»

Wie käme ein Parteiausschluss von Bundesrätin Widmer-Schlumpf in der Bündner SVP an?

«Es wäre eine ernsthafte Provokation, wir müssten über die Bücher», sagt Ueli Bleiker, Vizepräsident der SVP Graubünden. Bei einer Spaltung der SVP würden beide Seiten nur verlieren. Bleiker bezweifelt nicht, dass die Bündner Bundesrätin auch bei einem Ausschluss aus der SVP Schweiz Mitglied der Ortssektion und der Kantonalpartei bleiben würde: «Wir stehen zu Eveline.» Es sei zu erwarten gewesen, dass der TV-Film die Emotionen im Blocher-Lager wieder aufheizen würde.

Bundesrats-Krimi: Was lief wirklich ab?

12. Dezember 2007: Die Bündner Regierungsrätin Eveline Widmer-Schlumpf (51) wird von der Bundes- versammlung überraschend in den Bundesrat gewählt. Christoph Blocher ist abgewählt.

Am Abend zuvor legte die CVP mit einer Erklärung den roten Teppich zu einer ernsthaften Gegenkandidatur aus: «Die Mehrheit der CVP-Fraktion unterstützt alle bisherigen Bundesräte ausser Christoph Blocher.» SP-Nationalrat Andrea Hämmerle (61) ist im Vorfeld der historischen Stunden die Schlüsselfigur für die Aktion «Eveline».

Wie oft hat der Bündner mit Eveline Widmer-Schlumpf gesprochen, telefoniert, SMS verschickt oder gemailt? Hämmerle tritt selber im Dokumentarfilm «Die Abwahl» nicht auf. SP-Fraktionschefin Ursula Wyss (35) übernimmt diese Rolle und lässt durchblicken, dass sie mehr wusste, als sie sagte.

Der Film stellt fest, dass es mehr Kontakte gab, als bisher bekannt war. Nach BLICK-Recherchen hat man aber vereinbart, dass sich Widmer-Schlumpf nicht öffentlich zu einer Kandidatur äussert. Es gab offenbar keine anderen Absprachen, insbesondere nicht darüber, ob sie eine Wahl annehmen würde. Sie glaubte bis zuletzt auch nicht daran, dass sie überhaupt gewählt werden könnte. Mit ihrem Schweigen hielt sie aber bis zuletzt die Türe für die Anti-Blocher-Front offen.

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