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BLICK: Herr Binswanger, macht Glücksforschung glücklich?
Mathias Binswanger: Mir geht es gut dabei, danke.
Das müssen Sie ja sagen.
Wieso? Ein unglücklicher Glücksforscher wäre doch eine interessante Figur!
Stimmt. Aber bleiben wir beim Thema: Warum sind Sie glücklich?
In meinem Beruf kann ich mich mit Dingen beschäftigen, die mich wirklich interessieren. Zudem kann ich meine Zeit selbst einteilen.
Nun lebt aber auch ein Glücksforscher nicht vom Beruf allein.
Richtig. Die Forschung zeigt: Je aktiver das soziale Leben eines Menschen, umso glücklicher ist er.
Das heisst konkret?
Man trifft sich mit Freunden, hat Spass mit Frau, Freundin oder Freund. Man kegelt, trinkt ein Bier, hat Sex, egal. Entscheidend ist: Man hängt nicht jeden Abend vor der Kiste.
Fernsehen macht unglücklich?
Jedenfalls nicht glücklich. Obwohl es viele sehr oft und lange tun.
Beruf, Freunde, Aktivitäten, Hobbys. Wieso erwähnen Sie Geld nicht?
Weil die Beziehung zwischen Geld und Glück schwierig ist.
Geld macht nicht glücklich?
Wenn man kein Geld hat, macht Geld glücklich. Aber wenn man ein bestimmtes Einkommen erzielt, spielt mehr Geld keine Rolle mehr fürs Glücksempfinden.
Was heisst das in Franken?
Ich sage es lieber in Dollar. Die Grenze liegt bei rund 20000 Franken Einkommen. In Ländern, in denen das Einkommen tiefer liegt, gibt es einen Zusammenhang zwischen mehr Geld und mehr Glück. Darüber hinaus trägt mehr Geld nicht zu mehr Glück bei.
Wenn das stimmt, müssten wir Schweizer ja alle megaglücklich sein. Am Morgen im Tram habe ich einen ganz anderen Eindruck.
Ich auch. Das Problem ist, dass die Menschen relativ und nicht absolut denken!
Wie bitte?
Ein Beispiel: Wir sind im Fussballstadion auf der Tribüne. Alle sitzen und schauen dem Match zu. Jetzt kann sich einer einen Vorteil verschaffen, indem er aufsteht. Nach kurzer Zeit werden alle aufstehen, um wieder gleich viel vom Match zu sehen. Der Vorteil des Einzelnen ist dahin.
Und was hat das mit Geld und Glück zu tun?
Sehr viel! Das Aufstehen auf der Tribüne ist wie die Steigerung des Einkommens. Sobald sich einer schneller steigert als die Masse, geht es ihm gut. Wenn die Masse als Ganzes das Einkommen erhöht, geht es allen gleich gut wie vorher. Das erklärt, weshalb auch in der reichen Schweiz nicht alle glücklich sind. Der Mensch vergleicht sich mit anderen.
Das heisst: Je ärmer Ihr Nachbar ist, desto glücklicher sind Sie?
Ja. Typischerweise vergleicht man sich mit Arbeitskollegen, Nachbarn, Familienmitgliedern. Mit Leuten, die in einer ähnlichen Situation sind wie man selbst. Ein Bettler beneidet keinen Millionär, sondern einen anderen Bettler, der mehr bekommen hat als er.
Alles ist relativ, auch das Glück?
Wenn Sie 5000 Franken verdienen und alle anderen 5500 Franken, sind Sie wahrscheinlich weniger glücklich, wie wenn Sie 4000 Franken bekommen und alle anderen 3900 Franken. Obwohl es allen schlechter geht.
Das ist doch widersinnig!
Nein, menschlich. Aber es passt nicht ins Bild der herkömmlichen ökonomischen Theorie.
Noch schlechter geht es mir allerdings, wenn ich gar nichts verdiene, weil ich arbeitslos bin.
Das ist richtig. Arbeitslose sind fast immer unglücklicher als Menschen, die Arbeit haben. Das gilt vor allem für ältere Männer. Ihr Sozialprestige hängt voll an dem, was sie beruflich machen.
Sie als Glücksexperte: Was ist Ihr Tipp für ein glücklicheres Leben?
Es ist besser, ein grosser Frosch in einem kleinen Teich zu sein, als ein kleiner Frosch in einem grossen Teich. Suchen Sie sich den Teich, in dem Sie selbst ein grosser Frosch sind! Seien Sie lieber ein lokaler Held als ein globaler Verlierer!