Post plant neues System Sie haben Post! Und der Pöstler hat sie schon gelesen

  • Publiziert: 31.10.2008, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Marcel Speiser
play Mit Computer: So sieht der digitale Briefkasten aus.

Die Post hat einen brisanten Plan: Das Internet-Postfach soll den Briefkasten vor der Haustür ersetzen. Schon in gut zwei Monaten will die Post damit starten.

Zum Thema Postgeheimnis heisst es im Strafgesetzbuch klipp und klar: «Wer eine verschlossene Sendung öffnet, wird mit Freiheitsstrafe bis zu 3 Jahren oder Geldstrafe bestraft.»

Doch genau das plant die Schweizerische Post: Sie will Couverts öffnen, scannen und in neu-artige digitale Internet-Briefkästen zustellen. Schon im Januar soll es losgehen – mit einem Versuchsbetrieb.

Den digitalen Online-Briefkasten lanciert die Post als erste Firma ausserhalb der USA. In Zusammenarbeit mit dem Unternehmen Earth Class Mail aus Seattle. Bei
ihr haben schon Zehntausende Firmen und Privatpersonen einen digitalen Briefkasten eingerichtet.

Dort landet alles, was bislang der Briefträger an die Haustür gebracht hat: Postkarten, Rechnungen, Liebesbriefe, Werbung, Bankbelege und Prospekte. Earth Class Mail stellt jeden Monat 250 000 Briefe elektronisch zu.

Jetzt wollen die Amerikaner ihre Technologie an andere Firmen verkaufen. Angebissen hat die Post in der Schweiz. Eine Absichtserklärung ist bereits unterschrieben, wie Post-Sprecher Mariano Masserini die BLICK-Recherchen bestätigt: «Wir beabsichtigen, diese Dienstleistung als Lizenznehmer zu vertreiben.»

Masserini betont zwar: «Der definitive Vertrag steht noch nicht.» Aber schon nächste Woche kommen Manager von Earth Class Mail nach Zürich, um die Details zu besprechen.

Post-Konzernleitungsmitglied Frank Marthaler ist schon ganz aus dem Häuschen: «Wir sind aufgeregt und stolz, das erste Post-Unternehmen zu sein, das vorwärtsmacht», wird er von Earth Class Mail in einer Mitteilung zur Partnerschaft zitiert.

Aber was ist mit dem Postgeheimnis? «Wenn es nicht gewährleistet werden könnte, würde die Post die Dienstleistung nicht anbieten», sagt Sprecher Masserini. Der Datenverkehr erfolge verschlüsselt.

Fakt aber bleibt: Sinnvoll nutzen lässt sich der digitale Briefkasten nur, wenn man als Kunde der Post den Auftrag gibt, die Couverts zu öffnen, einzuscannen und zuzustellen. Das muss ein Mensch machen. Denn noch gibt es keine Maschinen, die vollautomatisch Couverts öffnen und scannen können.

Also könnte der Pöstler die Post lesen. Was heikel ist, selbst wenn alle Mitarbeitenden ans Postgeheimnis gebunden sind.

Immerhin: Als Kunde bekommt man zuerst ein Bild des verschlossenen Briefes in den neuartigen Briefkasten zugestellt. Dann kann man selbst entscheiden, ob das Couvert geöffnet und gescannt wird. Oder ob man es doch ganz normal via Briefträger bekommen will.

Neben den Problemen punkto Privatsphäre hat der digitale Briefkasten auch Vorteile. Man kann seine Post von jedem Computer der Welt ansehen. Und wenn man mehrere Adressen hat – zum Beispiel eine Ferienwohnung –, kann man sämtliche Post ins Internet-Postfach umleiten lassen.

Vorteile hat das Ganze aber auch für die Post. Sollte der Dienst bei den Kunden gut ankommen, kann sie langfristig bei der Haustür-Zustellung sparen. Und schon jetzt kann sie ihre Umsatzverluste im Briefverkehr kompensieren. Wegen immer mehr E-Mails gibt es immer weniger Briefe (siehe Grafik). Masserini sagt klar: «Die Post will mit dem neuen Dienst ihren Umsatz steigern.»

Was der neue Briefkasten kosten wird, ist noch nicht klar. «Wir werden ein ähnliches Preismodell verwenden wie Earth Class Mail in den USA», heisst es. Dort kostet das Einrichten des Online-Postfachs umgerechnet knapp 30 Franken. Und dann – je nach Briefvolumen – zwischen 12 und 70 Franken pro Monat.

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