Gewaltdelikte von Frauen haben sich zwischen 2002 und 2008 verdoppelt Sie schlagen, stechen und schiessen

  • Aktualisiert am 14.01.2012
  • Von Beat Kraushaar

Eine Serie brutaler Morde schockiert die Schweiz. Und immer sind die Täter Frauen.

Der Notarzt konnte nur noch den Tod von José A.* (36) feststellen. Die beinamputierte Franziska S.* (41) hatte ihn in ihrer Wohnung erwürgt. Am Freitag liess die Staatsanwaltschaft verlauten, dass die Frau gestanden hatte. Ob es sich bei dem Mord vor zehn Tagen in Adliswil ZH um ein Beziehungsdelikt handelt, ist Gegenstand der Ermittlungen.

Der Erwürgte ist das letzte Opfer einer unheimlichen Mordserie. Schlag auf Schlag wurden in nur einem Monat fünf Menschen getötet, immer von Frauen.

29. August: Erschossen. In einer Tiefgarage in Zürich-Schwamendingen erschiesst die Polizistin Denise S. (34) ihre Geliebte Tamara E. (23) – aus Eifersucht. Danach begeht sie Selbstmord.

22. August: Niedergestochen. Während eines Geburtstagsfestes in Schwyz ersticht eine 25-Jährige den Lebenspartner ihrer Mutter. Wenig später stirbt der 60-Jährige an den Folgen.

14. August: Kehle durchgeschnitten. In der Amigo-Bar in Glarus streiten Olivia H. (28) und Marc V. (24) lauthals. Die Frau geht weg, kommt wieder, zieht ein Messer und schneidet ihrem Ex-Freund die Kehle durch. Rund 50 Gäste sind Zeugen der brutalen Tat.

Männer von Frauen erwürgt, erschossen, erstochen. Wird das schwache Geschlecht immer gewalttätiger? Ein Blick in die aktuelle Kriminalstatistik zeigt: Die Morde sind keine Einzelfälle. Allein in den letzten zwei Jahren mordeten Frauen vierzig Mal. Es stimmt zwar, dass Gewalt immer noch hauptsächlich von Männern ausgeht. Diese verübten im gleichen Zeitraum 338 Tötungsdelikte. Aber die Zahl der gewalttätigen Frauen steigt, und zwar massiv.

2002 wurden 589 Frauen wegen Körperverletzung angezeigt. 2008, nur sechs Jahre danach, waren es bereits 1121. Das entspricht einer Zunahme von beinahe hundert Prozent. Das Phänomen der gewalttätigen und mordenden Frau hat jetzt auch die Experten auf den Plan gerufen. Doch sie tun sich schwer mit Erklärungen.

Für den Kriminologen Christian Schwarzenegger (49) ist die Emanzipation ein möglicher, aber nicht der einzige Faktor. «Studien zeigen, dass sich der Frauenanteil an allen Straftaten seit der Emanzipation verdoppelt hat – von zehn auf rund zwanzig Prozent.» Und wenn Frauen morden, «geht es fast immer um Kindstötungen und Beziehungsdelikte wie die Tötung eines Haustyrannen als letzter Ausweg», sagt Schwarzenegger.

Frauen seien aber generell weniger gewalttätig als Männer. «Sie werden von klein auf anders erzogen. Buben dürfen auch mal aggressiv sein und sich austoben, Mädchen nicht. Deshalb richtet sich die Gewalt von Frauen oftmals auch gegen sie selbst. Sie werden dann psychisch krank», so der Kriminologe von der Universität Zürich.

Aber die alten Rollenbilder geraten ins Wanken. «Wir sehen vermehrt junge Frauen in der Pubertät, die sich in Meitlibanden zusammentun und dann gewalttätig werden», sagt Gerichtspsychiater Josef Sachs (siehe Interview). Auch bei häuslicher Gewalt steht das schwache Geschlecht nicht mehr zurück.

Sachs: «Frauen schlagen in der Beziehung häufiger zu als bisher bekannt.» Nach Untersuchungen des deutschen Kriminologen Michael Bock werden heute genauso viele Männer von Frauen geschlagen wie umgekehrt.

* Namen der Redaktion bekannt

Der Tatort in Zürich Schwamendingen:

«Böse Frauen als Vorbilder»

Was Gerichtspsychiater Josef Sachs (57) über mordende und gewalttätige Frauen sagt.

Sie würgen, stechen, schiessen. Was treibt Frauen zu Brutalität?
Josef Sachs:
Wenn Frauen töten, gibt es einen deutlichen Unterschied zu den Männern. Es sind meistens Beziehungsdelikte. Frauen bringen fast immer den Partner oder das Kind um.

Vier Morde in kürzester Zeit. Immer waren die Täter Frauen. Ist das ein neuer Trend?
Ob Trend, Nachahmungseffekt oder Zufall – eine schlüssige Aussage kann man noch nicht machen. Bis jetzt betrug der Anteil von Frauen, die morden, immer etwa zehn Prozent. Insgesamt kann man aber sagen, dass die Zahl weiblicher Gewalttäter etwas zunimmt.

Was sind die Gründe?
Unter anderem haben Frauen heute in Film und Medien mehr gewalttätige Vorbilder. Waren die Schurken bisher fast immer Männer, sieht man vermehrt auch böse Frauen auf der Leinwand und in Videospielen. Brutale Gewalt wird aber immer noch zum grössten Teil von Männern ausgeübt.

Die werden von der Justiz auch viel härter angefasst …
Das stimmt. Die Justiz geht immer noch davon aus, dass Frauen nur böse sein können, wenn sie psychisch krank sind. Frauen und Gewalt – das passt nicht in ihr Rollenbild.

Erhalten Frauen mildere Strafen?
Ja. Wer als psychisch krank gilt, wird weniger streng bestraft, und es wird eher eine Therapie verordnet.

Müssen wir Männer uns vor gewalttätigen Frauen jetzt in Acht nehmen?
Nein. Wenn Frauen etwa auf ihre Partner losgehen, schmeissen sie meistens mit Gegenständen, kratzen oder schubsen. Das hat nicht die gleichen Verletzungen zur Folge, wie wenn ein Mann zuschlägt.

Interview: Beat Kraushaar

«Tötungsdelikte in der Schweiz rückläufig»

Mit dieser guten Nachrichten vermittelt die Justiz den Eindruck, dass in unserem Land weniger gemordet wird. Die Kriminalstatistik bestätigt dies – vordergründig. Gab es vor sechs Jahren noch 203 Mordopfer, waren es letztes Jahr «nur» noch 151. Für die sinkende Mordrate gibt es eine überraschende Erklärung: «Es gibt nicht weniger Tötungsdelikte, aber die Opfer kommen wegen der Fortschritte in der Medizin häufiger lebend davon als früher», sagt Gerichtspsychiater Josef Sachs.

Die Zahlen geben ihm recht. Vor sechs Jahren überlebten bei 213 Mordversuchen 127 Personen. Fünf Jahre später kamen bei gleich vielen Tötungsdelikten bereits 152 lebend davon – also 25 mehr. Diese Entwicklung ist nicht nur in der Schweiz, sondern auch in anderen Ländern mit einer hohen medzinischen Versorgung zu erklären.
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