«Sexuelle Gewalt unter Kindern nimmt zu»

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ZÜRICH – Was treibt Kinder oder Jugendliche dazu sich an Gleichaltrigen zu vergehen? Die Psychologin Regula Schwager beantwortete Fragen im Chat.

In Steffisburg missbrauchten mehrere Burschen im Alter von 15 bis 18 Jahren ein 14-jähriges Mädchen. Im Sommer attackierten zwei 10- und 13-jährige Knaben eine Fünfjährige.

Diese Fälle sind keine Einzelfälle. Aber sie werfen Fragen auf. Zahlreiche Blick-Online-Leser wollten Antworten von der Psychologin Regula Schwager. Die Mitarbeiterin des Beratungszentrums Castagna war bei uns im Chat.

Manu, Benken: Wie kommen denn eigentlich so junge Leute auf die Idee ein Mädchen zu missbrauchen?
Regula Schwager, Psychologin Beratungsstelle Castagna: Bei sexuellen Übergriffen an Kindern spielen immer diverse Faktoren eine Rolle. Diese können soziale, psychische, familiäre, schulische usw. sein. Allen gemeinsam aber ist, dass zwischen Tätern und Opfern immer ein Machtgefälle besteht und dieses ausgenützt wird. Das heisst also, ich demütige dich, damit ich mich stark und mächtig fühle.

Roland Knuppi, Tagelswangen: Persönlich nehme ich eine Zunahme der Sexualdelikte bei Jugendlichen wahr. Gleichzeitig frage ich mich aber: War es «früher» wirklich besser? Oder hat man einfach geschwiegen und Gras über die Sache wachsen lassen? (Für die Opfer machts die Sache selbstverständlich nicht weniger schlimm – auch wenns vielleicht früher auch schon so war!)
Regula Schwager: Kinder wurden schon immer sexuell ausgebeutet. Heute wird das Thema jedoch öffentlicher behandelt als früher. Das «Gesicht» der Übergriffe verändert sich aber im Laufe der Zeit immer wieder. Auch wir bei der Beratungsstelle Castagna nehmen eine deutliche Zunahme der sexualisierten Gewalt unter Kindern und Jugendlichen wahr.

Lang Robert Magden: Frau Schwager. Bitte schauen Sie nicht nur die Jungen als Verbrecher an. Es kam sicher auch sehr viel von dieser jungen Frau.
Regula Schwager: Die Verantwortung bei sexuellen Übergriffen ist immer bei den Tätern zu suchen. Es gibt meines Erachtens niemals eine Legitimation für Gewalt jedwelcher Art und somit auch keine Mitschuld der Opfer.

Erika Weil, Zürich: Finden Sie, wir leben in einer «übersexten» Gesellschaft, oder hatte Sex und Erotik auch früher so einen hohen Stellenwert?
Regula Schwager: Ich denke, dass Sexualität auch früher schon eine grosse Anziehungskraft auf Menschen ausübte. Heute wird dieses Thema sicherlich in viel grösserem Masse öffentlich diskutiert und gezeigt.

Hanny Zwahlen, Bern: Müssen die jungen Menschen früher und besser aufgeklärt werden, damit solche Taten nicht mehr passieren?
Regula Schwager: Eine differenzierte Sexualaufklärung von Kindern ist sehr wichtig. Zudem ist es enorm von Bedeutung, dass Kinder einen respektvollen Umgang mit Grenzen vorgelebt bekommen und dieser auch in der Schule thematisiert wird. Da aber bei Kindern viele verschiedene Faktoren dazu führen können, dass sie tätlich werden, können Übergriffe so nicht ganz verhindert werden. Leider!

Al Heller, Sedrun: Guten Tag Frau Schwager, ist der Fall von Steffisburg nicht auch ein Fall, wo das spätere Opfer anfänglich mitmachte und ab einem gewissen Punkt nicht mehr wollte, was die Täter dann ignorierten? Mich dünkts, diese Problematik wird zuwenig angesprochen.
Regula Schwager: Über den Fall von Steffisburg habe ich konkret zu wenig Informationen, um diese Frage zu beantworten. Grundsätzlich ist es jedoch so, dass ein Mensch, der mit einem anderen Zärtlichkeiten austauscht, jederzeit «nein» sagen darf und dieses «Nein» muss vom anderen absolut respektiert werden. Wenn dieses «Nein» ignoriert wird, ist das ein Übergriff.

