Sie lockte ihre Opfer in die Schenkkreis-Falle

KONSTANZ – Ein Schenkkreis soll die Familie Dubey ins Verderben geführt haben. Wie viel Geld in einem solchen Schneeball-System zirkuliert, zeigt eine Liste einer verurteilten Betrügerin.

  • Publiziert: 09.06.2009, Aktualisiert: 13.01.2012
  • Von Roman Neumann

In einem kleinen Dörfchen im Aargau liefen die Fäden bei Annemarie H.* zusammen. Die ehemalige Bankfachfrau kann rechnen. Sie weiss, dass Schenkkreise Betrug sind. Dass das System nicht funktioniert. Trotzdem machte sie mit. Brachte naive Menschen dazu, ihr Geld zu schenken.

Wie Margrit Dubey, ermordete Hausfrau in Grenchen (Blick.ch berichtete). Auch sie versuchte, ihren Bekanntenkreis dazu zu bewegen, im Schenkkreis mitzutun.

In der Schweiz sind diese Schneeballsysteme illegal. In Deutschland nicht. Annemarie H. kannte eine Lösung. «Die karren ihre Opfer mit dem Car nach Deutschland», sagt Rechtsanwältin Dagmar Schön aus München. Zum Beispiel nach Konstanz. Annemarie H. brachte viele dazu. Ihr Kreis wurde immer grösser (siehe Liste).

Annemarie H. hatte sich nach ihrer Karriere als Bankfachfrau weitergebildet, zur «medialen Lebensberatung», sie vermittelt «emotionale Balance». Eine bekannte Masche. Die Schenkkreise umweht ein esoterischer Hauch, man beschenkt sich, das Schenken wird zum Ritual gemacht.

Wie die ermordete Margrit Dubey hat sich auch Annemarie H. auf die Wundermittelchen spezialisiert. Sie wirbt heute im Internet für dieselbe Firma, deren Produkte auch Margrit Dubey in Grenchen zu verkaufen versuchte.

Zwei Frauen wehrten sich

Es ist ein knallhartes Geschäft. Es geht nur ums Geld. Obwohl es als gegenseitige Hilfe verkauft wird. Annemarie H. schreibt im Internet: «Mein Ziel ist in Mallorca ein Zweitwohnsitz.» Dafür brauchte sie Geld.

Zwei betrogene Frauen aus dem Schenkkreis wollten jedoch den Verlust von je 20000 Euro nicht einfach so hinnehmen. Sie verklagten Annemarie H. vor dem Landgericht in Konstanz. Mit Erfolg. Annemarie H. musste den beiden den ergaunerten Betrag zurückerstatten. Mit Zinsen.

Die Liste von Annemarie H. umfasst über 150 Personen, die sich je mit 7500 oder 15000 Franken beteiligten. Eine unfassbare Summe. Aus den Akten, die Blick.ch vorliegen, wird ersichtlich, dass die von allen so ersehnte Schenkung nur zu Beginn an einige wenige erfolgte. Alle anderen gingen leer aus.

Annemarie H. will zu dem Betrüger-Zirkel nichts sagen. «Das ist schon zu lange her.» Das Urteil des Landgerichts Konstanz ist datiert auf letztes Jahr.

* Name der Redaktion bekannt

Interview mit der Rechtsanwältin

Frau Dagmar Schön, Sie vertreten in Deutschland auch Schweizer Geschädigte, die ihre Ersparnisse in Schenkkreise gesteckt haben.
Ja, ich treffe da auf einige traurige Schicksale.

Zum Beispiel?
Alleinerziehende Mütter, die ihre letzten Ersparnisse zusammengekramt haben. Oder einige, die sogar einen Kredit aufnehmen, nur um bei einem Schenkkreis dabei sein zu können.

Da sind diese Leute aber selber schuld.
Natürlich, aber oftmals ist es so, dass man von jemandem angesprochen wird, dem man vertraut. Der beste Freund, die beste Freundin. Einer meiner Klienten wurde gar von seinem Hausarzt für einen Schenkkreis angeworben. Das sind Leute, denen man vertraut. Da gehen jahrelange Freundschaften in die Brüche.

Aber warum vertrauen diese Leute einem dubiosen System?
Es ist dasselbe Problem wie in der Finanzkrise. Man hofft auf das Unmögliche, es ist eine sogenannte sinnliche Wahrnehmung.

Das heisst, man vergisst, rational zu denken?
Genau. Man wird eingeschleust, geht in ein 5-Sterne-Hotel und sieht alle diese schicken Menschen. Da lässt man sich gerne täuschen. Der Ort spielt auch immer eine Rolle.

Wie meinen Sie das?
Es gab in München einen Ort, der als höchst seriös eingestuft wurde – doch an dem wurden Schenkkreise durchgeführt. Die Leute dachten nie und nimmer, dass hier etwas Dubioses geschehen würde.
play Annemarie H.: Musste Geld zurückzahlen. (ZVG)

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