Lea, Chur: Hallo, ich kann nicht verstehen, warum Kinder solche schrecklichen Dinge machen?
Regula Schwager: Wie schon gesagt, spielen diverse Faktoren eine Rolle, wenn ein Kind tätlich wird. Kein Kind, dem es in allen Bereichen gut geht, beutet andere Kinder aus.

Eveline Schaffner, Gansingen: Liebe Frau Schwager, was passiert mit den Tätern, wenn sie älter werden?
Regula Schwager: Ich bin nicht auf die Psychotherapie von tätlichen Kindern spezialisiert. Bei Castagna machen wir diverse Erfahrungen. Einige der tätlichen Kinder und Jugendlichen hören mit den Übergriffen auf, wenn diese auffliegen und adäquat thematisiert werden. Andere beuten weiter aus und oft werden die Taten dann mit der Zeit schwerer.

Al Heller, Sedrun: Sehen Sie eine Zunahme dieser sexuellen Übergriffe von Minderjährigen auf Minderjährige? Hat das wirklich mit Internet und Handys zu tun?
Regula Schwager: Heute sind Bilder von sexuellen Handlungen unter Erwachsenen allseits zugänglich. Auch für Kinder. Diese sind mit diesen Darstellungen überfordert, weil sie sexuelle Handlungen zeigen, die nicht kindgerecht sind.

Lena, Basel: Guten Tag Frau Schwager, als Mutter von drei schulpflichtigen Kindern fällt mir leider immer wieder auf, dass fremdsprachige Kinder gewaltbereiter sind. Ich versuche meinen Kindern Respekt vor allen Mitmenschen beizubringen, aber in Anbetracht des heutigen Schulalltags wird das immer schwieriger. Wie kann ich meinen Kindern solche Taten erklären und wie kann ich sie schützen ohne sie zu verängstigen?
Regula Schwager: Ihre Kinder brauchen klare und deutliche Stellungnahmen gegen Gewalt und Übergriffe durch Erwachsene. Leider können sie Ihre Kinder nicht zu 100 Prozent vor Gewalt schützen. Unterstützen Sie sie beim «nein« sagen und suchen sie gemeinsam nach Lösungsstrategien bei brenzligen Situationen.

Al Heller, Sedrun: Dürfen zum Beispiel eine 13-Jährige und ein 14-Jähriger Sex miteinander haben, also einen Koitus praktizieren? Oder ist das laut Gesetz verboten?
Regula Schwager: Jegliche sexuellen Handlungen mit Kindern unter 16 Jahren sind verboten. Einzige Ausnahme ist, wenn der Altersunterschied zwischen den Beteiligten maximal 3 Jahre beträgt. Die geschilderte Konstellation ist also nicht strafbar, ausser sie geschieht ohne Einwilligung der einen Person.

Al Heller, Sedrun: Wie kann man einem Opfer helfen? Ist es zum Beispiel gut, wenn es in eine neue Umgebung kommt?
Regula Schwager: Das wichtigste ist, das Opfer vor weiteren Übergriffen zu schützen. Wir wissen, dass die dauernde Konfrontation des Opfers mit den traumatischen Ereignissen enorm belastend und schädlich für das Opfer ist. Örtlichkeiten, an denen Übergriffe geschehen sind, Beteiligte usw. werfen das Opfer emotional immer wieder in diese schlimme Situation. Deshalb wählen einige Betroffene einen Umzug oder eine andere Schule. Das kann Vorteile haben, bedeutet aber auch einen Verlust von vielen, das wichtig ist und war für das Opfer. Es ist wichtig, dass alle Schritte sorgfältig abgewogen werden, bevor man handelt.

Regula Schwager: Vielen Dank für Ihr grosses Interesse. Leider konnte ich nur eine kleine Auswahl Ihrer Fragen beantworten. Falls Sie Hilfe in konkreten Fällen brauchen, wenden Sie sich bitte an die Beratungsstelle Castagna.

Publiziert am 16.11.2006 | Aktualisiert am 23.02.2016
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